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Männerbund : Fidel und Gabo: Freunde bis zum Grab

„Jetzt sind wir geliefert“ - Fidel redet

Wie Zauberfäden wickeln sich Spekulationen um den geheimen Ort, an dem sich die beiden charismatischsten Lateinamerikaner des zwanzigsten Jahrhunderts (Che Guevara ausgenommen) zu nächtlichen Gesprächen treffen. Zu den Erwählten, die das Haus kennen, gehört neben regimetreuen Autoren wie Miguel Barnet oder dem kubanischen Kulturminister Abel Prieto auch der befreundete peruanische Schriftsteller Alfredo Bryce Echenique, der in seinen "Antimemorias" eine bemerkenswerte Szene geschildert hat. Fidel Castro, so Bryce Echenique, sei aufgetaucht, wenn sie es am wenigsten erwartet hätten. "Dabei zeigte er zu einer Tageszeit, zu der man sich sonst gern ausruht, sein innerstes Wesen und seine tausendjährige Einsamkeit. Bevor er kam, senkte sich eine unglaubliche Stille auf uns herab. Man hörte geradezu die Geräusche der Luft und des Schweigens. Dann tauchte Fidel auf, und alle freuten sich. Außer Gabo, dessen Gesicht zu sagen schien: ,Jetzt sind wir geliefert. Hier schläft heute nacht niemand.' Und genau so war es, bis Fidel gegen sechs Uhr morgens auf die Uhr schaute und sagte: ,Ich glaube, wir alle haben heute morgen ein bißchen was zu tun.' Womit das Treffen beendet war und man wieder die Geräusche hörte, die die Stille hervorbringt, und die zarte Brise eines leichten Seewindes."

Traut man den Recherchen von Esteban und Panichelli, dann gehört dem Nobelpreisträger sein kubanisches Haus auf Lebenszeit. Dazu kommt ein heller Mercedes, im heutigen Havanna ein so ungewöhnlicher Anblick wie ein Leopard im Hamsterkäfig. Von der Villa des kubanischen Staatschefs dagegen heißt es, nicht einmal García Márquez wisse genau, wo sie sich befinde. Auf die Frage eines Journalisten, warum er nicht einmal den Wohnort seines engen Freundes kenne, antwortete Gabo, er habe es nicht wissen wollen. So laufe er auch nicht Gefahr, das Geheimnis versehentlich auszuplaudern.

Die magnetische Wirkung des Revolutionärs auf den Journalisten und Schriftsteller ist spätestens seit dem 18. April 1958 belegt. An jenem Tag, gut acht Monate vor dem Fall des Batista-Regimes, publiziert García Márquez eine Eloge mit dem Titel "Mein Bruder Fidel". Besonders beeindruckt ist der Kolumbianer von Castros "eiserner Willenskraft". Wenig später wird die kubanische Revolution zum Fanal für die lateinamerikanische und europäische Linke.

„Fall Padilla“ - Fidel tobt

Bis heute ist nicht restlos geklärt, was es mit Gabos zahmer Castro-Kritik im legendären "Fall Padilla" auf sich hatte. Eine Gruppe von Schriftstellern - darunter Jean-Paul Sartre, Octavio Paz, Italo Calvino, Julio Cortázar und Mario Vargas Llosa - hatte am 29. April 1971 gegen die Repressalien, denen der kubanische Lyriker Heberto Padilla von seiten der Kulturbürokratie ausgesetzt war, in einem offenen Brief protestiert. In den absurden Angriffen und Padillas beschämender, offensichtlich erzwungener öffentlicher Selbstbezichtigung sahen die Autoren den Anlaß, mit der Revolution zu brechen. García Márquez, der sich nach Kolumbien abgesetzt hatte, um den inneren Konflikt zu vermeiden, unterschrieb nicht. Ein Freund tat es in seinem Namen. Schon hier trat ein ambivalenter, taktierender García Márquez ans Licht, der die Kollegen nicht verraten, doch sich auch nicht gegen die Macht stellen wollte.

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