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Literaturnobelpreise : Neues Vertrauen in die Urteilskraft

Die polnische Autorin Olga Tokarczuk Bild: Reuters

Eine gleichzeitige Vergabe von zwei Literaturnobelpreisen hatte es seit 1928 nicht mehr gegeben. Die Schwedische Akademie wollte damit Normalität herstellen. Mit den Auszeichnungen für Olga Tokarczuk und Peter Handke ist ihr mehr als das gelungen.

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          Die Würfel sind gefallen, und wenn wir in der Metaphorik des Glücks- oder auch Schicksalsspiels bleiben wollen, muss man feststellen: Ein Sechser-Pasch ist es geworden. Die Entscheidungen, den Literaturnobelpreis für das Jahr 2018 (als die Vergabe durch mehrere Skandale im Umfeld der bis dahin als Jury fungierenden Schwedischen Akademie ausgesetzt wurde) an die polnische Schriftstellerin Olga Tokarczuk zu vergeben, und den für das aktuelle Jahr an den Österreicher Peter Handke, ist offensichtlich nicht das, was man vorher vermutet hatte: eine Konzessionsentscheidung an die Erwartungen der Weltöffentlichkeit.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Es steht ohnehin außer Frage, dass Tokarczuk und Handke qualitätvolle Literatur schreiben – beide sind in ihren Sprachen höchst anerkannte Schriftsteller. Und darüber, ob Tokarczuk den Preis erhalten hätte, wenn nicht auch gleichzeitig Handke ausgezeichnet worden wäre – oder umgekehrt –,  muss man auch nicht spekulieren. Spekuliert worden wäre, wenn ein Gefälle in der Wahrnehmung betreffs der beiden Preisträger existiert hätte, zum Beispiel durch die Wahl eines weitgehend unbekannten Gewinners neben einem bekannten. Aber Tokarczuk und Handke sind Kandidaten, die in jedem Jahr für den Nobelpreis in Frage kamen.

          Geradezu klassische Preisträger

          Worin bestand der Reiz dieser Kombination für die neunköpfige Jury? Es war vorab allgemein vermutet worden, das mindestens eine Frau unter den beiden heutigen Gewinnern sein würde. Nicht nur, weil 2016 und 2017 mit Bob Dylan und Kazuo Ishiguro zwei Männer ausgezeichnet worden waren, sondern mehr noch, weil es schwer vorstellbar schien, dass das Vergabekomitee nach den durch die MeToo-Bewegung aufgedeckten Skandalen um die Akademie sich dem Vorwurf aussetzen wollte, nun Frauen gleich doppelt unberücksichtigt zu lassen.

          Sprachpatriotisch mitfreuen: Peter Handke

          Es war auch eine möglichst „weltumspannende“ Verteilung der beiden Preise erwartet worden. Der Nobelpreis ist die meistbeachtete Literaturauszeichnung, und bisher sind Autoren aus Regionen abseits Europas und Nordamerikas extrem selten in deren Genuss gekommen. Das bleibt nun so, beide Gewinner sind Europäer, Mitteleuropäer sogar, wenn man noch weiter geographisch einengen möchte. Die Neubesetzung des Vergabekomitees hat geradezu klassische Preisträger hervorgebracht. Das wird alle freuen, die fürchteten, das andere als literarische Aspekte bei der Zuerkennung eine Rolle spielen könnten.

          Nun werden sich Stimmen regen, die das Nobelpreiskomitee dafür kritisieren, nicht Stimmen aus kleineren Literaturen einen großen Auftritt gewährt zu haben. Aber Minderheitenzugehörigkeit allein ist kein literarischer Wert. Den jeweiligen Lesern und Herkunftsländern von Tokarczuk und Handke wird das alles eh egal sein; und bei Handke freuen sich mindestens noch Slowenien, Serbien, seine Wahlheimat Frankreich und aus sprachpatriotischen Gründen auch Deutschland mit – immerhin europaübergreifende Wirkung also, er wird ebenso von einer Mehrheit der Literaturinteressierten gelesen wie in Polen auch Tokarczuk. Sie auszuzeichnen erforderte diesbezüglich keinen Mut.

          Der ständige Sekretät der Schwedischen Akademie, Mats Malm, verkündete in diesem Jahr die Preisträger auch auf Englisch.

          Mutig darf man die Stockholmer Entscheidung aber doch nennen, weil Handke eine politisch umstrittene Persönlichkeit ist. Sein Einsatz für Serbien in den Kriegen ums jugoslawische Erbe in den neunziger Jahren ist unvergessen, und neben Anfeindungen aus Deutschland hat er gerade auch in Skandinavien dafür Kritik auf sich gezogen.

          Der Nimbus des Literaturnobelpreises war vor allem durch die unerfreulichen Ereignisse in der Schwedischen Akademie beschädigt worden, und der geradezu halsstarrige Beschluss, nach dem ausgefallenen Preis von 2018  nun möglichst rasch wieder Normalität zu schaffen, drohte ich eher noch zu vergrößern. Doch die nun verkündeten Entscheidungen sind geeignet, das verlorene Vertrauen wieder herzustellen – vor allem in die Urteilskraft derjenigen, die diesen wichtigsten Literaturpreis der Welt vergeben.

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