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Nobelpreisvergabe : Was ist große Literatur?

Prämiert für ihre Chronik postsowjetischen Leids: die letztjährige Preisträgerin Swetlana Alexijewitsch Bild: dpa

Der Nobelpreis wurde in den vergangenen Jahren meist nach moralischen Kriterien vergeben. Preiswürdig sind politisches Engagement und ethische Tiefe. Kann das richtig sein?

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          Mit großer Verlässlichkeit kommt alljährlich um diese Zeit in der literarischen Welt Spannung auf. Jeden Oktober erscheinen Artikel, die „Warten auf den Nobelpreis“ überschrieben sind oder „Wer wird es dieses Mal?“ oder „Nobelpreis für Murakami?“ In den Redaktionen macht sich währenddessen eine leise Hintergrundsunruhe bemerkbar: Wer liest estnische Lyrik, falls es Doris Kareva würde, und wer auch nur amerikanische, um gegebenenfalls schnell etwas Kluges über John Ashbery zu schreiben? Immerhin hätte man bei Lyrik ein paar Stunden zur Lektüre, aber wenn sich Stockholm entsönne, dass John Barth noch lebt und eigentlich ein Romangigant ist, würde es für viele Redaktionen wirklich eng.

          Jetzt sind ja schon ein paar Namen gefallen, von denen einige sogar bei den Londoner Wettbüros – bei denen Ngugi Wa Thiong’o vorne liegt – bekannt sind. Wer kennt sie außerdem? „Herr Settembrini ist Literat“, sagt im „Zauberberg“ Joachim Ziemßen zu seinem Vetter mit wichtiger Stimme, „er hat für deutsche Blätter den Nachruf auf Carducci geschrieben,– Carducci, weißt du.“ Wer von uns heute würde darauf nicht genauso reagieren wie Hans Castorp, der Ziemßen „verwundert ansah und zu sagen schien: Was weißt denn du von Carducci? Ebenso wenig wie ich, sollte ich meinen“?

          Carducci war damals Nobelpreisträger für Literatur. So wie später Grazia Delleda, Frans Eemil Silanpää oder Patrick White. Was wissen wir von ihnen noch? Auf die Gefahr hin, ein Publikum übersehen zu haben: Ebenso wenig wie ich, sollte ich meinen.

          Überdauern als Ausnahme

          Das ist der Zeitenabstand – so wird man dieses Vergessen erklären, das selbst Literatur ereilt, die einst zumindest der Schwedischen Akademie weltberühmt erschien. Doch es hat sich nicht sich nur das ästhetische Urteil gewandelt, wenn beispielsweise eine patriotische Novellensammlung, die „Karl XII. und seine Krieger“ heißt, heute, anders als vor genau einhundert Jahren, keine Ansprüche mehr auf literarischen Höchstrang begründet. So wenig wie die Autorschaft von Bauernromanen, denen als Widerstand gegen die urbane technisch-wissenschaftliche Zivilisation lange die Sympathien der Stockholmer Jury galten.

          Vermessen und naiv zugleich wäre nämlich, wer glaubte, dass die Festlegungen unserer eigenen Gegenwart, was mehr als nur gute, nämlich beste, gar weltbeste Literatur sei, von solchem Vergessen verschont bleiben werden. Das literarische Überdauern ist die Ausnahme. Was uns die Chinoiserien der Pearl S. Buck oder die Kolchosenpropaganda des Michail Scholochow sind, wird künftigen Zeiten vielleicht die Begeisterung für moralische Autoritäten und gerechte Sachen sein. Denn das fällt in der Chronik des Nobelpreises auf: in wie vielen Begründungen für seine Vergabe auf ein im weitesten Sinne humanitäres Engagement der Autoren hingewiesen wurde! Ob es um gesellschaftliche Schichten, Minderheiten, Kulturen, Machtkämpfe, Geschichtsbilder und historisches Unrecht geht – bei drei von vier Preisverleihungen wird die Literatur als moralische Instanz im Streit um Gerechtigkeit gepriesen.

          Eher selten dagegen, dass eine Schriftstellerin schlicht für die Meisterschaft beim Lösen selbstgestellter Erzählprobleme nobelitiert wird wie die Kanadierin Alice Munro vor drei oder der französische Romancier Claude Simon vor dreißig Jahren. Selbst dem irischen Poeten Seamus Heaney meinte die Jury einst über die „lyrische Schönheit“ seiner Gedichte hinaus noch „ethische Tiefe“ attestieren zu müssen, warum auch immer Ethik eine Tiefe hat. Schriftstellerische Höhe wird nicht immer, aber am liebsten mit einer Form von Engagement verbunden.

          Die großen Eigensinnigen

          Die lange Gegenliste derjenigen, die den Preis nicht bekamen, obwohl sie unendlich viel poetischer, erzählkräftiger und intelligenter waren als viele Preisträger, stützt diese Beobachtung. Von Anton Tschechow, Marcel Proust und Paul Valéry über Arthur Schnitzler, Virginia Woolf und Vladimir Nabokov bis zu Patricia Highsmith und Jorge Luis Borges stehen auf ihr überzufällig oft Autoren, die nichts anderem zur Stimme verhelfen wollten als der eigenen Wahrnehmungsfähigkeit, die für keine soziale Bewegung standen, die keine historischen Plädoyers hielten.

          Das erlaubt natürlich nicht den Umkehrschluss, Engagement und Geschichtssinn stünden notwendig literarischer Kraft im Wege. Man muss nur den ersten großen von der Schwedischen Akademie übergangenen Autor, Leo Tolstoj, nennen, um das zu belegen. Aber die ganz eigensinnigen, ganz dem Spiel und ganz der kognitiven Phantasie hingegebenen Schriftsteller haben es auf dem Weg zum literarischen Championat der Zeitgenossenschaft schwerer.

          Genau das aber mag auch der Grund dafür sein, dass sie länger überdauert: weil sie nicht an das gebunden ist, was einer Zeit unmittelbar als ihr Problem einleuchtet, weil sie ein von ihren Stoffen unabhängiges Nachleben führt und sogar ein gegenüber den Motiven wie der Moral ihrer Autoren selbständiges. Oft sind es Schriftsteller, bei denen es des Nachdenkens bedarf, um zu sagen, was genau an ihnen großartig ist. Die Literaturgeschichte entlohnt, alles in allem, eher Umwege und Schwierigkeiten als Moral und Zeitgenossenschaft.

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