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Literaturnobelpreis : Jetzt sind wir dran!

  • Aktualisiert am

Nie ein Niederländer? Nobelpreisverleihung, hier an Imre Kertesz Bild: PRESSENS BILD POOL

Hundert Jahre Wartezeit: Jedes Jahr hoffen die Niederländer darauf, daß einer der Ihren den Literaturnobelpreis erhält - und sie werden jedes Jahr enttäuscht. Warum, erklärt der niederländische Schriftsteller Maarten Asscher.

          6 Min.

          Es gibt eine ganze Reihe von Leuten in den Niederlanden - Schriftsteller, Kritiker, Journalisten, Verleger, Buchhändler -, die jedes Jahr im Oktober aufs neue inbrünstig hoffen, daß wir endlich den Nobelpreis für Literatur gewinnen. Sie meinen sogar, wir hätten ihn uns inzwischen redlich verdient.

          Alle Jahre wieder werden diese Leute enttäuscht und pflegen dann mit einer gewissen Entrüstung darauf hinzuweisen, daß Frankreich dieser Preis sage und schreibe zwölfmal zugefallen sei, gefolgt von Großbritannien (neunmal), den Vereinigten Staaten und Deutschland (beide achtmal). Sogar Finnland habe seinen Gewinner. Und Guatemala. Ja, Nigeria und Island. Die Schweiz sogar zweimal. Die Schweiz! Außerdem, so schließt die Argumentation, hätten wir mit Mulisch, Claus und Reve Kandidaten von Rang aufzuweisen, über die die schwedische Akademie wirklich nicht länger hinwegsehen könne, es sei denn . . . Ja, es sei denn, daß sie, wie inzwischen seit 1901 üblich, auch im Jahr 2004 wieder jemanden aus einem anderen Land auszeichnet.

          Absonderliches Mißverständnis

          Das alljährlich wiederkehrende Gefühl, die Niederlande seien diesmal nun wirklich an der Reihe, hält sich so hartnäckig und ist so weit verbreitet, daß es sich lohnt, dieses absonderliche Mißverständnis ein für allemal auszuräumen. Zunächst einmal steht der Nobelpreis mit dem Aspekt der Nationalität a priori in einem gespannten Verhältnis. Der schwedische Erfinder, nach dem die Preise benannt sind, ließ daran in seinem handschriftlichen Testament vom 27. November 1895 keinen Zweifel.

          Der ewige Kandidat: Harry Mulisch

          In dieser, seiner dritten und letzten Verfügung, in der er seine Familie und einige Nahestehende nur mit einem Legat bedachte, formulierte er die Modalitäten für die jährliche Verleihung der Preise. Demjenigen sollte einer der fünf Preise verliehen werden, der "im verflossenen Jahr" auf seinem Gebiet "der Menschheit den größten Nutzen erwiesen" habe. In Übereinstimmung mit dem auf den internationalen Frieden gerichteten Tenor des gesamten Testaments nahm Nobel obendrein noch folgende Bestimmung auf: "Es ist mein ausdrücklicher Wille, daß bei der Preisverteilung keinerlei Rücksicht auf die Zugehörigkeit zu irgendeiner Nationalität genommen wird, so daß also der Würdigste den Preis bekommt, ob er nun Skandinavier ist oder nicht."

          Vierzehn Skandinavier

          Dieser Passus, so charakteristisch für den Supranationalismus, der in jenen Jahren auch zur Haager Friedenskonferenz und zu den Plänen für den Friedenspalast geführt hatte, macht jede ausdrückliche Berufung auf die Nationalität eines Schriftstellers von vornherein verdächtig und aussichtslos. Etwas anderes ist es, daß die Nationalität eines Schriftstellers natürlich durchaus eine Rolle spielt, allerdings hinter den verschlossenen Türen der Schwedischen Akademie. Anders läßt es sich nur schwer erklären, daß der Preis, der bisher sechsundneunzigmal verliehen wurde, nicht weniger als vierzehnmal an skandinavische Schriftsteller ging.

          Der Finne Sillanpää, so heißt es zum Beispiel, habe im Jahr 1939 den Preis unter anderem deshalb bekommen, weil sich die Sowjetunion gerade anschickte, sein Land zu annektieren, wogegen sich Sillanpää auf bewundernswerte Weise ausgesprochen hatte. Also ging der niederländische Historiker Johan Huizinga leer aus.

          Umgekehrt kann die politische Lage in einem Land einen Schriftsteller geradezu disqualifizieren. So wird sich die Schwedische Akademie in der jetzigen politischen Situation davor hüten, dem israelischen Schriftsteller Amos Oz den Nobelpreis zu verleihen, da sie sich damit direkt in die politische Arena begeben würde. Oder Südafrika: Zu Zeiten der starren Apartheidspolitik kam ein Autor aus diesem Land kaum in Frage, während seit Anfang der neunziger Jahre bereits zwei südafrikanische Autoren geehrt wurden: Nadine Gordimer 1991 und J. M. Coetzee 2003.

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