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Der meistverkaufte Roman 2014 : Die Heldin als Anziehpuppe

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Wer soll ich sein, und wenn ja, wie viele? Spielmanns Heldin probiert Lebensrollen an wie Kleider. Bild: Mauritius

Wodurch wird ein Buch zum Bestseller? Die Lektüre von Lori Nelson Spielmanns Mutter-Tochter-Roman „Morgen kommt ein neuer Himmel“ wirft mehr Fragen auf als er beantwortet.

          Mutmaßungen über die Frage, warum gerade der eine Krimi, ausgerechnet jene Liebesgeschichte oder dieses Fantasy-Spektakel zu Bestsellern avancieren, während der gewaltige Rest der Neuerscheinungen in den Regalen kleben bleibt wie alte Marmelade, zählen zu den Lieblingsrätseln der Branche. Gründe, warum ein Buch besonders gut läuft, finden sich immer – allerdings meist erst hinterher.

          Wie wenig Erfolge vorauszuahnen oder gar planbar sind, zumal bei Debüts, beweisen die beiden Jahresspitzenreiter eindrücklich. Das mit Abstand meistverkaufte Sachbuch war 2014 „Darm mit Charme“ von Giulia Enders: Mehr als eine Million Exemplare wurden von ihrer Innenschau unseres verschlungenen Betriebssystems abgesetzt. Doch während über das Phänomen Enders allerorts berichtet wurde, kommt der Jahresbestseller der Belletristik fast aus dem Nichts. Trotzdem hat sich „Morgen kommt ein neuer Himmel“ von Lori Nelson Spielman rund 600000 Mal als Buch und 100000 Mal als E-Book verkauft, mehr als jeder andere Roman 2014.

          Es ist ein auf den ersten Blick fast unscheinbares Buch, als Klappenbroschur einer jener Zwitter zwischen Hardcover und Taschenbuch im mittleren Preissegment. Den Umschlag ziert auf hellblauem Grund eine rote Baumkrone, in der man einen Mann, ein Pferd, ein Haus, ein Herz, einen Kinderwagen und den Eiffelturm ausmachen kann; eine Frau steht davor und schaut sehnsüchtig hinauf. „The Life List“, wie der Originaltitel lautet, hat sich im englischen Sprachraum passabel verkauft, war aber kein Bestseller. Wie also kommt gerade dieser Titel bei uns zu 700000 Lesern oder vielmehr: Leserinnen, denn es ist ein klares Frauenbuch?

          Postume Lebensberatung

          Im Mittelpunkt von „Morgen kommt ein neuer Himmel“ steht Brett Bohlinger, eine junge Frau in Chicago, die sich auch mit 34 noch den Pony hochpustet, am liebsten Marc Jacobs trägt und insgesamt so angepasst ist an ihre Umwelt, dass sie nicht mal ihrem Spiegelbild zu sagen traut, was sie wirklich denkt. Zu Beginn des Romans ist gerade ihre über alles geliebte Mutter an Krebs gestorben. Diese Elizabeth war eine Selfmade-Millionärin, Gründerin eines Kosmetikkonzerns, eine Art Mischung aus Elizabeth Arden und Estée Lauder. Jeder, der ihr begegnete, stand offenbar sofort in ihrem Bann.

          Aber niemand verehrte sie mehr als ihre Tochter Brett – benannt nach Lady Brett Ashley aus Hemingways „Fiesta“, die einzige literarische Anspielung des Buches. Doch nun macht Elizabeth ihrem Kind das Leben schwer. Denn während Bretts Brüder Teile ihres gewaltigen Vermögens erben, hat sie ihrer einzigen Tochter fürs Erste lediglich eine Liste mit Lebenszielen vermacht, die Brett mit vierzehn einmal notiert und dann vergessen hatte – und einen zerstrubbelten jungen Anwalt, der sicherstellen soll, dass Brett die zehn noch offenen Ziele innerhalb eines Jahres nach Elizabeths Tod tatsächlich erreicht. Erst dann soll auch sie ihr Erbe antreten dürfen.

          Statt also Mehrheitseignerin und Geschäftsführerin des Konzerns zu werden, wie Brett eigentlich erwartet hatte, wird sie von ihrer Schwägerin gefeuert, um endlich Zeit zu haben für das, was wirklich wichtig ist: einen Hund anschaffen, ein Pferd kaufen und ein Haus, sich in den Richtigen verlieben, ein Kind bekommen, vielleicht zwei, eine Freundschaft ein Leben lang pflegen, bedürftigen Menschen helfen, auf einer großen Bühne auftreten, eine gute Lehrerin werden und Frieden mit dem Vater schließen. So schickt die Mutter ihre Tochter postum auf den rechten Lebensweg.

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