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Neues Buch von Stuckrad-Barre : Halbwelt von heute

Benjamin von Stuckrad-Barre Bild: dpa

Benjamin von Stuckrad-Barre sieht, was wir alle sehen. Er hat bloß schon immer genauer hingeschaut. Jetzt erscheint sein neuer Remix-Band mit Gegenwartserkundungstexten.

          Ich glaub, mir geht’s nicht so gut, ich muss mich mal irgendwo hinlegen“, heißt der schöne lange Titel des neuen Buchs von Benjamin von Stuckrad-Barre. Es ist sein dritter „Remix“-Band mit Gegenwartserkundungstexten, zu denen eigentlich auch die Bücher „Deutsches Theater“ und „Auch Deutsche unter den Opfern“ gehören. Und wenn sie da nun alle vor einem auf dem Tisch liegen und man noch mal hineinblättert in „Remix 2“, in dem Benjamin von Stuckrad-Barre mit Walter Kempowski fernsieht und Kempowski „Huch!“ sagt, weil im Fernsehen das Telefon klingelt und er denkt, es klingele bei ihm; wenn in „Auch Deutsche unter den Opfern“ Obama in Berlin ist, Tom Cruise auf dem roten Teppich und Guido Westerwelle im Bundestagswahlkampf – dann stellt sich, noch bevor man den neuen Band überhaupt aufgeschlagen hat, ein erstaunlicher Effekt ein: Mit dem größer werdenden Abstand gewinnen diese Texte, die man immer für bedeutend gehalten hat, an Bedeutung noch hinzu.

          Julia  Encke

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Zusammen bilden sie ein mehrbändiges Werk deutscher Geschichtsschreibung, das wiederzulesen auch deshalb so gewinnbringend ist, weil vieles von dem, was Benjamin von Stuckrad-Barre festgehalten hat, indem er sich ansah, was wir alle sahen, dabei aber genauer hinsah als viele, inzwischen verschwunden ist: Walter Kempowski, Guido Westerwelle oder Christoph Schlingensief sind gestorben, Harald Schmidt spielt keine Rolle mehr, an Jürgen Fliege erinnert man sich gerade noch so. Stuckrad aber hat sie für uns aufgehoben, und er hat erfasst, was sie über ihre Zeit verrieten.

          Sich bedingungslos ranschmeißen

          Dass es immerzu Männer, oft ältere Männer sind, mit denen der Reporter und Schriftsteller Gegenwart erkundet, ist dabei ein seltsam einseitiger Blick, der am Ende eine Halbwelt ergibt. Warum eigentlich, fragt man sich. Auch im neuen Buch ist das so (Ausnahme: Madonna), das mit einem Besuch bei Boris Becker beginnt. In Beckers Haus in Wimbledon sieht sich Stuckrad-Barre mit Familie Becker eine Aufzeichnung des Spiels vom 7. Juli 1985 in Wimbledon an, das Boris Becker berühmt gemacht hat. Er weiß schon vorher alles über das Spiel und den Spieler, „Becker-Faust“, „Becker-Trippeln“, „Becker-Hecht“, es ist – alter Stuckrad-Barre-Trick – die Fan-Perspektive, die er wählt, das bedingungslose Sich-Ranschmeißen an denjenigen, den er vor sich hat, um ein Maximum an Teilhabe zu ermöglichen. Kaum ist er im Haus, „macht“ er schon „mit“ und sieht sich selbst dabei zu, wie er mit dem Sohn Elias im Garten Fußball spielt.

          Ob dieses Mitmach-Ding sich nicht auch mal erschöpft hat, fragt man sich gerade, aber da wird man schon vom Gegenteil überzeugt. Denn anders als der Gast im Haus scheint die Familie kein Fan des Spielers Boris Becker zu sein. Sie sieht dieses Spiel hier zum ersten Mal. „Wer ist der Typ?“, fragt Lilly Becker, als der Trainer im Bild ist. „War der Amerikaner, der Curren?“, als es um den Gegner geht. Und tatsächlich markiert erst die Differenz zwischen dem unbedingten Fantum und dem familiären Desinteresse auch die Diskrepanz zwischen dem öffentlichen und privaten Becker-Bild. Benjamin von Stuckrad-Barre weiß schon sehr genau, wo er in seinen Texten als Fan in Erscheinung treten will. Und wo nicht.

          Wenn er den distanzierten Blick wählt, stellt er die mündliche Rede anderer als Zitate aus und schreibt Minidramen. Das sind die lustigsten Texte und auch die bösesten: „Eine Redaktionskonferenz zu Thomas Bernhards Geburtstag“ heißt im neuen Band das Drama, das drei Typen, den „Ressortleiter“, den „Alten Hasen“ und den „Eifrigen“, im Konferenzraum einer deutschen Tageszeitung in Szene setzt; Redakteure, deren Ressort hausintern „Die Kultur“ genannt wird und die in ihrer Konferenz überlegen, was sie zum achtzigsten Geburtstag des Schriftstellers Thomas Bernhard in ihrer Zeitung bringen könnten.

          Wer sich schon immer gefragt hat, wie in Feuilleton-Redaktionskonferenzen gesprochen wird, ist hier sehr nah dran und, so die schöne Pointe, durch die abgelauschten Redewendungen und den hohen Realitätsgehalt der hier zu Typen verdichteten Figuren beim Lesen zugleich beim Entstehungsprozess eines Dramas dabei, das eine Hommage an die Dramen jenes Schriftstellers darstellt, um den es im Text geht: Thomas Bernhard.

          Alles ist heute, auch das Gestern

          Den liebevollsten Blick findet man in Porträts von Menschen, die auch schreiben. Das ist in „Drehbuchschreiben mit Helmut Dietl“ so, einem Text, in dem der Autor am weitesten von sich selbst absieht, um tatsächlich nur Dietl ansehen zu können. Und es ist, wenn auch viel ambivalenter, in „Rainald Goetz“ so. Wie Stuckrad-Barre beschreibt, wie die „auch schreibenden Leute von Rainald gemocht und akzeptiert werden wollen, gerade, weil sie wissen, wie streng und ungnädig“ er sei, und wenn er sie beschimpfe, immerhin Rainald Goetz sie beschimpft habe – das ist schon sehr treffend.

          Und wie er sich an ein Gespräch zwischen Goetz und ihm selbst über die Frage erinnert, ob Jochen Distelmeyers Lied „Der Wind“ poetisch sei oder nicht, ist sehr schön. Ein Fax von Goetz überliefert ihm ihre Meinungsverschiedenheit – ein Fax, „verblichen in ungefähr selbem Tempo wie manche Freundschaften und Erinnerungen an solche Sommerwochen, in denen es kein Gestern und kein Morgen gab, sondern alles Heute war“.

          Bei Benjamin von Stuckrad-Barre ist immerzu Heute. Lesend können wir bei ihm begreifen, was das Heute gestern bedeutet hat.

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