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Machtstrukturen der digitalen Welt : Wir zappeln in den Fallstricken der Gratiskultur

Analytiker der Macht in den digitalen Räumen: der Informatiker, Künstler und Netzintellektuelle Jaron Lanier Bild: action press

Die Macht im Netz ist klar verteilt. Die Nutzer dulden ihre Entrechtung. Aber das muss nicht so sein: Der kalifornische Netzintellektuelle Jaron Lanier sucht Auswege aus der digitalen Zwangswirtschaft.

          Die „creepy line“ bezeichnet in der Sprache der Netzwerkökonomien die Linie, hinter der die Abgründe liegen. Die Strategie von Unternehmen wie Facebook und Google ist es, den Kunden so nah wie möglich an diese Linie zu drängen, aber immer noch den nackten Mechanismus zu verbergen, der hinter den Oberflächen liegt. Dazu gehört es, die Geschäftsbedingungen in epischer Länge und serifenlosen Kapitalen abzufassen und sie in permanentem Wandel zu halten. Damit sie nur keiner liest! Wer es trotzdem tut, blickt in eine Wüste von Rechtlosigkeit und verweigerter Verantwortung.

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          Diese „creepy line“ wurde in letzter Zeit, nicht nur durch Edward Snowden, vielfach überschritten. Immer deutlicher wurde die Netzökonomie als eine atemberaubend machtvolle Synthese von technischer und ökonomischer Rationalität erkennbar, bei der eine zur Naturgewalt stilisierte Technik half, neoliberale Effizienzmuster zu perfektionieren und monopolistische Geschäftsmodelle einzurichten. Dem Individuum wurde in diesem Prozess eine trügerische Souveränität eingeredet, während es gleichzeitig in den Würgegriff anonymer Marktkräfte und Technologiezwänge geriet. Dieses Individuum scheint gegenwärtig entschlossen, lieber keinen Blick mehr in die Geschäftsbedingungen zu werfen. Weil es ahnt, dass sich das Netz schon zu weit zugezogen hat, um ihm noch ohne Blessuren zu entkommen.

          Im Denken der Softwareingenieure spielt Individualität sowieso kaum eine Rolle. In den ambitioniertesten Visionen geht es hier um den Aufbau einer Maschinenintelligenz, die sich von der conditio humana einmal ganz entkoppeln soll. Das ist keine Träumerei, sondern Googles erklärtes langfristiges Ziel. Die Technik ist mehr als der Sekundant von Renditezielen. Das Verhältnis ist ambivalent. Ihre Verzwergung kann eigentlich nicht der Wunsch der Manager sein. Sie ist hingenommene Nebenfolge. Manche verbinden sie mit der Hoffnung, ihr Bewusstsein in die Maschinenintelligenz hineinzuschmuggeln - so wie Google Bücher kopiert -, oder der beste und mächtigste aller Cyborgs zu sein.

          Architektur der unsichtbaren Macht: Der Entwurf für Googles neue Zentrale im kalifornischen Mountain View legt eine Grasdecke über den Konzern

          Im Silicon Valley, dem Quellgebiet dieser Träume, hat der Humanismus des Informatikers, Künstlers und Autors Jaron Lanier also beste Chancen, belächelt zu werden. Lanier, dem der Begriff „virtuelle Realität“ zugeschrieben wird, ist einer der unabhängigsten Köpfe unter den Netzintellektuellen. Er hat sich schon vor Jahren vom Internetvisionär zum Kritiker von Selbstausbeutungspraktiken in Netz, anonymen Massendiktaturen und der Macht der großen Finanzcomputer gewandelt, ohne den Glauben an eine technische Lösbarkeit der Probleme aufzugeben.

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