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Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller : Am Strick der Sprache

Herta Müller Bild: ddp

Die Entscheidung der Stockholmer Akademie für Herta Müller ist ein Bekenntnis zu Artistik und Ethik als zwei Seiten einer Medaille und nicht zuletzt auch zu einer zerstörten Diasporakultur und ihrer wortmächtigsten Bewahrerin. Es ist ein großer Tag für die deutsche Literatur.

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          Als Herta Müller 1987 aus Rumänien nach Deutschland übersiedeln durfte, freigekauft für achttausend Mark, von der Bundesregierung an Ceauescu entrichtet – noch einmal achttausend Mark Schmiergeld, musste ihre Familie zusammenkratzen –, in jenem Jahr also notierte die Autorin den vieldeutigen Satz: „Mein Minderheitendeutsch, jetzt wirst du angeknüpft. Jetzt wird der Faden dir zum Strick.“

          Mit ihr ging eine ganze Reihe von rumäniendeutschen Autoren, die aus dem Banat oder aus Siebenbürgen stammen. Anfangs hörte man viel von ihnen, von Franz Hodjak, Richard Wagner, Werner Söllner und anderen. Sie wurden, als die kommunistischen Diktaturen Osteuropas zusammenbrachen, als Deuter der Ereignisse befragt und geschätzt. Zwanzig Jahre später sind viele von ihnen verstummt, ihr Minderheitendeutsch war irgendwann nicht mehr gefragt, auch nicht ihre Berichte aus dem Inneren des trostlosen Regimes, das mit jeder Maßnahme, die sie betraf, unverhohlen und entsetzlich erfolgreich auf das Ende ihrer Kultur gezielt hatte.

          Vom Leben im Verrat

          Herta Müller verstummte nicht, im Gegenteil: Als Autorin wurde sie mehr und mehr zur festen Größe in der deutschen Literatur. Jedes ihrer Bücher fand seine Leser, gerade weil sie sich von dem, was sie hinter sich gelassen hatte, nicht lösen wollte. Mit einer Intensität, die nur entsteht, wenn Sprache im Bemühen um den richtigen Ausdruck zu sich selbst findet, erzählt sie vom Schicksal ausreisewilliger Familien, vom Leben im Verrat und mit Verrätern, von Angst, die keinen Raum zum Atmen lässt und von der Gleichgültigkeit derer, die ihre Nische gefunden haben.

          Verkündigung in Stockholm : Literaturnobelpreis für Herta Müller

          Bis zu ihrem bislang letzten Roman „Atemschaukel“ beschreibt sie immer wieder, was staatliche Repression denen zufügt, die ihr unterworfen sind. Darin gleicht sie dem vor sieben Jahren mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichneten Imre Kertesz. Und indem nun auch Herta Müller dieser Preis zuerkannt worden ist, geht von der Stockholmer Akademie ein Signal aus, das einige törichte Entscheidungen der vergangenen Jahre vergessen machen könnte. Es ist ein Bekenntnis zu Artistik und Ethik als zwei Seiten einer Medaille, und nicht zuletzt auch zu einer zerstörten Diasporakultur und ihrer wortmächtigsten Bewahrerin. Auch deshalb ist die Stockholmer Entscheidung ein großer Tag für die deutsche Literatur.

          Tilman Spreckelsen
          Redakteur im Feuilleton.

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