https://www.faz.net/-gqz-abdmn

Fried über Lyrik und Politik : Jedes Gedicht kann politisch wirksam sein

  • -Aktualisiert am

Dem Zeiterlebnis Ausdruck geben, um das Leben überhaupt ertragen zu können: Erich Fried (1921 bis 1988) Bild: Picture-Alliance

In diesem bislang unveröffentlichten Text von 1983 beschreibt Erich Fried aus eigener Katastrophenerfahrung, wie manche gar nicht anders können, als politisch zu dichten. Das bedeute aber keine Abwertung eskapistischer Kunst.

          5 Min.

          In Goethes „Faust“ sitzen zechende Studenten beisammen und einer singt: „Das liebe heil’ge Röm’sche Reich, / Wie hält’s nur noch zusammen?“ – worauf ein anderer sofort protestiert: „Ein garstig Lied! Pfui! ein politisch Lied! / Ein leidig Lied! Dankt Gott mit jedem Morgen, / Daß ihr nicht braucht fürs Röm’sche Reich zu sorgen!“

          Diese Antwort entspricht genau dem, was heute immer noch gegen politische Lyrik eingewendet wird, obwohl diese auch in Deutschland von Walther von der Vogelweide im 13. Jahrhundert bis zu Bertolt Brecht im 20. Jahrhundert und denen, die sich auf ihn berufen, eine bemerkenswerte Tradition hat.

          Bei Goethe hat der Sänger des politischen Liedes mit seinem protestierenden Kommilitonen offenbar eines gemeinsam: Beide meinen, das Heilige Römische Reich sei in einem ziemlich trostlosen Zustand, und gerade deshalb lehnt der eine das Thema als garstig und leidig ab.

          Atomraketen stellen ihren Opfern wenige Fragen

          Der Streit um das Lied findet sich schon im „Urfaust“, und Goethes Zeitgenossen hatten so wenig Möglichkeit, ihre politischen Geschicke mitzubestimmen, dass man es verstehen kann, wenn einer Gott dankte, der Verantwortlichkeit, für die Zukunft des Landes sorgen zu müssen, ledig zu sein. Ich finde, dass der heutige Mensch mindestens mehr Möglichkeiten sieht oder ahnt (soweit er kein hoffnungsloser Spießer und willenloser „Untertan“ ist), den Gang der Politik mitzubestimmen, dass er aber andererseits auch aus der Geschichte unserer letzten Jahrzehnte die bittere Lehre ziehen kann, dass Politik sich auch um den „kümmert“, der sich nicht um sie gekümmert hat. Kriege, Diktaturen, Gaskammern vernichten nicht nur politisch aktive Menschen. Und auch die Atomraketen stellen ihren Opfern wenige Fragen. Ihre Verhinderung bleibt unser aller Anliegen, wenn die Möglichkeit zu Leben und Liebe, Genuss der Naturschönheit und was sonst die Themen von Liedern und Gedichten sind und immer waren, weiterhin bestehen soll.

          Wenn aber das Weltbild eines Menschen nicht nur in seinen Gedanken, sondern auch in seinen Gefühlen so zusammengefasst wird, dass die Worte, die ihm zu den einen Lebensinhalten einfallen, sich mit denen verbinden, die den anderen, bedrohlichen gelten, dann verschafft sich meist beides zugleich Eingang in seine Dichtung.

          Deshalb hat zur Zeit des Ersten Weltkriegs, ja schon kurz zuvor, als sein Kommen sich abzuzeichnen begann, in Deutschland die expressionistische Dichtung den Rahmen der bisher beliebten Themen plötzlich gesprengt. Deshalb auch ist für einen schreibenden Menschen wie mich, der als sechsjähriges Kind (Wien, 1927) Augenzeuge eines Gemetzels werden musste, in dem die Polizei 86 Arbeiter erschossen hat – ein Polizist wurde getötet –, das Zeiterlebnis von Anfang an eines der Themen, denen er Ausdruck zu geben versuchen muss, um dieses Leben überhaupt ertragen zu können. Und was ich weiter erlebte, trug nicht dazu bei, mich diese Thematik vergessen zu machen. 1934 der klerikal-faschistische Putsch in Österreich, der Angriff auf die Arbeiterwohnhäuser mit schwerer Artillerie, die Hinrichtung von Sozialdemokraten, die sich gegen die Abschaffung der Demokratie gewehrt hatten, zugleich die radikale Umgestaltung unseres Schulunterrichts, der (gescheiterte) Versuch, uns alle in eine politische Staatsorganisation, die „Vaterländische Front“, einzureihen, die Parteinahme unserer Machthaber für Francos Überfall auf die Spanische Republik, ihr jämmerliches Nachgeben gegenüber Hitler (ab 1936 hieß es offiziell: „Österreich ist der zweite deutsche Staat: Getrennt marschieren, vereint schlagen!“)

          Dann, 1938 der Lohn für diese Politik, Hitlers Einmarsch in Österreich, die Ermordung meines (unpolitischen) Vaters, die Notwendigkeit für mich als Kind jüdischer Eltern, aus meiner Heimat zu fliehen.

          Nach dem Krieg die bittere Enttäuschung

          Meine Großmutter, die mich aufgezogen hatte, wurde später vergast, ebenso wie die meisten Mitglieder meiner Familie, denen nicht vor Kriegsausbruch die Flucht aus Hitlers Machtbereich geglückt war. – Dann folgte das: Kriegserlebnis, einschließlich nicht zu rechtfertigender Grausamkeiten auf Seiten derer, auf deren Sieg ich hoffte, wie die Bombardierung Dresdens kurz vor Kriegsende und schließlich die Atombomben auf Japan.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Moderator Ken Jebsen während einer Demonstration am 13.12.2014 vor dem Schloss Bellevue in Berlin

          Anonymous : Hacker greifen Ken Jebsen an – Webseite lahmgelegt

          Die Hacker-Gruppe Anonymous hat sich die Seite des Verschwörungstheoretikers Ken Jebsen vorgenommen. Dabei habe sie nicht nur zehntausende Daten zu Abonnenten erbeutet, sondern auch Informationen zu Spenden abgegriffen.

          G 7 in Cornwall : Brexit-Störgeräusche für Johnson

          Eigentlich sollte es beim G-7-Gipfel vor allem um Corona und die Herausforderung durch China und Russland gehen. Doch immer wieder muss sich Gastgeber Boris Johnson auch mit dem Streit mit der EU auseinandersetzen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.