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Lyrik der Sinti und Roma : Wovor soll ich mich fürchten?

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Ein Artistenmädchen in Indien, wie Christine Turnauer es für ihren Fotoband „Die Würde der Roma“ gesehen hat. Bild: Christine Turnauer / Hatje Cantz Verlag

Hier singen die Ausgegrenzten, Besitzlosen und Geflohenen: Eine überfällige Sammlung der Lyrik von Sinti und Roma und anderer Gruppen, die ehedem „fahrendes Volk“ genannt wurden.

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          Schmerz ist keine ästhetische Kategorie. Und doch kann das Lied eine existentielle Form sein, die dem eigenen Leid einen Schutzraum gibt. Eine Würde auch. Mit „Die Morgendämmerung der Worte“ liegt nun eine sehr besondere, eine kostbare Anthologie vor. Ihr Titel stammt aus dem gleichnamigen Gedicht des serbischen Autors Rajko Djurič (Jahrgang 1947) und könnte als Anspielung verstanden werden auf die erste und legendäre Sammlung expressionistischer Lyrik „Menschheitsdämmerung“. Nach jahrelanger Suche in Antiquariaten, Archiven, Bibliotheken konnten erstmals Gedichte von Roma und Sinti, Jenischen und anderen in sozialen Zwischenzonen lebenden Gruppen, für die einmal das schöne alte Wort „fahrendes Volk“ galt, versammelt werden.

          Zu lesen sind 149 Autorinnen und Autoren aus mehr als dreißig Ländern; es sind Stimmen von Ausgegrenzten, die auf ihre ethnische Herkunft stolz sind oder nach ihr fragen, von Besitzlosen, Verfolgten und Geflohenen. Von KZ-Häftlingen. Von Überlebenden, Nachgeborenen. Stigmatisierten, suchend nach Identität. Übersetzt wurde aus einundzwanzig Sprachen und Dialekten, darunter aus verschiedenen Formen des Romanes, der, wie man einmal ungestraft sagen durfte, Sprache der Zigeuner. (An dieser Stelle über die Sehnsucht des „Weibes“ nach dem „Mohren“ zu reflektieren und darüber, dass Sprache, zumal Literatur, nie „gerecht“ sein kann, würde den Rahmen einer Rezension sprengen. Vielleicht sei doch kurz an Herta Müller erinnert, die in einer Rumänien-Reportage erzählt, dass die Roma, die sie traf, auf der Bezeichnung „Zigeuner“ bestanden, mit der Begründung, nicht das Wort sei schlecht, sondern die Art, wie sie behandelt würden.)

          Vor etwa siebenhundert Jahren sind Sinti und Roma in verschiedenen Wanderbewegungen von Indien nach Europa gekommen. Sie brachten ihre Sprachen, das Romanes, mit, das sich, je nachdem, welche Wege sie gingen, veränderte. Heute wird Romanes weltweit noch von etwa sechs Millionen Menschen gesprochen. Und das burgenländische Romanes ging in die Unesco-Liste des „immateriellen Kulturerbes“ ein.

          Eine Pioniertat

          Die Literatur der Sinti und Roma ist uralt und jung. Sie wurde mündlich tradiert. In schriftlicher Form gibt es ihre Gesänge, ihre Gedichte erst seit etwa hundert Jahren. Auch insofern ist der „Moderne Poesie-Atlas der Sinti und Roma“ eine Pioniertat. Er macht erstmals eine Landkarte der Lyrik sichtbar, die bislang unbeachtet blieb. Oder die nicht (oder nicht sofort) über die Koordinaten eines ethnischen Bezugs gesehen wurde. Eingang fanden etwa Charlie Chaplins mit internationalen Sprachsplittern jonglierendes Unsinnsgedicht „Se bella giu satore“, das er in „Modern Times“ singt, aber auch Lieder von Marianne Rosenberg sind vertreten.

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