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Literaturnobelpreis an Le Clézio : Der Jäger der verlorenen Träume

  • -Aktualisiert am

Die logische Wahl im transatlantischen Kulturkampf: Le Clézio Bild: AFP

In seinem Werk mischt sich Zivilisationskritik mit den Traumresten des untergegangenen französischen Kolonialreiches: Dafür erhält Jean-Marie Gustave Le Clézio den Nobelpreis für Literatur.

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          Sollte die etwas klassisch verkrustete Idee einer Weltliteratur noch eine Zukunft haben, dann vielleicht so wie bei diesem Autor. Insofern steht ihm der Nobelpreis gut. Von der Herkunft, von den Wohn- und Schreiborten, von den Einflüssen, Themen und Stilrichtungen her ist bei Jean-Marie Gustave Le Clézio die ganze Welt gegenwärtig, zwischen Indischem Ozean, wo sein englischer Vater herkam, Schwarzafrika, wo dieser dann lebte, dem Mittelmeer, wo er selbst aufwuchs, und Frankreich, Nordamerika oder Mexiko, wo er lange lebte.

          Seine gut drei Dutzend Romane, Erzählungen, Kindergeschichten, Essays und weniger leicht definierbare Genres berichten von entlegenen Mythen, konkreten Geschichtsereignissen und persönlichen Erinnerungen in einer Art, die keiner bestimmten Schule zugeordnet werden kann. Der heute achtundsechzigjährige Le Clézio ist der ruhige, untypische, doch keineswegs publikumsscheue Einzelgänger der französischen Literatur.

          Ein Reisender

          Dabei begann sein Eintritt in die Literaturszene 1963 mit einem Paukenschlag. Das Manuskript „Procès-verbal“ (Das Protokoll), eine Auflehnung des gut Zwanzigjährigen gegen die Literatur und die Welt überhaupt, wurde von Gallimard angenommen und erhielt zwar nicht den erhofften europäischen Formentor-Preis (den bekam Uwe Johnson), aber immerhin den Prix Renaudot. Lauter noch war es bei Le Clézios Entritt ins Leben zugegangen. Der 1940 Geborene wuchs in Nizza unter dem Bombenhagel der letzten Kriegsjahre auf. Sein englischer Vater lebte als Tropenarzt in Nigeria und Kamerun, wo er ihn erst als Siebenjähriger auf einer Reise kennenlernte. Ein Reisender ist Le Clézio seitdem geblieben.

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          Die frühen Bücher „La Fièvre“ (1965), „Terra amata“ (1967), „Le Livre des fuites“ (1969) hüten sich jedoch vor jeder Form von Exotik wie vor der genormten Form des Erzählens mit Anfang und Ende. Sie mischten Geschichten mit Betrachtungen und waren in jenen Jahren zunächst eine scharfe Abrechnung mit der Welt der westlichen Moderne und mit deren Lebensstil. Während des Kriegs geboren und schreibend in die Zerreißprobe des Algerienkriegs hineingewachsen, fehlte es nicht an Konfliktstoff. Während jene Epoche die Auflehnung aber gern in ideologische Systeme schmolz, blieben die Bücher Le Clézios Literatur ohne Außengerüst und altern deswegen umso besser. Auch ideologisch ist dieser Autor ein Nomade geblieben und hat seine geistige Welt stets auf die Fundamente eigener Erfahrung gebaut.

          Umsichtige Arbeit an der Kolonialgeschichte

          In den siebziger Jahren vertiefte sich der Blick in den Romanen auf die Mythologien vorab afrikanischer und indianischer Kulturkreise, manchmal verwoben mit Einzelfiguren und Episoden der europäischen Geschichte. „Les Prophéties de Chilam Balam“ (1976) und „Trois villes saintes“ (1980) sind Hommagen an versunkene indianische Kulturen. „Désert“ (auf Deutsch: „Wüste“, 1992), „Le Rêve mexicain“ (1988), die mit der Gattin Jémia, einer Mauretanerin, zusammen geschriebenen „Gens de nuages“ (1997) oder „Poisson d'or“ sind Ansätze, die Kolonialgeschichte aus ungewohnten Perspektiven zu erzählen. Vom rousseauistischen Schema der schlimmen Folgen technisch fortgeschrittener Kultur gegenüber den „wilden“ Gutmenschen hat Le Clézio jedoch nie viel gehalten.

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