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Lob des Antiquariats : Der Herr der alten Bücher

Das Buch der Bücher ist auch im Angebot: „Bible Historiale” mit Leben und Passion Jesu Christi samt Boccaccios Novelle der Griseldis, Paris um 1410 Bild: Heribert Tenscher/Bibermühle/Schweiz

Sein Romanistik-Studium blieb ohne Abschluss, weil er dem Handel mit alten Büchern verfiel. Heute ist er einer der weltweit bedeutendsten Antiquare: Heribert Tenschert. Die Universität Freiburg würdigt den Sammlerpapst jetzt mit der Ehrendoktorwürde.

          Dr. Johann Wolfgang Goethe erlangte seine Promotion mit einem Text, der nicht mehr als sechsundfünfzig Sätze umfasste: den „Positiones Juris“, die er Ende Juli 1771 in Straßburg als Dissertation einreichte. Heute macht der Inhalt dieser juristischen Doktorarbeit nur sechs Seiten in der dreiunddreißigbändigen Münchner Ausgabe von Goethes Werken aus, die insgesamt weit mehr als dreißigtausend Seiten bietet. Geschrieben wurden die auf Latein abgefassten Thesen binnen weniger Tage, und entscheidend daran beteiligt war Goethes Repetitor. Diese wissenschaftliche Arbeit und ihre Anerkennung sind kein Ruhmesblatt für das Universitätssystem.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Weitaus länger warten auf seinen Doktortitel und weitaus mehr dafür schreiben musste Heribert Tenschert. Allerdings hatte der 1947 geborene Antiquar sein Studium der Romanistik, Germanistik und Latinistik, das er 1969 in Freiburg aufnahm, auch nicht abgeschlossen, als er sich acht Jahre später exmatrikulieren ließ, um ein eigenes Antiquariat zu gründen. In den dreiunddreißig Jahren seither hat Tenschert sich zum weltweit führenden Händler auf dem Feld der mittelalterlichen Handschriften entwickelt, und seine reichbebilderten Kataloge zu diesem Thema, aber auch zu Inkunabeln oder französischen Bücherschätzen des achtzehnten Jahrhunderts, gelten als wissenschaftliche Standardwerke, was Beschreibung, Kommentierung und Zuschreibung angeht. Für die umfangreichen Handschriftenkataloge, die ein Korpus von mehr als zehntausend Seiten darstellen, zeichnen vor allem drei Autoren verantwortlich: Professor Eberhard König, Doktor Ina Nettekoven und eben Heribert Tenschert, der abgebrochene Student.

          Die letzte Ehrenpromotion liegt fünfzig Jahre zurück

          Längst überfällig also, dass man ihm für seine wissenschaftlichen wie editorischen Leistungen eine Ehrenpromotion gewährte, und das hat jetzt Tenscherts alte Alma mater, die Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg, getan - auf Vorschlag ihres romanistischen Seminars. Darauf kann sich der nunmehrige Dr. h.c. Tenschert einiges einbilden, denn die letzte Ehrenpromotion, die von den Freiburger Romanisten vorgeschlagen wurde, liegt mehr als ein halbes Jahrhundert zurück, wie Frank-Rutger Hausmann, der Spiritus rector der Auszeichnung, in Erinnerung rief: Mit Eugénie Droz war 1958 die große Genfer Verlegerin und Kennerin von Renaissance-Handschriften zur Ehrendoktorin gemacht worden. In ihrer Nachfolge wird sich Tenschert, der sein Antiquariat „Bibermühle“ in der Schweiz betreibt, wohlfühlen.

          Endlich hat sich seine Alma Mater ermannt: Heribert Tenschert, Antiquar von Weltrang, ist jetzt Dr.h.c.

          Der Vortrag, den der Frischpromovierte anlässlich der Ehrung am vergangenen Mittwoch in Freiburg hielt, war indes weniger wissenschaftlich als leidenschaftlich. Tenschert zeichnete darin ein Idealbild seines Berufs, dem in der öffentlichen Wahrnehmung zwar die Aura des Gestrigen und Abgelegten anhafte, der aber Fähigkeiten erfordere, die an der Universität allein gar nicht zu vermitteln seien. Ohne den Anspruch zu erheben, selbst diesem Profil zu genügen, nannte Tenschert als notwendige Voraussetzungen für einen idealen Antiquar allseitige literaturwissenschaftliche und historische Bildung, Kenntnisse in Soziologie wie Anthropologie und „einen Schuss Psychologie“, ökonomischen Sachverstand und Kenntnis der Druckkunst und Illustrationsgeschichte sowie über Herstellung und Gestaltung von Büchern.

          Eines der wichtigsten Archive zur Buchgeschichte weltweit

          Selbstbewusst unangesprochen blieb das, was Tenschert an der Freiburger Hochschule auch ohne Abschluss erworben haben dürfte: eine sprachliche Kompetenz, die ihm den Zugang zur Welt der mittelalterlichen Handschriften erst ermöglichte. Das wissenschaftliche Interesse des jungen Studenten galt seinerzeit den Texten der provenzalischen Troubadore.

          Heute verfügt Tenschert über eine der größten Sammlungen auf diesem Gebiet, und Gleiches gilt für andere Bereiche. Seine Bibermühle ist nicht nur eine Fundgrube, sondern auch eines der wichtigsten Archive zur Buchgeschichte weltweit. Dort liegt übrigens auch eine gedruckte Dissertation von Goethe, das einzige unaufgeschnittene der nur noch vier bekannten Exemplare. Tenschert stieß darauf vor Jahren in einem Auktionskatalog aus der französischen Provinz; das Rarissimum war auf dreitausend Francs geschätzt. Gekostet hat es den glücklichen heutigen Besitzer schließlich eine sechsstellige Summe. Dennoch zeigt er es beim Besuch in der Bibermühle gerne vor.

          Ein Ruhmesblatt fürs Universitätssystem

          Auch Goethes Promotion verlief ja nicht reibungslos. Seine erste Dissertation, eine juristische Rechtfertigung der Oberhoheit des Staates in religiösen Fragen, war von der Universität abgelehnt worden. Das Manuskript soll später vom Vater in Frankfurt aufbewahrt worden sein; heute ist es verschollen. Das sind die Geschichten, die Heribert Tenschert immer wieder neu auf die Jagd schicken, und nicht selten hat er aufgrund ähnlich dürrer Überlieferungen Funde gemacht, die heute die wichtigsten Bibliotheken und Archive zieren. Dass es in Freiburg gewisse Widerstände in der Professorenschaft gab, einem Handelsmann die höchsten akademischen Weihen zuzusprechen, ist kein Geheimnis. Dass diese Widerstände überwunden werden konnten, ist ein Ruhmesblatt für das Universitätssystem.

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