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Literaturkritik : Moderner mosern

Mit dem Hackebeil: Pecks „Hatchet Jobs” Bild: New Press

Der Romancier Dale Peck hat sich in seinem Zweitberuf als Literaturkritiker zahllose Feinde gemacht, die mitunter sogar handgreiflich werden. Peck geißelt die modernen Schreiber, ohne Antimodernist zu sein.

          Könnte man gute Kritiker verbindlich daran erkennen, daß sie von mittelmäßigen bis schlechten Künstlern verprügelt werden, so brauchte sich Dale Peck, hauptberuflich Romancier, nebenberuflich Literaturkritiker und in letzterer Eigenschaft Auslöser eines sehr ernst geführten Literatenstreits in New York und den dazugehörigen weltweiten Provinzen, um die Anerkennung seiner Verdienste keine Sorge mehr zu machen: Bei einem Restaurantbesuch hat ihm vor kurzem das zeitweise arg überschätzte, inzwischen vom Sinken seines Glückssterns auf die Erde zurückgeholte unartige Kind Nummer eins der schwarzen amerikanischen Identitäts- und Gegenwartsliteratur, Stanley Crouch, eine gesemmelt und gedroht: "Wenn du noch mal so etwas über mich schreibst, wird es noch viel schlimmer."

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Viel schlimmer? Die Qualität der vor diesem Ereignis bereits steppenbrandartig einschlägige Blätter und Websites verwüstenden Debatte um die Angemessenheit von Schärfe beim Formulieren literarischer Qualitätsurteile kann Crouch nicht gemeint haben: Die ist bereits ins Bodenlose geplumpst, als er den homosexuellen Peck als "a troubled queen" - auf deutsch so etwas wie "Edeltunte mit Psychoproblemen" - beschimpfte.

          Lauter Verrisse

          Peck kultiviert einen Gestus, der hierzulande an die Idee Marcel Reich-Ranickis erinnern muß, einen Rezensionsband "Lauter Verrisse" zu nennen und vom Niederreißenkönnen überhaupt mindestens so viel Gutes zu erwarten wie vom Aufbauenwollen. Der Streit zwischen Peck auf der einen und drei Dutzend Literaten auf der anderen Seite schwelt schon länger, ist aber mit der Veröffentlichung einer Sammlung von Pecks schärfsten und schönsten Rezensionen neu entflammt, die der Autor "Hatchet Jobs" (The New Press) getauft hat, also: "Fälle, die ich mit dem Beil erledige".

          Es geht auf den ersten Blick hauptsächlich darum, ob "snarky book reviewing", also das Abfassen "gehässiger Buchkritiken", die intellektuelle Landschaft eher verschandelt oder belebt - ersteres finden, wider Peck, derzeit fast alle prominenten Vertreter von "Theory", das heißt vornehmlich diskursanalytisch oder dekonstruktivistisch palavernder Literaturanalyse an Universitäten und in der Presse. Federführend wirkt hier Pecks Erzfeind, der Musil- und Pynchon-Enthusiast Sven Birkerts. Für Peck verwendet sich dagegen unter anderem Susan Sontag, die in den kritischen Techniken und Allüren, mit denen Peck sein Geschäft versieht, gar Parallelen zu ähnlichen Interventionen ihrer Heldin Virginia Woolf erkennen will und über den Mann mit dem Beil sagt: "Der Wald braucht ihn."

          Gegen die geläufige Ästhetik

          Peck geht es , seit er für "Granta", "The New Republic", die "Village Voice" , "artforum" und andere Renommierblätter der schöngeistigen Intelligenz schreibt, allerdings um viel mehr als Tischsitten oder deren Transgression. Seine Attacken laufen, wie spätestens ihre Sammlung in Buchform deutlich gemacht hat, auf die ehrgeizige, hauptsächlich in negativer, das heißt verurteilender Form vorgetragene Skizze einer zur bisher geläufigen querstehenden Ästhetik des modernen Romans hinaus - von dem er auch ausweislich seiner eigenen Romane einiges versteht.

          Manche behaupten zwar, der Mann könne nicht schlüssig argumentieren, sein hauptsächlich rhapsodisch, in Gestalt von gelegentlich nach Nietzsche riechenden Aphorismen und Sentenzen vorgebrachtes ästhetisches Weltbild sei zu synkretistisch und unausgereift, laufe gar auf wenig mehr als einen scharf ausformulierten, tiefsitzenden antimodernen Affekt hinaus. Aber daß Dale Peck nicht schreiben, nicht erzählen könne, hört man auch von den Hassern nicht.

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