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Männerbund : Fidel und Gabo: Freunde bis zum Grab

Unkündbare Freundschaft: Gabriel García Márquez und Fidel Castro Bild: AP

In der Freundschaft von Fidel Castro und Gabriel García Márquez spiegelt sich Kubas Geschichte. Zugleich ist sie heute wohl das krasseste Beispiel für die Beeindruckbarkeit eines Künstlers durch die Macht.

          6 Min.

          Als die amerikanische Schriftstellerin Susan Sontag im April letzten Jahres auf der Buchmesse von Bogotá die Frage zu stellen wagte, warum Gabriel García Márquez sich nicht dem Protest gegen die Repressionswelle in Kuba angeschlossen habe, wußte sie genau, was sie tat. Sie forderte von einem eminent politischen Schriftsteller politisches Engagement. Und sie forderte jene Glaubwürdigkeit, die auch der Portugiese José Saramago bewiesen hatte, als er sich nach den drakonischen Haftstrafen gegen mehr als siebzig kubanische Regimekritiker von Fidel Castro distanzierte. Was Susan Sontag wohl nicht wußte, war, daß sie etwas ganz und gar Unmögliches verlangte. Denn der Schriftsteller und der Revolutionsführer, der eine sechsundsiebzig, der andere siebenundsiebzig Jahre alt, sind seit langem eng befreundet.

          Paul Ingendaay
          (P.I.), Feuilleton

          Dieses Bündnis, in hundert Feuern geschmiedet, übersteigt nicht nur jede politische Komplizenschaft, es ist unkündbar. "Ich gehöre zu denen, die sich mit ihren Freunden begraben lassen", hat der kolumbianische Nobelpreisträger im Ton seiner großen Romane einmal gesagt. Und: "Fidel Castro gehört zu den Menschen, die ich am meisten liebe." Das soeben erschienene Buch "Gabo y Fidel" von Ángel Esteban und Stéphanie Panichelli (Madrid, Verlag Espasa Calpe) zeichnet die Kurve dieser Freundschaft gewissenhaft nach. Aus zahlreichen Interviews und entlegenen Quellen konstruieren die beiden Philologen von der Universität Granada ihren Fall. Das Ergebnis ist eine dramatische, teils überaus bedrückende Lektüre. Dabei macht das Buch García Márquez literarisch nicht kleiner, eher im Gegenteil: Es erhöht ihn zu einem Künstler, der die Themen seiner Bücher - den Oberst, dem niemand schreibt, den Herbst des Patriarchen, den General in seinem Labyrinth - im wirklichen Leben und unter Einsatz seiner ganzen Person weiterspinnt. Doch zugleich treten die Konturen einer persönlich-ideologischen Allianz hervor, die handfeste Folgen hat. Das Tandem "Gabo und Fidel" stellt heute vermutlich das krasseste Beispiel für die Beeindruckbarkeit, wenn nicht Verführbarkeit eines Künstlers durch die politische Macht dar.

          „Nicht mehr viel Freude am Haus“ - Fidel lädt die Gäste aus

          Gabriel García Márquez ist in der lateinamerikanischen Szene nicht erst seit der Zuerkennung des Nobelpreises 1982 eine mythische Figur. Das gilt kurioserweise auch dann, wenn er physisch zum Greifen nah ist. Bringt man gegenüber kubanischen Schriftstellern, die nicht mit Castros Regime paktieren, die Rede auf García Márquez, erscheint sein Wirken wie in Nebel gehüllt. Er mag anwesend sein, doch kaum hat man ihn gesichtet, entzieht er sich wieder den Blicken des gemeinen Volkes und verschwindet im Dunstkreis der Mächtigen. Daß er sich beim Filmfestival von Havanna im Dezember Wolfgang Beckers Film "Goodbye, Lenin" angesehen hat, erzählen gleich mehrere Gesprächspartner, ohne daß man sie danach fragen müßte. "Ich saß nur wenige Reihen hinter ihm", sagt eine Bekannte. "Gabo kam zur Premiere! Ich glaube, der Film hat ihm gefallen!"

          Das ist sicherlich schön. Schwieriger wird es, wenn die Rede auf die Villa kommt, die Fidel Castro ihm geschenkt hat. "Wißt ihr, wo diese Villa liegt?" Kopfschütteln. Das verwunschene Anwesen liegt im Prominentenviertel Havannas, soviel ist bekannt, aber niemand von den jüngeren Autoren hat es je gesehen. "Man kommt nicht heran", sagt einer, den wir Eduardo nennen, "das Gebiet ist hermetisch abgeriegelt." Eine Schriftstellerin vermutet, die Villa gehöre gar nicht García Márquez, er dürfe sie nur benutzen, wenn er sich in Havanna aufhalte. "Oder glaubst du, so eine Luxusunterkunft steht in diesem Land monatelang leer?" Ein anderer, den wir Jorge nennen, glaubt, García Márquez habe nicht mehr viel Freude an seinem Haus, denn manchmal tauche mitten in der Nacht Castro auf, so daß anwesende Gäste unverzüglich das Feld räumen müßten.

          „Jetzt sind wir geliefert“ - Fidel redet

          Wie Zauberfäden wickeln sich Spekulationen um den geheimen Ort, an dem sich die beiden charismatischsten Lateinamerikaner des zwanzigsten Jahrhunderts (Che Guevara ausgenommen) zu nächtlichen Gesprächen treffen. Zu den Erwählten, die das Haus kennen, gehört neben regimetreuen Autoren wie Miguel Barnet oder dem kubanischen Kulturminister Abel Prieto auch der befreundete peruanische Schriftsteller Alfredo Bryce Echenique, der in seinen "Antimemorias" eine bemerkenswerte Szene geschildert hat. Fidel Castro, so Bryce Echenique, sei aufgetaucht, wenn sie es am wenigsten erwartet hätten. "Dabei zeigte er zu einer Tageszeit, zu der man sich sonst gern ausruht, sein innerstes Wesen und seine tausendjährige Einsamkeit. Bevor er kam, senkte sich eine unglaubliche Stille auf uns herab. Man hörte geradezu die Geräusche der Luft und des Schweigens. Dann tauchte Fidel auf, und alle freuten sich. Außer Gabo, dessen Gesicht zu sagen schien: ,Jetzt sind wir geliefert. Hier schläft heute nacht niemand.' Und genau so war es, bis Fidel gegen sechs Uhr morgens auf die Uhr schaute und sagte: ,Ich glaube, wir alle haben heute morgen ein bißchen was zu tun.' Womit das Treffen beendet war und man wieder die Geräusche hörte, die die Stille hervorbringt, und die zarte Brise eines leichten Seewindes."

          Traut man den Recherchen von Esteban und Panichelli, dann gehört dem Nobelpreisträger sein kubanisches Haus auf Lebenszeit. Dazu kommt ein heller Mercedes, im heutigen Havanna ein so ungewöhnlicher Anblick wie ein Leopard im Hamsterkäfig. Von der Villa des kubanischen Staatschefs dagegen heißt es, nicht einmal García Márquez wisse genau, wo sie sich befinde. Auf die Frage eines Journalisten, warum er nicht einmal den Wohnort seines engen Freundes kenne, antwortete Gabo, er habe es nicht wissen wollen. So laufe er auch nicht Gefahr, das Geheimnis versehentlich auszuplaudern.

          Die magnetische Wirkung des Revolutionärs auf den Journalisten und Schriftsteller ist spätestens seit dem 18. April 1958 belegt. An jenem Tag, gut acht Monate vor dem Fall des Batista-Regimes, publiziert García Márquez eine Eloge mit dem Titel "Mein Bruder Fidel". Besonders beeindruckt ist der Kolumbianer von Castros "eiserner Willenskraft". Wenig später wird die kubanische Revolution zum Fanal für die lateinamerikanische und europäische Linke.

          „Fall Padilla“ - Fidel tobt

          Bis heute ist nicht restlos geklärt, was es mit Gabos zahmer Castro-Kritik im legendären "Fall Padilla" auf sich hatte. Eine Gruppe von Schriftstellern - darunter Jean-Paul Sartre, Octavio Paz, Italo Calvino, Julio Cortázar und Mario Vargas Llosa - hatte am 29. April 1971 gegen die Repressalien, denen der kubanische Lyriker Heberto Padilla von seiten der Kulturbürokratie ausgesetzt war, in einem offenen Brief protestiert. In den absurden Angriffen und Padillas beschämender, offensichtlich erzwungener öffentlicher Selbstbezichtigung sahen die Autoren den Anlaß, mit der Revolution zu brechen. García Márquez, der sich nach Kolumbien abgesetzt hatte, um den inneren Konflikt zu vermeiden, unterschrieb nicht. Ein Freund tat es in seinem Namen. Schon hier trat ein ambivalenter, taktierender García Márquez ans Licht, der die Kollegen nicht verraten, doch sich auch nicht gegen die Macht stellen wollte.

          Nachdem Fidel Castro mit einer wütenden Rede über die kritischen Intellektuellen hergefallen war, wurde in der Wohnung von Mario Vargas Llosa ein zweiter und schärferer offener Brief formuliert; diesmal fehlten darunter die Namen von Julio Cortázar und García Márquez. Jener 4. Mai 1971 bedeutete für die Gruppe befreundeter Schriftsteller des lateinamerikanischen "Booms" die endgültige Spaltung. Auch die Entzweiung zwischen García Márquez und Vargas Llosa, der seinen früheren Freund einen "Höfling Castros" nannte, war besiegelt. Das Signal, daß Fidel Castro nunmehr ganz auf ihn zählen könne, sandte der treue Anhänger des lateinamerikanischen Sozialismus schließlich im Jahr 1975: Nach einer sechswöchigen Kubareise schrieb García Márquez eine ausführliche Lobeshymne auf die Insel und ihren revolutionären Führer, die den peinlichen Stalin-Oden Pablo Nerudas wenig nachsteht.

          „Ein gieriger Leser, ein Kenner...“ - Fidel unter Einfluß

          Immer wieder hat der Schriftsteller betont, er spreche mit dem máximo líder wenig von Politik, dafür um so mehr über Literatur und karibische Fischgerichte. "Fidel Castro ist ein gieriger Leser, ein Liebhaber und sehr ernsthafter Kenner der guten Literatur aller Epochen." Literaturpolitischen Instinkt jedenfalls kann man Castro nicht absprechen. Exakt am Vortag der Zuerkennung des Nobelpreises im Oktober 1982 beschloß der kubanische Ministerrat, dem treuen Verbündeten den wichtigsten Kulturorden des Landes zu verleihen. Der Stockholmer Kranz für García Márquez am Tag darauf bekränzte auch die kubanische Revolution. Und so ist es geblieben.

          Man sagt dem Schriftsteller nach (und sein literarisches Werk läßt es ahnen), er sei von der Figur des lateinamerikanischen "Caudillo" und von politischer Macht überhaupt besessen - nicht von ihrer formell-bürokratischen Routine, sondern von ihrer Aura, ihrem Glanz, ihrem Geheimnis, zu dem gewiß auch Einsamkeit und Verfolgungswahn des Mächtigen gehören. Deshalb hat García Márquez alle Angebote, als Botschafter, gar als kolumbianischer Staatspräsident tatsächliche Macht auszuüben, abgelehnt. Seinen Einfluß auf Castro macht er geltend, indem er sich hinter den Kulissen für die Freilassung oder Ausreise verfolgter Autoren einsetzt. Auch für den im letzten Jahr inhaftierten Dichter Raúl Rivero soll Gabo sich verwendet haben, doch nur für ihn. Rivero lehnte ab: Entweder siebzig kämen frei - oder keiner.

          Im Halbdunkel dem Abendrot entgegen

          Aus dem Hang zum diskreten Strippenziehen mag sich auch das diplomatische Halbdunkel erklären, in das die Begegnungen des Schriftstellers mit den Staatsmännern dieser Welt gehüllt waren, diese zugleich privaten wie politischen Kontakte zu Mitterand, Olof Palme, Felipe González oder Bill Clinton, in denen die Belange des kleinen Kuba und der Kampf gegen den nordamerikanischen Imperialismus immer auf der Tagesordnung standen. Wer und was der Verfasser von "Hundert Jahre Einsamkeit" für Kuba ist, schillert in mehreren Farben. Vielleicht ist er der mächtigste Mann hinter Fidel Castro. Ganz sicher ist er sein Vertrauter inmitten mediokrer Gestalten, der unbestrittene Werbeträger des Regimes und möglicherweise sogar Castros einziger wirklicher Freund.

          So reiten sie gemeinsam der Abendsonne entgegen. Nachdem der Herbst des Patriarchen dem Winter gewichen ist, läuft bereits das Endspiel. Wie es ausgeht, das wäre ein literarischer Stoff, für den sich die Phantasie nur einen Autor vorstellen kann: Gabriel García Márquez.

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