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Ludwig Harig zum Achtzigsten : Wohl dem, der aus der Reihe tanzt

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Ludwig Harig in seinem Arbeitszimmer in Sulzbach Bild: F.A.Z. - Foto Daniel Pilar

Von der experimentellen Lyrik, die Ludwig Harig einst bei der Gruppe 47 las, hat er nichts gehalten. Vom späteren erzählerischen Werk umso mehr. Marcel Reich-Ranicki würdigt den Dichter zum achtzigsten Geburtstag.

          Auf der Tagung der Gruppe 47 im November 1960 in Aschaffenburg habe ich ihn zum ersten Mal gesehen. Noch wusste ich nicht, wie er heißt, noch wusste ich nicht, ob er schreiben kann. Aber ich war sicher, dass er aus der Provinz kam, und er war mir, ich weiß nicht, warum, gleich sympathisch. Provinz? Das klingt ironisch, kritisch, hochmütig. Nichts davon habe ich empfunden. Der stille Mann aus dem Saarland schien mir auffallend bescheiden. Und er wusste genau, was er wollte. Kurz: Ludwig Harig gefiel mir von Anfang an, aber zunächst gab es Kummer mit ihm.

          Die experimentellen Texte, die er auf der Tagung der Gruppe 47 vorlas, waren nicht gut. Einige der Anwesenden sagten dies, wie es bei der Gruppe 47 üblich war, sehr deutlich. Auch ich war, wenn ich mich recht erinnere, nicht gerade zurückhaltend. Nachher nickte mir der Chef der Gruppe, Hans Werner Richter, zustimmend zu und meinte: „Das war nichts wert, aber aus dem Harig wird noch etwas werden.“

          Romane, wie ihm der Schnabel gewachsen war

          Ja, geworden ist aus ihm, der heute vor achtzig Jahren in Sulzbach an der Saar geboren wurde, ein Schriftsteller, der sich von seinen frühen, experimentellen Texten nie distanziert hat, doch einen anderen Weg gegangen ist. Er wurde ein poeta doctus, ein gebildeter Künstler, der sich allmählich mit allen Wegen und Irrwegen des modernen Romans vertraut machte. Aber er kümmerte sich in seiner schriftstellerischen Praxis um die ästhetischen Theorien überhaupt nicht, er hat, kurz gesagt, den modernen Roman ignoriert.

          Seine Freunde vermerkten nicht ohne Verwunderung, seine Prosa sei jetzt in der Nachfolge solcher als altmodisch geltender Schriftsteller zu sehen wie Jean Paul oder Gottfried Keller oder Wilhelm Raabe. War dies eine programmatische Hinwendung zur traditionellen Literatur? Nein, ich glaube, dahinter verbarg sich vor allem das dringende Bedürfnis, für seine großen epischen Mitteilungen Leser zu finden, seine Leser tatsächlich zu erreichen. So schrieb er seine Romane, wie ihm der Schnabel gewachsen war - und das ist in der Regel empfehlenswert und immer sehr schwierig.

          Für ihn ist der Krieg beides zugleich

          Harig hatte erkannt, dass die starke Seite seines künstlerischen Talents das Erzählen ist: Aus einem, der, wie Dürrenmatt sagte, bloß Stil getrieben hat, wurde jetzt ein Mitteiler. Denn wer erzählt, der zählt auf, und wer aufzählt, der teilt etwas mit. Die Mitteilung ist stets das Fundament der Epik. Was hat Ludwig Harig mitzuteilen?

          Im Mittelpunkt seines Romans „Ordnung ist das ganze Leben“, 1986 erschienen, steht der Vater des Autors, ein braver und bornierter Kleinbürger, geboren 1886. Das Kaiserreich hat ihn erzogen, zumal das Heer, in dem er stolz und gern gedient hat. Doch nicht dieser Krieg von 1914 bis 1918 interessiert den Autor Ludwig Harig, sondern das Kriegserlebnis seines Vaters. Für ihn ist der Krieg beides zugleich: eine Steigerung des Lebens und freilich auch die Aufhebung der Ordnung.

          Anders als die anderen: nachsichtig und liebevoll

          In der Weimarer Republik wird die Ordnung langsam wiederhergestellt. Der Malermeister Harig, den das Militär geprägt hat, fügt sich wieder in das zivile Leben ein. Er liebt das Tanzen, aber auf dem Tanzboden benimmt er sich wie auf dem Exerzierplatz. Gern wäre er des Kaisers loyaler Soldat geblieben. Doch mit den Nazis wollte er nichts zu tun haben, der Gefreite missfiel ihm. Indes trat er, da es geschäftlich von Vorteil war, der NSDAP bei - ein Mitläufer also war er, einer von Millionen, die Hitler nicht gewollt, aber ermöglicht haben, ihn und alle seine Verbrechen. Sein Sohn sagt es knapp: „Vater hat es in ganz Deutschland gegeben.“

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