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Zwei Mal Literaturnobelpreis : Gewinnerkombination verzweifelt gesucht

Die neun Helden des Nobelpreiskomitees Bild: Kat Menschik

Die Schwedische Akademie steht vor einer großen Entscheidung: Wen wählt sie für ihre beiden diesjährigen Literaturnobelpreise aus, ohne sich neue Kritik zuzuziehen? Wir belauschen die Sitzung des Komitees.

          7 Min.

          Ein Büro im Gebäude der Schwedischen Akademie: gelb-weißer Klassizismus, an einem runden Tisch mit achtzehn Sesseln sitzen die neun Mitglieder des diesjährigen Literaturnobelpreis-Komitees, vier Frauen, fünf Männer, viele Wasserflaschen.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Per Wästberg: Liebe Kollegen, nun ist es so weit. Erstmals seit 1928 werden in der Geschichte des Literaturnobelpreises in einem Jahr wieder zwei Auszeichnungen vergeben, und wir können sagen, dass wir dabei gewesen sind. Ich begrüße als Vorsitzender unsere fünf neuen externen Mitglieder, und um die Entscheidungsfindung zu beschleunigen, haben wir vier altgedienten Akademiker mit unserer langjährigen Erfahrung in der Jury und unseren traumatischen Erlebnissen des letzten Jahres uns schon einmal auf eine erwünschte Preisträgerin verständigt, die außerhalb jeglicher Diskussion stehen dürfte: Margaret Atwood.

          Jesper Svenbro: So ist es.

          Kristina Lugn: Um eine Frau kommen wir ja ohnehin nicht herum.

          Anders Olsson: Und eine Gegnerin von Trump ist sie auch.

          Mikaela Blomqvist: Ja, Frau ist schon mal gut. Wir fünf Neulinge wollten in der Tat auch eine wählen.

          Wästberg: Dann schließt euch doch einfach unserem Vorschlag an.

          Kristoffer Leandoer: Ein bisschen alt ist die Atwood ja schon.

          Gun-Britt Sundström: Und schon wieder jemand aus dem englischen Sprachraum. Der war doch mit Kazuo Ishiguro erst beim letzten Mal dran.

          Lugn: Der lief damals bei uns eher auf dem japanischen Ticket.

          Olsson: Aber nur, weil du Murakami partout nicht wolltest.

          Henrik Petersen: Ishiguro schreibt jedenfalls auf Englisch.

          Lugn: Murakami doch auch. Er kokettiert jedenfalls damit, dass sich daraus seine knappe Sprache erklärt, wenn er seine englischen Entwürfe ins Japanische übersetzt.

          Rebecka Kärde: Wir müssen heute ja wohl nicht mehr über Murakami reden. Der kommt als alter Mann doch keinesfalls in Frage.

          Leandoer: Wieso denn nicht, wenn wir die alte weiße Frau Atwood in Erwägung ziehen? Er wäre immerhin ein alter gelber Mann.

          Wästberg: Ich sage, Atwood ist gesetzt!

          Kärde: Ich lasse mir von einem nun wirklich alten weißen Mann hier gar nichts sagen.

          Lugn: Aber mit Atwood hätten wir dann schon einmal eine Frau . . .

          Sundström: Da gibt es genug andere, die wir prämieren können. Aus anderen Weltgegenden. Eine Kanadierin hatten wir doch erst 2013.

          Svenbro: Wenn die damals jemand hatte, dann nur wir vier Akademiker. Ihr hattet damit ja noch gar nichts zu tun.

          Petersen: Sonst wäre es damals auch eine andere Preisträgerin geworden. Die Munro war doch schon zweiundachtzig!

          Olsson: Na bitte, Atwood ist erst neunundsiebzig.

          Kärde: Fast dreimal so alt wie ich. Ich will eine Frau aus meiner Generation.

          Sundström: Moment, keine Altersdiskriminierung bitte! Warum nicht einfach Maryse Condé?

          Kärde: Kein Gedanke! Deine Generation war schon oft genug dran. Und Condé hat doch letztes Jahr den Alternativen Literaturnobelpreis gewonnen.

          Lugn: Ich dachte, den nähmen wir als Konkurrenz gar nicht ernst.

          Sundström: Genau! Und besser noch: Indem wir Condé wählen, heilen wir das vergangene Jahr und geben ihr den wahren Nobelpreis für 2018.

          Wästberg: Das scheint mir ein bisschen unoriginell. Atwood dagegen . . .

          Olsson: Was spricht denn gegen zwei Frauen?

          Svenbro: Atwood schreibt Science-Fiction.

          Leandoer: Ja und? Ich auch.

          Svenbro: Aber denkt doch an Harry Martinson . . .

          Kärde: Wen?

          Wästberg: Den Literaturnobelpreisträger von 1974. Das war sogar noch vor meiner Zeit in der Akademie. Er ist bislang der Einzige, der für eine Science-Fiction-Geschichte ausgezeichnet wurde.

          Svenbro: Ich erinnere mich nur zu genau, was damals danach los war. Die Studenten haben gegen die Verleihung protestiert.

          Kärde: Die Studierenden!

          Svenbro: Wie bitte?

          Kärde: So viel Sensibilität muss schon sein! Oder würdest du behaupten, damals wären nur Männer gegen Martinson auf die Straße gegangen?

          Petersen: Warum haben sie überhaupt protestiert? Ich war damals gerade erst geboren.

          Svenbro: Martinson war selbst Akademiemitglied und hat also gewissermaßen den Nobelpreis als Juror an sich selbst verliehen.

          Sundström und Leandoer (wie aus einem Mund): Ach, das ist ja interessant!

          Svenbro: Und er galt den Studenten als nicht politisch genug.

          Kärde: Unverbesserlich!

          Wästberg: Bei Atwood kein Problem. Kann man . . .

          Kärde: . . . frau!

          Wästberg: . . . politischer sein? Ich wiederhole: Sie ist für uns vier Akademiker gesetzt.

          Blomqvist: Nur mal angenommen, wir anderen fünf – nebenbei: die Mehrheit in diesem Komitee – stimmten zu. Wer wäre dann unsere zweite Preisträgerin?

          Olsson: Na, auf jeden Fall ein Mann. Das sieht einfach ausgewogener aus.

          Sundström: Männer gab’s schon hundert Mal als Gewinner, Frauen keine zwanzig.

          Olsson: Soll das hier eine Quotendiskussion werden?

          Sundström: Wer wollte denn gerade erst unbedingt einen Mann neben einer Frau?

          Kärde: Vorschlag – wir wählen neben einer Frau noch eine Transperson.

          Leandoer: Au ja, Michel Houellebecq!

          Kärde: Das ist doch keine Transperson.

          Leandoer: Aber allemal, Houellebecq ist jenseits aller Maßstäbe. Und wenn wir die Dylan-Tradition fortsetzen wollen, ist er genau der Richtige. Er hat doch irgendwann einmal ein Chanson-Album aufgenommen.

          Olsson: Dann sollten wir ihm doch gleich beide Preise geben, einen für seine Literatur und einen für seine Liedtexte.

          Blomqvist: Nur über meine Leiche!

          Entscheidung hinter dicken Mauern: In der Schwedische Akademie wird über den Literaturnobelpreis entschieden.

          Sundström: Keinen Nobelpreis für diesen Sexisten! Und mit Modiano waren die Franzosen zuletzt doch gut bedient.

          Petersen: Welche Weltgegend wäre denn überhaupt wünschenswert?

          Lugn: Ozeanien. Das war noch nie dran.

          Wästberg: Aber sicher doch, der Australier Patrick White hat 1973 gewonnen.

          Olsson: Der war aber in London geboren, also kein Indigener. Und damals sicher auch schon eine Quotenwahl.

          Svenbro: Und ein Jahr vor Martinson. Denkt an das Martinson-Debakel!

          Leandoer: Ich verwahre mich gegen dein kontinuierliches Geunke über den Science-Fiction-Autor Martinson!

          Petersen: Willst du jetzt etwa auch die Atwood?

          Leandoer: Ich dachte, die wäre ohnehin gesetzt.

          Kärde: Nur beim P*Matriarchat hier in der Jury. Ich plädiere für Zadie Smith.

          Sundström: Schon wieder jemand, die Englisch schreibt. Munro, Dylan, Ishiguro – soll das denn immer so weitergehen?

          Lugn: Und aus Ozeanien stammt sie auch nicht. Aber wer schreibt da überhaupt? Les Murray ist uns ja leider gerade weggestorben.

          Kärde: Und der schrieb ja auch auf Englisch. Aber Déwé Gorodey nicht. Ich bin für Gorodey.

          Wästberg: Wen?

          Sundström: Wo lebst du denn? Das ist eine schriftstellernde Politikerin aus Neukaledonien. Eine Kanakin.

          Kärde: Ich höre wohl nicht recht!

          Olsson: So bezeichnet sie sich selbst. Sie schreibt auf Kanakisch, kann keiner nachmachen.

          Kärde: Wenn sie sich selbst beschimpft, ziehe ich den Vorschlag wieder zurück.

          Petersen: Warum nicht mal eine mutige Entscheidung? Wir zeichnen eine fremdsprachige Autorin aus und geben den zweiten Nobelpreis ihrem schwedischen Übersetzer. Endlich eine Anerkennung für diese verkannte Berufsgruppe.

          Landoer: Sagt der Übersetzer.

          Petersen: Ich werde ja wohl kaum für die Brüder Grimm oder Knut Hamsun plädieren können.

          Svenbro: Aber du würdest dich nicht gegen Cormac McCarthy wehren.

          Petersen: Gegen den wäre ja wohl auch gar nichts zu sagen.

          Leandoer: Gegen seinen schwedischen Übersetzer wohl noch weniger, wie?

          Wästberg: Frieden, liebe Freunde, Frieden! Nehmen wir, wenn es denn heute Englisch sein muss, doch einfach Margaret Atwood und ihre schwedische Übersetzerin. Maria Ekman hätte es verdient.

          Kärde: Und wieso soll es die schwedische Übersetzerin von Atwood sein? Nehmen wir doch die ins Neukaledonische.

          Sundström: Kanakische. Aber wissen wir, ob das eine Frau ist?

          Olsson: Oder ob Atwood überhaupt ins Kanakische übersetzt worden ist?

          Blomqvist: So wird das nichts. Bis zum 10. Oktober müssen wir uns entschieden haben. Wie wäre es mit einem unbestechlichen Verfahren? Per Auslosung.

          Wästberg: Und auf welcher Grundlage?

          Blomqvist: Ich habe hier einfach mal alle bei den englischen Wettbüros notierte Kandidaten auf Zettel notiert.

          Kärde: Das nennst du unbestechlich? Nach den Enthüllungen der letzten Jahre? Warum sitzen denn diesmal gleich fünf neue Juroren hier?

          Lugn: Mir gefällt diese Idee. Machen wir doch eine Probe. Wer will ziehen?

          Wästberg: Als Vorsitzender des Komitees ist das mein Job . . . Ulrich Holbein? Wer ist das denn?

          Olsson: Der setzt jedes Jahr in London fünfzig Pfund auf seinen Sieg und kommt so zuverlässig in die Wettlisten. Ein Deutscher, den man literarisch am ehesten der Phantastik zurechnen kann.

          Svenbro: Ich sage nur: Martinson!

          Wästberg: Und ich sage: Eyvind Johnson.

          Kärde: Wer?

          Medaille mit dem Konterfei von Alfred Nobel, dem Stifter der nach ihm benannten hochdotierten Preise

          Wästberg: Der hat auch 1974 den Nobelpreis gewonnen, damals zusammen mit Martinson.

          Leandoer: Klingt schwedisch.

          Sundström: War der auch Mitglied der Jury?

          Wästberg: Zwei Schweden. Das könnte doch eine Inspiration für uns sein.

          Leandoer: Ja, genau, Gun-Britt und ich sind auch zwei Schweden.

          Kärde: Schwed*innen!

          Blomqvist: Wie wäre es mit Anne Carson?

          Sundström: Die ist doch gar nicht Mitglied unserer Jury. Und Kanadierin.

          Blomqvist: Eben! Wir wählen sie und Atwood.

          Olsson: Nicht mit mir! Selbe Sprache, selbe Nationalität, selbes Geschlecht. Das haut man uns um die Ohren.

          Wästberg: Nicht, wenn es zwei Schweden wären.

          Kärde: Schwed*innen.

          Svenbro: Martinson war . . .

          Petersen: Wie kannst du es wagen, Jesper? Wenn ich hier noch einmal den Namen Martinson höre, plädiere ich für Atwood, und dann hat die eine Mehrheit.

          Kärde: Gutes Stichwort, Henrik!

          Petersen: Was? Bist du jetzt plötzlich auch für Atwood?

          Kärde: Nein. „Wie kannst du es wagen!“ Wählen wir Greta Thunberg. Sie ist Schwedin. Und noch fast meine Generation.

          Leandoer: Die kriegt doch nächste Woche den Friedensnobelpreis zugesprochen.

          Sundström: Aber erst einen Tag nach uns. Da sollen doch die blöden Norweger im anderen Komitee sehen, wie sie damit klarkommen. So, das wäre endlich geklärt. Jetzt zur zweiten Schwedin . . .

          Svenbro: Nicht so schnell. Was hat Greta denn geschrieben?

          Blomqvist: Na, ihre Rede vor den Vereinten Nationen.

          Olsson: Ist das nicht ein bisschen wenig?

          Kärde: Ihr lebt wohl hinter dem Mond! Wer hat denn heute noch Zeit, so etwas wie Proust zu lesen? Vier Minuten sind perfekt für einen Post. Damit erreicht Greta meine Generation.

          Sundström: Also Greta Thunberg als Nobelpreisträgerin fürs Jahr 2019, denn 2018 hatte sie ja noch nichts geschrieben.

          Petersen: Und jetzt bitte den anderen Nobelpreis an ihren Übersetzer!

          Leandoer: Wie soll das denn für 2018 gehen, wenn sie da noch nichts geschrieben hatte?

          Wästberg: Und das wäre ja auch gar kein Schwede.

          Sundström: Eben. Wir brauchen doch neben Greta eine ältere Schriftstellerin fürs Jahr 2018. Wollen wir da nicht einfach an die Naheliegendste denken?

          Lugn: Margaret Atwood?

          Sundström: Jemand aus dieser Generation, aber aus Schweden. Auf die wir uns schnell verständigen könnten. Jemand aus unserem engsten Umkreis . . .

          Svenbro: Um Gottes willen, nicht eine neue Causa Martinson!

          Kärde: Wenn das die Studierenden auf die Straße brächte, wäre ich dafür. Greta sorgt für die Mobilisierung der Schüler*innen, und wir agitieren mit der Entscheidung für Gun-Britt die Studierenden.

          Olsson: Es hielte auch die Telefonkosten bei der Benachrichtigung der Gewinnerinnen niedrig.

          Wästberg: Abstimmung! Höre ich Widerspruch?

          Svenbro: Aber das abschreckende Beispiel Martinson . . .

          Kärde: Das waren damals zwei Männer. Gegen zwei Frauen kann niemand etwas sagen. Nicht im Jahr 2019.

          Leandoer: Und gegen zwei schwedische Frauen?

          Wästberg: Das wird die Welt verstehen. Wir sind schließlich die Schwedische Akademie! Und 2020 wählen wir Margaret Atwood.

          Svenbro: So wird es sein.

          Lugn: Um eine Frau kommen wir ja nie mehr herum.

          Olsson: Und eine Gegnerin von Trump ist sie dann auch noch.

          Mitarbeit: Dietmar Dath, Tilman Spreckelsen, Jan Wiele

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