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Literaturnobelpreis : Wer wird denn hier eigentlich geehrt?

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2011 kehrte Swetlana Alexijewitsch nach Minsk zurück. Sie lebt unweit des Oktoberplatzes, der auf dem Umschlag der deutschen Ausgabe ihres neuesten Werkes mit wehender sowjetischer Flagge zu sehen ist, in einer Neubauwohnung. Für den Verkauf ihrer Bücher im Westen war förderlich, dass die russischen Ausgaben in Minsk seit Ende der neunziger Jahre nicht erscheinen konnten. 2013 verlegte dann Ihar Lohwinau nach fünfzehnjähriger Pause eine belarussische Übersetzung des Bandes „Secondhand-Zeit“. Dieser Widerspruch bezeichnet ein zutiefst belarussisches Dilemma. Während weite Teile der kulturellen Elite heute mit einigem Erfolg und westlicher Unterstützung versuchen, eine Kulturproduktion auf Belarussisch auf den Weg zu bringen, wird das Gros der Kultur für Minsk in Moskau auf Russisch produziert. Kommerzielle Kultur, Arbeitsmigration, aber auch ein im Bau befindliches Atomkraftwerk im Norden des Landes sind Teil des russischen Marktes. De jure gehört Belarus zur Eurasischen Union, die Putin der EU entgegensetzen will.

Übermacht des Russischen

Dank dieser starken Einbindung und der restriktiven Visaregelungen der Europäischen Union ist ein aggressives russisches Vorgehen wie in der Ukraine in Belarus nicht notwendig, um ein Abdriften der Gesellschaft nach Westen zu verhindern. Die belarussische Gesellschaft hat nie aufgehört, Teil der russischen Welt zu sein, die ihre Fratze nach der Annexion der Krim in Wladimir Putins geflügeltem Wort vom „Russkij Mir“ (Russische Welt) zeigte. Eine russischsprachige Welt existierte aber auch vor 2014, sie kennt im Internet keine Landesgrenzen. Das russische soziale Netzwerk Vkontakte repräsentiert sie digital – einschließlich der tiefen politischen Spaltung infolge des hybriden Kriegs in der Ukraine.

Die analoge Version der russischsprachigen Welt bietet jeder Minsker Buchladen: Alle Neuheiten der Moskauer Verlagswelt sind erhältlich, inklusive der Bücher von Swetlana Alexijewitsch. Da die Autorin auf Russisch schreibt, werden ihre Bücher, der postsowjetischen Marktlogik folgend, in Moskau verlegt. Zwar kann man in jeder Minsker Buchhandlung belarussischsprachige Werke kaufen. Doch die Produktion der meisten staatlichen Verlage beschränkt sich auf Bildbände und Klassiker, die Pflichtlektüre in der Schule sind. Wenige große Buchläden besitzen außerdem ein Eckchen für die alternative Produktion jener, die prinzipiell auf Belarussisch schreiben. Der Übermacht des Russischen haben sie aber wenig entgegenzusetzen. Insofern ist Swetlana Alexijewitsch so belarussisch wie ihre Gesellschaft. Und deshalb haben viele belarussische Intellektuelle ein gespaltenes Verhältnis zu ihrem Werk und nun auch zu ihrem Nobelpreis.

Ihre Bücher sind Mangelware

Zugleich ist Belarus ein autoritärer Staat, und das Wort ist hier traditionell eine scharfe Waffe. Kurz nach dem Erscheinen von „Secondhand-Zeit“ auf Belarussisch sah Alexijewitschs Verleger Ihar Lohwinau sich 2014 politisch motivierten Ermittlungen gegen seinen Minsker Buchladen ausgesetzt. Die Geschichte von der politischen Verfolgung in Belarus ist also doch wahr: Die belarussische Alexijewitsch-Ausgabe stand infolge des Verfahrens 2014 kurz vor dem Einstampfen. Nach Bekanntgabe des Nobelpreises erhielt Lohwinau plötzlich einen Anruf vom staatlichen Vertrieb für Druckerzeugnisse.

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