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Literaturkritik im Netz : Wer steht hier am Abgrund? 

  • -Aktualisiert am

Männerrunde: Die Literaturkritiker Willy Haas, Egon Friedell, Goncourt und Kurt Tucholsky Bild: Kat Menschik

Die Literaturkritik muss sich vor dem Internet nicht fürchten. Sie muss nur wieder so modern werden, wie sie mal war.

          Verrückter Text, der da im Feuilleton der „Neuen Zürcher Zeitung“ am 11. Mai erschienen ist. Auf den ersten Blick schien er einfach nur komisch zu sein: Der Literaturkritiker Roman Bucheli schrieb eine ganze Seite über Literaturkritik, die heute, im Zuge des medialen Wandels (Internet!), marginalisiert zu werden drohe. Komisch war der Text natürlich deswegen, weil die Untergangsahnung immer schon ein geradezu konstituierendes Element der Literaturkritik gewesen ist. Literaturkritiker sind ängstliche Leute, ihr Gewerbe steht immer am Abgrund, für sie ist es den ganzen Tag lang superkurz vor zwölf. Der Platz, den sie in einer Zeitung füllen dürfen, wird: geringer. Die Beachtung, die sie erfahren, wird: geringer. Ihre Bedeutung und die der gesamten Literatur: schrumpft. Literaturkritiker kommen schon als Verschwinder auf die Welt. Wer sich beeilt, kann sie noch sehen, wer langsam schaut, der blickt ins Leere.

          So weit, so lustig und unbedenklich. Weniger lustig waren Sätze in diesem Text, die von einem wirklich dramatisch geschrumpften Selbstbewusstsein zeugten, so dramatisch, dass es an den Kern der Sache rührt, um die es geht: „Mochte man bis dahin (bis zur Jahrtausendwende) glauben, eine Zeitung werde nach dem Geschmack der Redaktion und dem Interesse der Leserinnen und Leser gemacht, so bleibt seither nur Ernüchterung: Redaktionen können, um es zugespitzt auszudrücken, genau jene Zeitung produzieren, die der Werbemarkt zulässt.“ Diesen Satz im Kulturteil einer Zeitung zu lesen, die auf eine so große, stolze, ruhmreiche Geschichte zurückblickt wie die „NZZ“, ist wirklich beunruhigend. Beziehungsweise: Wenn er stimmt, dann ist der Abgrund nicht nur nahe, sondern dann sind wir schon längst hineingestürzt.

          Denn das steht doch am Anfang der Arbeit, die wir machen und die wir machen dürfen. Im Internet und auf Papier. Nur dann ist doch Journalismus, Kulturjournalismus und Literaturkritik interessant, lebendig, lesenswert und relevant: wenn er sich nach dem Geschmack der Redaktion richtet, an die Interessen der Leser denkt und vor allem den eigenen Interessen folgt, der eigenen Begeisterung für eine Sache, der Begeisterung für das Neue, nie zuvor Gelesene, der Begeisterung für Literatur. Nur so kann man doch mitreißend, überzeugend und unterhaltsam und also relevant schreiben. Und dass dann Leser und Werbewirtschaft quasi automatisch dorthin folgen, wo Textfreude, Überzeugungskraft und Glaubwürdigkeit zu finden sind, dieser Glaube muss doch da sein, sonst kann man doch alles sein lassen. Und das gilt für Texte im Internet ebenso wie für Texte auf Papier.

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