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Littell besucht Georgien : Wohlgesinnt im Kaukasus

Im südossetischen Ort Tskhinvali Bild: AFP

Es sind die Obsessionen seines großen Romans „Die Wohlgesinnten“, die den Schriftsteller Jonathan Littell an den Schauplatz Georgien geführt haben. Seine Reportage für „Le Monde“ ist großer Journalismus mit den Mitteln der Literatur.

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          Als Littell kam, war der Krieg schon wieder vorbei. Ein paar frische Leichen hat der Autor des Romans „Die Wohlgesinnten“ dennoch gefunden. Am Rande eines Dorfes stößt der Reisetrupp auf einen umgestürzten Kleintransporter. Das Blech ist durchlöchert: „Scherben und Ausweise liegen herum. Die Leiche eines Mitfahrenden liegt im Garten. Die Fotografen und Kameramänner stürzen sich unter Einsatz ihrer Ellbogen auf den Kadaver und filmen ihn. Doch ihre Bilder sind sinnlos, denn die Leiche ist viel zu entstellt, um gezeigt werden zu können. Total schwarz verkohlt, von Würmern zerfressen, sie verströmt einen Geruch, den nichts wiedergeben kann.“

          Jürg Altwegg
          Freier Autor im Feuilleton.

          Es sind die Obsessionen der „Wohlgesinnten“, die Jonathan Littell an den Schauplatz Georgien und auf die Suche nach dem Genozid führten. „Wer ist der Angreifer, wer ist das Opfer?“ Alexander „Kakha“ Lomaia hatte ihn angerufen und eingeladen, die zerstörten Dörfer im Norden von Gori zu besuchen. Littell kennt Lomaia seit 2004. Damals leitete er die georgische Sektion von George Soros' „Open Society“ und gab sich gemäßigt. Ihre Diskussionen drehten sich um die nationalen Minoritäten. Dann wurde „Kakha“ Unterrichtsminister. Jetzt kümmert er sich um die georgische Sicherheit. Der Zeitung „Le Monde“ versprach Jonathan Littell einen Text mit 30.000 Anschlägen. Nach seiner Rückkehr lieferte er die doppelte Länge. Ungekürzt druckt ihn die Zeitung an diesem Samstag auf zwölf Seiten in der Beilage „Le Monde2“. Für den Umbruch wurde Littell aus Barcelona nach Paris eingeflogen. Es ist der längste Text, den „Le Monde“ je publiziert hat.

          Er demontiert die georgische Version

          Am 18. August trifft Littell in Gori ein. Kakha residiert in einem Gebäude an einem Platz, in dessen Mitte eine gigantische Stalin-Skulptur thront. Mit 45 Jahren, schreibt Littell, ist Kakha einer der ältesten in der Riege der Machtinhaber: „Sakaschwili ist vierzig, der Verteidigungsminister kaum dreißig.“ Littell reist mit sehr genauen Vorstellungen vom Konflikt wie den Verantwortlichkeiten an und ist gleichzeitig um absolute Redlichkeit bemüht.

          Ausführlich befasst er sich mit der Vorgeschichte und dem Ausbruch des Krieges. Er erwähnt, dass sich die Autonomiebestrebungen in Abchasien darauf stützen, dass ihre einst „autonome Republik“ vom Georgier Stalin Georgien zugeschlagen worden sei. Beim Zerfall der Sowjetunion einigten sich Jelzin und seine „slawischen Kollegen in der Ukraine und Weißrussland“ über die Modalitäten: die Abwicklung folgt den Grenzen der Republiken - „keine Autonomie für Tschetschenien, Abchasien, Nagorno-Karabach, um nur sie zu nennen“. Littell beschreibt die „ethnischen“ Verhältnisse. Er demontiert die georgische Version vom prophylaktischen Gegenschlag und bescheinigt dem Regime, im Gegensatz zur plumpen russischen Propaganda eine raffinierte Kommunikationspolitik zu betreiben. Sie wird von der belgischen PR-Agentur Aspect Consulting gesteuert.

          Eine irrationale Erklärung für den Amoklauf des kleinen Landes

          Südossetien besucht er unter russischer Führung. Den begleitenden Offizier nennen die Journalisten „den kleinen Goebbels“. Littell ist beim Konzert des Mariinsky-Orchesters aus St. Petersburg in Tskhinvali dabei. Es wird im russischen Fernsehen übertragen. Der Dirigent, ein Freund Putins, spricht von zweitausend Toten und einem Genozid, den die Georgier an der Bevölkerung begangen hätten. Bilder der Ruinen werden eingeblendet. Das Orchester spielt Tschaikowski und die Sinfonie, die Schostakowitsch während der Belagerung Leningrads komponiert hatte. Littell fotografiert mit dem Handy. Er sucht die Toiletten, verirrt sich in den ersten Stock und sieht im Hof fünfzig georgische Gefangene. Auch mit russischen Soldaten kommt er ins Gespräch. Wie 1996 in Tschetschenien, wo er in der humanitären Hilfe tätig war. Doch sie wollen seine Zigaretten nicht mehr und sind höflich, diszipliniert, professionell. „Seit sich die Sowjetunion wieder aufrichtet, halten auch wir Soldaten uns im Zaum“, erklären sie ihm. Sport ersetzt den Alkohol.

          Seine georgischen Gastgeber fragen Littell nach den Aussichten eines Nato-Beitritts. „Der Westen mag es nicht, wenn seine Verbündeten Kriege beginnen, ohne ihn zu informieren.“ Und im Übrigen halte man ihren Präsidenten Sakaschwili wie in Russland für einen Verrückten. Ja, wer sich den Russen widersetzt, wird für verrückt gehalten. Aber Amerikas Vorherrschaft ist vorbei, und für den Amoklauf des kleinen Landes im Kaukasus gibt es nur eine irrationale Erklärung: „Georgien hat sich für die internationale Gemeinschaft geopfert, um ihr zu zeigen, wen sie gegen sich hat. Georgien hat sich geopfert, um dem Rest der Welt die Augen zu öffnen.“ Damit weiß man zum Schluss, wer der Feind ist. Und dass alles sehr viel komplexer war, als man es sich je auszudenken wagte. Littells Reportage ist großer Journalismus mit den Mitteln der Literatur.

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