https://www.faz.net/-gqz-7koiy

Manifest des Akzelerationismus : Die Revolution soll sich beeilen

  • -Aktualisiert am

Lokalität als Nachteil

Im Mittelpunkt ihrer Aktivitäten wie des Merve-Bandes steht das „Manifest für eine akzelerationistische Politik(Link zur übersetzen Fassung), das im Sommer 2013 online von Nick Srnicek und Alex William publiziert wurde. Beide sind Doktoranden in London und so jung, dass im Merve-Band bei den autobiographischen Daten ihre Geburtsjahre fehlen, also sind sie wohl in den 1980ern geboren. Ihr Manifest ist wie alle Manifeste seit dem „Kommunistischen Manifest“ von Marx und Engels zuerst ein sprachliches Ereignis. Und sprachlich ist es von einer Klarheit, die sich vor ihren Vorgängern nicht verstecken muss.

Zuerst wird die Lage bestimmt. Die Katastrophen des 21. Jahrhunderts sind neu. Als bedeutendste Katastrophe, sozusagen als Hyperobjekt der gegenwärtigen Lage, machen sie den Klimawandel aus: Keine Bedrohung sei größer. Begleitet von der zunehmenden Automatisierung der Produktionsprozesse, auch der „geistigen Arbeit“, wird es dem Kapitalismus bald unmöglich sein, auch nur den jetzigen Lebensstandard der einstigen Mittelschicht der nördlichen Hemisphäre aufrechtzuerhalten. Als besonders auffällig empfinden sie die nicht enden wollenden aggressiven Vorstöße der Privatwirtschaft in den Restbereich sozialstaatlicher Leistungen. Dagegen sehen sie weltweit in der Linken kein Kraut wachsen. Zum einen hängt das mit der Tatsache zusammen, dass die Bedingungen, die die Nachkriegssozialdemokratie entstehen ließen, nicht mehr gegeben sind. Und zum anderen damit, dass es auch die neosozialistischen Regime Südamerikas nicht schaffen, eine Alternative zu entwickeln, die über einen Sozialismus aus der Mitte des 20. Jahrhunderts hinausgeht. Mut machen die Südamerikaner aber trotzdem, einfach weil sie es immerhin schaffen, den Glaubenssätzen des zeitgenössischen Kapitalismus zu widerstehen, und noch ein Gespür für die Bedeutung von Organisationen haben, die über die lokale Verwaltung von Problemen und Meinungen hinausgehen. Dadurch unterscheiden sie sich auch von den sozialen Bewegungen, die nach dem Ende des Kalten Krieges entstanden sind.

Ohne die Occupy-Bewegung beim Namen zu nennen, werfen William und Srnicek den Occupy-Leuten vor, einen „neo-primitivistischen Lokalismus“ zu fördern, „als könne man sich der abstrakten Gewalt des globalisierten Kapitals mithilfe der fadenscheinigen und flüchtigen ,Authentizität‘ der unmittelbaren Gemeinschaft widersetzen“. Auch halten die beiden nicht viel von der Fetischisierung basisdemokratischer Prozesse, wie sie die SPD gerade mit ihrer Mitgliederbefragung zum Koalitionsvertrag durchgeführt hat. Zur Formulierung einer politisch-ideologischen Vision tragen solche Prozeduren in der Regel nichts bei. Im Gegenteil: Die Fetischisierung von Offenheit, Horizontalität und Inklusion seitens der Mehrheit der Linken habe erst die Voraussetzungen für ihre Wirkungslosigkeit geschaffen: „Zum wirksamen politischen Handeln gehören ebenfalls (wenn auch selbstverständlich nicht nur) Geheimhaltung, Vertikalität und Exklusion“, heißt es an einer entscheidenden Stelle des Manifestes.

Weitere Themen

Mit wendiger Eleganz

Pianistin Janina Fialkowska : Mit wendiger Eleganz

Von ihrem Mentor Artur Rubinstein lernte sie: Man muss Chopin wie Mozart und Mozart wie Chopin spielen. Sie tut es mit Schlagfertigkeit und Noblesse. Jetzt wird die Pianistin Janina Fialkowska siebzig Jahre alt.

Topmeldungen

Am Ende der Welt: der Checkpoint Kalanchak zur Krim

Russlands Okkupation : Kein Wasser für die Krim

Im Donbass wird fast täglich geschossen, um die Krim aber ist es ruhig. Welche Ziele Russland hier verfolgt, verrät ein Blick auf das Asowsche Meer. Eine Reise im Süden der Ukraine.
Windräder in Hessen

CO2-Reduktion : Die Klimawahl

Union und SPD verschärfen die Klimaziele. Aber um die eigentlichen Fragen drücken sie sich herum. Wo etwa sollen neue Stromleitungen entstehen und wie stark steigt der CO2-Preis?
Denkraum der Besonnenheit: Beuys im Berliner Gropius-Bau, 1982

Joseph Beuys und die Museen : Der Tod hielt ihn wach

Die wenigen Häuser, in denen er seine Werke einst eigenhändig eingerichtet hat, hüten diese Räume heute wie die Sixtinische Kapelle: Wie die Museen Beuys’ Erweiterten Kunstbegriff erweiterten.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.