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Literaturfestival : Rosenmontagszug, Fronleichnamsprozession, lit.Cologne

Alle Jahre wieder: Literatur in Köln Bild:

Es gibt viele Gründe und dennoch bleibt er schwer erklärlich: Der Triumph der lit.Cologne. Das Literaturspektakel lockte Zehntausende von Interessierten zu Veranstaltungen unterschiedlichster Art.

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          Jetzt aber mal ehrlich, Literaturfreunde, Hand aufs Herz: Schon mal was von Arto Paasilinna, Tuuve Aro und M. A. Numminen gehört? Gut, von letzterem vielleicht, wo der, eine Art finnischer Helge Schneider, doch ein neorustikales Tango-Orchester leitet. Ein Rätsel bleibt es, unbekannt oder nicht mehr ganz, aber trotzdem. Denn wieso schaffen es diese drei Autoren, assistiert von der Kabarettistin Cordula Stratmann und dem Schauspieler Joachim Król, den Kölner Gürzenich, die "gute Stube" der Stadt, wo vor vier Wochen noch der Karneval schunkelte, bis auf den allerletzten Platz (von insgesamt zwölfhundert) zu füllen?

          Andreas Rossmann

          Freier Autor im Feuilleton.

          Nicht, daß sonst nichts los gewesen wäre an diesem Abend, denn die lit.Cologne geizt nicht mit Parallelangeboten: Im Museum Ludwig wechselten Hannelore Elsner und Ralf Harster die Briefe von Gabriele Münter und Wassily Kandinsky, im Tanzbrunnen spendete Roger Willemsen den "Trost der Melancholie", das Limelight ließ "in Zungen reden mit Robert Gernhardt", das Schauspielhaus zeigte "Gerhard Polt allein im Circus Maximus", im Theaterhaus erzählte Sue Graham Mingus ihre Liebesgeschichte mit Charles, im Gloria versicherte A. L. Kennedy "Also ich bin froh", und in der Halle Kalk trafen sich Sibylle Berg und René Pollesch. Tout Cologne lag, nein: bebte im Literaturfieber, und überall hieß es "Ausverkauft!"

          Die Mischung macht's

          Nur, auch an der Literatur kann es bei "Apuaa! Die Finnen kommen!" nicht gelegen haben, wiewohl die Bühne mit zarten Birkenbäumchen und einer trink- und wetterfesten Bar aus Naturholz-Imitat einladend eingerichtet war. Arto Paasilinna gab eine deftige Humoreske über eine Bypass-Operation an einem Bären zum besten, Tuuve Aro, Filmkritikerin im Hauptberuf, erheiterte mit zwei Erzählungen, die jede Frauenillustrierte aufpeppen könnten, und Numminen - nun, der schrägste Sänger des Polarkreises ist gewiß auch Lyriker, aber erst mal Musikant, Elektrobastler, Happeningaktivist.

          Vielleicht ist das ja schon ein Grund für den überwältigenden Erfolg der lit.Cologne, daß manche ihrer achtzig Veranstaltungen mit ganz wenig Literatur auskommen und sich zwischen Kleinkunst und Talk-Show zur Gala hochschaukeln. Denn die Mischung macht's, sie läßt zwischen Vorabendserienprominenz und Nachtstudiogrößen, Starallüre und Talentprobe, E und U keine Berührungsängste aufkommen. Nicht zu unterschätzen die kölsche Lust auf Geselligkeit.

          „Branding“/ „Kult“

          Als Erklärung reicht das aber noch nicht aus. Warum die lit.Cologne im vierten Jahr ihres Bestehens, verteilt auf achtzig Veranstaltungen, fünfundvierzigtausend Zuschauer zieht, fast so viele wie der lahme Geißbock im Heimspiel gegen den VfB Stuttgart, hat mehr mit der emotionalen Atmosphäre zu tun, die ihr, im Marketingdeutsch gesagt, ein "Branding", wenn nicht gar ominösen "Kult"-Status sichert.

          Das Programm verrät gerade im Detail eine Dramaturgie, die das Solo der Lesung überwindet und sie öffnet für Erkundungen, die das schriftlich Gesicherte verlassen. So wurde im Museum Ludwig ein Rendezvous zwischen Georg Baselitz und Ingo Schulze arrangiert, um die biographisch beidseitig relevante, doch zeitversetzt erfahrene Frage "Liegt Dresden im Zentrum?" einzukreisen.

          "Bilder denkt man sich aus. Man holt sie nicht von draußen", gibt der Maler vor; der Schriftsteller bezieht die Gegenposition: "Für mich ist das anders. Bei mir kommt es doch irgendwie von außen." Und schon entspinnt sich ein laokoonischer Disput, der, während die Konturen von Elbflorenz immer mehr verfließen, die Grenzen nicht nur zwischen den Gattungen konkretisiert: "Für mich geht es nicht darum, etwas Neues zu schaffen. Was ich versuche, herauszufinden, ist das Angemessene", resümiert Schulze und negiert gelassen einen Anspruch, der für Baselitz essentiell war: "Mir und meiner Generation war das nicht möglich."

          Ostasiatische Museum zum Landeplatz geworden

          Der Polarkreis war nicht das fernste Ziel, das die lit.Cologne ansteuerte, mit Ha Jin und Hong Ying führte sie auch nach China und in das Paradox, sie unter dem Titel "Far away from China" zusammenzubringen. Denn beide leben im Exil: Ha Jin in Boston, wo er Literatur lehrt und auf englisch schreibt, und Hong Ying in London, und beide halten an gesellschaftlichen Themen fest, auf die die junge Autorengeneration, die neuen Freiheiten zur Selbstbezogenheit nutzend, lieber pfeift.

          Ha Jin folgt in "Verrückt" einem Studenten aus einer Universität in der Provinz auf den Platz des Himmlischen Friedens, Hong Ying spürt in "Die chinesische Geliebte" Julian Bell, dem Neffen von Virginia Woolf, nach, der 1935 an die Universität Wuhan ging und dort von der Frau des Dekans in die taoistische Liebeskunst eingeweiht wurde. Da war das Ostasiatische Museum unversehens zu einem Landeplatz geworden, dessen Bilderreich die lit.Cologne eine neue Tür öffnete.

          Schaulust der Rheinländer

          Den Umweg über besondere Orte, die es mit Literatur mehr besetzte als aufschloß, nimmt das Festival nur noch selten. Und wenn es sich doch einmal in den fünfundvierzigsten Stock eines Hochhauses versteigt, um "Autoren auf dem Weg nach oben" auszumachen, entschädigt das Panorama über die Kölner Bucht für die - zumindest in der ersten Hälfte gewonnene - Aussicht auf die kleinteiligen Niederungen der Nachwuchsliteratur.

          Die Blicke auf Augenhöhe bieten die größeren Perspektiven, und der nicht ganz geheure Erfolg, der das deutsche Phänomen der Lesung in den kölnischen Komparativ setzt, hat wohl auch etwas mit der Schaulust der Rheinländer zu tun: So ist die lit.Cologne drauf und dran, zwischen Rosenmontagszug, Fronleichnamsprozession und CSD-Parade ihren lokalspezifischen Ort zu finden.

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