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Lyrik in der F.A.Z. : Die Zukunft der Frankfurter Anthologie

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Rachel Salamander Bild: SZ-Foto

Marcel Reich-Ranicki machte seine Frankfurter Anthologie zu einer Institution. Jede Woche eröffnete sie ihren Lesern einen unmittelbaren Zugang zur Poesie. Wie wird sein Werk fortgeführt?

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          Als Marcel Reich-Ranicki am 15. Juni 1974 die Frankfurter Anthologie in dieser Zeitung begründete, wollte er die Lyrik aus dem Abseits holen, sie einem größeren Publikum erschließen. Mehr als zweitausend interpretierte Gedichte aus sämtlichen Epochen deutscher Lyrik sind bis zu seinem Tod am 18. September 2013 dort erschienen. In den beinahe vierzig Jahren ihrer Existenz hat die Frankfurter Anthologie mehrere Generationen von Lesern zur Poesie hingeführt. Zur 1500. Ausgabe vom 29. November 2003 formulierte Reich-Ranicki noch einmal sein Ziel: „Die Kluft zwischen der Poesie und dem Publikum sollte verringert und vielleicht ganz aufgehoben werden. Und dass wir es nicht vergessen: Wir wollten und wollen zeigen, was Lyrik bereiten kann und sollte – Freude, Vergnügen, Spaß, Genuss.“

          Mit diesem Programm ist die Frankfurter Anthologie eine Institution geworden. Mit Marcel Reich-Ranickis Gedichtinterpretation von Johann Wolfgang von Goethes „An vollen Büschelzweigen“ aus dieser 1500. Folge endet nun die Veröffentlichung all seiner Gedichtinterpretationen und die Frankfurter Anthologie unter seiner Redaktion.

          Gemäß seiner Losung „Der Dichtung eine Gasse“ wollen wir die Frankfurter Anthologie jedoch in Kürze fortsetzen, mit neuen Spielregeln. Die wichtigste Veränderung ist ein Wagnis, ein Experiment: Interpret und Interpretin können fortan auch ein eigenes Gedicht deuten. Eigene Gedichte zu interpretieren beziehungsweise ihnen eine autobiographische Grundierung zu geben heißt nicht, wie vermutet werden könnte, ihren ästhetischen Reiz zu schmälern, sondern, wie die Erfahrung zeigt: Er gewinnt durch Selbstdeutung.

          Bei den Interpretationen fremder Gedichte sind die Autoren und Autorinnen frei in ihrer Wahl, sie werden allerdings gebeten, diejenigen Gedichte auszusuchen, die für das eigene Schaffen wichtig waren oder zu ihren Lieblingsgedichten zählen. Diese Vorgabe ist dem Gedanken geschuldet, dass Gedichte immer auf Gedichte antworten, lyrische Korrespondenzen sind. Das strikte Verbot der Wiederholung ist von nun an aufgehoben. Die Leser und Leserinnen werden also wieder auf das eine oder andere Gedicht stoßen, aber in ganz anderer Lesart. Das Allerwichtigste jedoch bleibt: Die Lyrik behält in der Frankfurter Anthologie ihre Bühne. Und sie soll Ihnen weiterhin „Freude, Vergnügen, Spaß, Genuss“ bereiten.

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