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Literaturübersetzungen : Böse Giftstoffe

Die Übersetzer machen es vor: Ohne Belesenheit geht gar nichts. Doch wie genau ist der Begriff der Belesenheit heutzutage zu verstehen?

          Man muss sich den literarischen Übersetzer als einen entbornierten Menschen vorstellen. Wer Literatur übersetzt, ist wie kaum jemand gehalten, sich mit der Sprache und ihren Möglichkeiten, ihren flirrenden Bedeutungsfacetten, ihrer Assoziationsfülle auseinanderzusetzen. Es hat nichts mit einem raunenden Textverständnis zu tun, wenn man beim literarischen Übersetzen von schöpferischer Anverwandlung spricht; da entsteht immer noch einmal etwas ganz anderes als die Vorlage.

          Mehr denn je richtet sich das Übersetzer-Ideal heute an der gesprochenen Sprache aus, der Ton ist natürlicher geworden, keine Frage. Aber nicht um ausgefeilte idiomatische Wendungen geht es bei guten Übersetzungen in erster Linie, „viel entscheidender ist ein gewisser Duktus, der sich speist und erneuert - davon bin ich überzeugt - im innigen, vielfältigen Umgang mit gelesener Literatur und nicht zuletzt mit älterer deutscher Literatur“, erklärt Jürgen Dormagen, lange Jahre Lektor bei Suhrkamp und Insel und heute selbst übersetzend tätig. Er ist einer der Beiträger zur hochinteressanten Debatte über die Anforderungen des Übersetzens, die sich im jüngsten Sonderheft der Zeitschrift „Sprache im technischen Zeitalter“ nachlesen lässt. Ein Fazit dieser Debatte: Nichts schützt so sehr gegen Wortgeklapper, gegen die Nur-Tüchtigkeit im Umgang mit Sprache wie die eigene Belesenheit. Das ist wie die Fallzahl im Krankenhaus: Je mehr Fälle der Arzt schon unterm Messer hatte, desto souveräner gelingt - im Idealfall - die Operation. Das Restrisiko wird vom Begriff der ärztlichen Kunst abgedeckt.

          Sprachgefühl vor Sprachtechnik

          Auch die Verwendung von Sprache ist zuletzt eine Kunst, die auf den erhellenden Vergleich angewiesen bleibt, auf den Formanreiz durch das Andersgeartete, auf das Fremde und doch nicht Fremde einer älteren Literatur. Auf anderweitig Gelesenes eben, in das die neue Lektüre eingeschmolzen wird. Hier trifft wortwörtlich zu, was Adorno in seiner „Theorie der Halbbildung“ schrieb, nämlich dass das Halbverstandene und Halberfahrene nicht die Vorstufe der Bildung sei, sondern ihr Todfeind: „Bildungselemente, die ins Bewusstsein geraten, ohne in dessen Kontinuität eingeschmolzen zu sein, verwandeln sich in böse Giftstoffe, tendenziell in Aberglauben.“

          In diesem Sinne schätzt Dormagen den schwer greifbaren Begriff des Sprachgefühls höher ein als die in Übersetzerkollegien erwerbbare Sprachtechnik. Und er trifft - weit übers Übersetzerhandwerk hinaus - einen wunden Punkt unserer multimedial aufgestellten kulturellen Produktion, wenn er beklagt, dass bei aller Technikhuberei, den Audio-Slide-Shows und animierten Graphiken das Ideal der „Belesenheit“ verblasst: „Das Wort allein wirkt heute müde und hochnäsig zugleich.“ Gar nicht hochnäsig, müde, alteuropäisch belehrend wirkt der Anspruch auf Belesenheit, wenn man ihn - wie der geniale Übersetzer Frank Heibert im selben Heft - als Appell zur Selbstbescheidung, als Abwehr der eigenen Giftstoffe liest: „Wenn ich als über Fünfzigjähriger keine Romane von Debütanten Mitte zwanzig mehr übersetze, so nicht, weil ich mir nicht einen gewissen Jargon oder Slang qua Recherche draufschaffen könnte, sondern weil mein Sprachgefühl bei der Einfühlung in diesen Blick auf die Welt unsicher wird und sich schwertut mit dem Urteil, welche Ausdrucksmittel in meiner Sprache dafür passen könnten.“ Auch davor schützt Belesenheit: Vor einem präpotenten Zugriff auf Sprache und Welt, der sich umso mehr zutraut, je unempfindlicher er für den Reichtum der Bedeutungen ist.

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