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Welterbe in Timbuktu : Afrikas Schatz in Stahlkisten verpackt

In Timbuktu hielt man die Schätze lange lieber geheim. Bild: Marcus Kaufhold

Mit deutscher Hilfe wurden legendäre Manuskripte aus Timbuktu vor den Islamisten in Sicherheit gebracht. Eines Tages sollen sie dorthin zurückkehren.

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          In der zweiten Woche nach dem Einmarsch der Islamisten in der malischen Stadt Timbuktu dachten Abdel Kader Haidara und seine Kollegen noch, dass sich ihr Lebenswerk in der Stadt selbst bewahren ließe. Sie versteckten knapp 300.000 Handschriften aus öffentlichen und privaten Bibliotheken in diversen Häusern in Timbuktu und hofften, dass der Spuk irgendwann vorübergehen werde und die Manuskripte dann wieder ihren alten Platz einnehmen könnten.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Das war Anfang April 2012, kurz nach dem Militärputsch gegen die malische Regierung, der den Vormarsch der Islamisten und der Tuareg aus dem Norden des Landes begünstigte. Drei Monate später zerstörten die Invasoren mehrere historische Grabmäler, die zum Unesco-Welterbe gehörten. Tage zuvor hatte die Kulturorganisation der Vereinten Nationen noch vor der Zerstörung gewarnt. In dieser Situation, sagt Abdel Kader Haidara, Bibliotheksleiter in Timbuktu, sei allen klargeworden, dass die Manuskripte in der Stadt nicht mehr sicher seien. Schließlich gehörten auch sie zum Welterbe der Unesco. Und dass deren Appelle Terroristen im Zweifel nicht stoppen können, sondern ihnen möglicherweise sogar die gewünschte Aufmerksamkeit verschaffen, hatte sich vor aller Augen gerade gezeigt. Also begann, wesentlich organisiert von Haidara, der heimliche Exodus der Manuskripte aus der Stadt, in der sie zum Teil seit achthundert Jahren gelagert hatten.

          Die Schätze geheim halten

          Spätestens seit der maurische Prinz al Hasan ibn Muhammad al Wazzan, der sich in Rom Leo Africanus nannte, im frühen sechzehnten Jahrhundert seine Reisebeschreibung Nordafrikas verfasste, ist die Stadt Timbuktu auch in Europa als Hort unerhörter Gelehrsamkeit bekannt. Der Prinz staunte über den Reichtum der Stadt an Manuskripten, deren Handel lukrativer sei als der mit allen anderen Waren, und über den Bildungshunger der Bevölkerung. Soweit sich der Bestand heute überschauen lässt, haben in und um Timbuktu einige hunderttausend Handschriften aus dem zwölften bis zum zwanzigsten Jahrhundert die Zeiten überdauert. Sie enthalten naturkundliche und literarische, religiöse, historische und ökonomische Texte, die oft nur hier überliefert sind.

          Die Handschriften aus Timbuktu werden in Malis Hauptstadt Bamako restauriert und digitalisiert.

          Neben Auslegungen des Korans gibt es auch Texte über die Menschenrechte oder über die Koedukation von Mädchen und Jungen, und was die Auswertung und die Publikation der handschriftlichen Chroniken einmal für die Geschichtsschreibung Afrikas bedeuten werden, ist gar nicht abzusehen. Die meisten sind auf Papier geschrieben, das aus Europa importiert worden ist, mit Tinte aus lokaler Produktion, andere auf Pergament. In manchen Häusern wurden sie auf Tischen, Fußmatten und Fenstersimsen gestapelt, in anderen gab es für die Manuskripte eigene Räume, zu denen Kinder keinen Zutritt hatten und in denen essen verboten war. Der überwiegende Teil war außerhalb der alten Familien Timbuktus, die sie hüteten, völlig unbekannt. Denn als die Bewohner der Stadt wahrnahmen, wie der Mythos der Stadt Fremde anzog, die – zumal in der Kolonialzeit seit dem neunzehnten Jahrhundert – gezielt nach Handschriften auf der Jagd waren, hielten sie ihre Schätze geheim.

          Die Terroristen interessierten sich plötzlich für die Handschriften

          Erst seit den siebziger Jahren gab es Bemühungen in Timbuktu, das kollektive Handschriften-Erbe zu sichten und systematisch zu erfassen. Auch die Familie des 1964 geborenen Haidara, die über eine große Handschriftensammlung verfügt, beteiligte sich daran. 1973 wurde die Ahmed-Baba-Bibliothek gegründet, in der Manuskripte aus unterschiedlichen Sammlungen zusammengeführt und untersucht wurden. Haidara, der in Marokko Bibliothekswesen studierte, berichtet im Gespräch, wie die Mitarbeiter des Instituts die Familien besuchten und sie davon überzeugten, ihre Handschriften ganz oder leihweise der Forschung zur Verfügung zu stellen.

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