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Londoner Buchmesse : Alles auf immer weniger Karten

Auch die Verlage bedienen die neuen Formate. Das geht so weit, dass es am Stand von Cambridge University Press kaum noch bedrucktes Papier gibt. Bild: Picture-Alliance

Die Lage ist ruhig, ist das nicht unheimlich? Londons Buchmesse festigt ihren Ruf, wichtigstes Parkett für das internationale Geschäft zu sein. Aber was bedeutet das für das gedruckte Buch?

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          London ist viel kleiner als Frankfurt oder Leipzig. Jedenfalls wenn es nach Besucherzahlen geht, aber London wird immer wichtiger, auch wenn nur weniger als ein Zehntel der Frankfurter Besucherzahl den Weg nach Kensington in die Olympia-Hallen findet. 25 000 Fachbesucher, Aussteller aus sechzig Ländern, sechshundert Agenten: Hier geht es drei Tage ums Geschäft, der Rest ist zweitrangig – Autoren sind Verzierung, aber man kann sie immerhin unter den viktorianischen Stahl-Glas-Kuppeln bei Tageslicht erleben. Und anders als in Deutschland weiß man in der britischen Banken- und Handelsmetropole eben auch, dass es sich mit Besuch wie mit Fisch verhält, nach drei Tagen beginnt er zu stinken.

          Hannes Hintermeier

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          In den Medien spielt die am gestrigen Donnerstag zu Ende gegangene London Book Fair (LBF) traditionell eine untergeordnete Rolle. Und London Transport denkt gar nicht daran, wegen der paar Hansel die direkt am Messegelände gelegene Bahnstation in Betrieb zu nehmen. Schließlich toben in England derzeit die vorletzten Wahlkampfschlachten; und in London findet noch der Umstand, dass ein Hausbesitzer im noblen Kensington aus Verärgerung über Nachbarn, die seinen Umbauplänen nicht zustimmten, die Fassade seines Hauses in weiß-roten Längsstreifen streichen ließ, mehr Beachtung als das Treffen der Inhalteindustrie.

          Autor-Leser-Vernetzung dauert

          Tatsächlich sind hier alle, neudeutsch gesprochen, „fokussiert“ auf die Belieferung der „industry“, womit Buchverlage gemeint sind, die größeren zumeist. Wenn das emsige Messegeschäft dennoch etwas von einem Ritt auf der sprichwörtlichen Schneide einer Rasierklinge hat, dann deswegen, weil verdächtig viel Normalität suggeriert wird. Nach Jahren großer digitaler Umwälzungen wähnt sich die Branche in einer Phase der relativen Stabilität. Die Verkäufe von E-Books haben sich im Vereinigten Königreich bei einem Marktanteil von durchschnittlich dreißig Prozent eingependelt; in Deutschland verläuft die Entwicklung ohnehin gebremster.

          Man hat auf Verlagsseite gelernt, die neuen Formate zu bedienen; die reinen Lesegeräte sind so sexy wieder nicht, als dass sie nicht beständig Anteile an Tablets und Smartphones verlören. Zumal das, was dort geboten wird, einstweilen selten weit über Buch hinausgeht. An multimedialen Zusatzangeboten und Autor-Leser-Vernetzung wird gearbeitet, aber das dauert – und vor allem: das kostet. Richard Charkin, Präsident des internationalen Verlegerverbandes IPA und Verleger von Bloomsbury, sagt seltsam salomonisch: „Wir haben alle das Gefühl, dass wir uns einer Lage nähern, die sich beruhigt hat.“

          Das Wettbieten ist wieder da

          Aber auch er weiß, dass sich die Zielgruppe potentieller Leser durch das Internet exponentiell verbreitert und dass es für die Verlage kein Automatismus ist, an dieser Entwicklung teilzuhaben. Mehrere Veranstaltungen beschäftigten sich deshalb mit der Frage, wie man künftig Personal akquirieren könne und welche Qualifikationen es mitbringen sollte. Charkin erzählt, er habe bei Bloomsbury seine Personaler ausgetauscht – mittelalte weiße Männer, die immer nur weiße, gebildete Frauen aus der oberen Mittelschicht einstellten. Nur habe sich daran nichts geändert, auch als jüngere Frauen nach geeignetem Verlagsnachwuchs suchten.

          Inhaltlich geht die Schere immer weiter auseinander, das beobachtet ein Kenner auch der deutschen Literaturlandschaft, nämlich der Romancier Lawrence Norfolk (er war Anfang der Woche in der BBC mit Daniel Kehlmann über Günter Grass zu hören). Anders als in Deutschland gebe es in England gerade bei den Sachbüchern keinen Mittelbau mehr, entweder finde man das leichte, populäre Sachbuch vom Typ Malcolm Gladwells („David und Goliath“) oder akademische Bücher. Ein Trend, der sich ungebrochen hier wie dort in den Bestsellerlisten ablesen lässt: inhaltliche Verflachung und immer weniger Spitzentitel, die den Umsatzkarren ziehen müssen.

          Richard Charkin spricht von einer ungebrochenen Lust, alles auf eine oder wenige Karten zu setzen, und sein vormaliger Kollege, der bei Holtzbrinck lange Jahre für das Buchgeschäft zuständige Rüdiger Salat, sieht nach Jahren der Mäßigung gar eine Rückkehr des zuletzt entschlafenen Wettbietens. Immer häufiger würden derzeit von deutschen Verlagen wieder Titel im hohen fünfstelligen Bereich gekauft; das Rennen um vielversprechende Titel scheint mit neuer Energie zurückgekommen. Hintergrund: In Deutschland bricht die „Midlist“ weg, das sind Bücher mit Auflagen zwischen zehn- bis dreißigtausend Exemplaren. Obendrein schmälert das E-Book die Umsätze im Taschenbuchsegment. Piper-Verleger Marcel Hartges: „Die schlimmsten Jahre sind vorbei. Das E-Book ist Normalität geworden, das schreckt keinen mehr. Aber das Taschenbuch wird weiter an Bedeutung verlieren.“ Piper selbst habe mit den Titeln mittlerer Auflage derzeit kein Problem.

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