https://www.faz.net/-gqz-x27b

Literaturfestival Prosanova : Keine Asche für Phönix

  • -Aktualisiert am

Stillleben mit Jungautoren: Steffen Popp und seine Verlegerin Daniela Seel Bild: Archiv

Das Hildesheimer Prosanova-Festival schafft in Werkshallen ein vibrierendes Kulturzentrum und bietet jungen Autoren die Geborgenheit eines großen Kollektivs. Das wäre schön und gut, meint Oliver Jungen, wenn nur nicht die Reflexion der Autoren aufs eigene Schaffen so dürftig ausfiele.

          4 Min.

          Die Schwerkraft, weiß man seit Peter Licht, ist überbewertet. Eigentlich wusste man aber schon vorher, dass poetische Geister Schwerelosigkeit bevorzugen. Seit der Abkoppelung der Dichtung von der Rhetorik hat die Gravitation sogar wenig zu lachen, ist sie in eine Antinomie zur Kreativität geraten. Schreiben heißt heute oft: schweben. Doch was schwebt, das sind vor allem Ballons voller heißer Luft.

          Dem an der Hildesheimer Universität das Schreibschweben erlernenden Autorennachwuchs ist gleichwohl eine Sensation gelungen. Die achtzig Studenten haben aus dem Fest ihres Studiengangs ein Festival gemacht, wie es kein zweites in Deutschland gibt und das auch auf arrivierte Autoren so magisch wie magnetisch wirkt: Prosanova (schon der Name, die Marke, ein Volltreffer). Im Jahre 2005 fand das erste Prosanova-Festival für junge Literatur statt: Damals wurde eine leerstehende Möbelfabrik zum Leben erweckt.

          Dionysos erwacht

          Nach vier Tagen und Nächten ging in Hildesheim soeben die zweite Auflage des Festivals zu Ende, diesmal auf zahlreichen Ebenen das vor dem Abriss stehende Werksgelände der ehemaligen Gummiwarenfabrik Phoenix bespielend. Und wie hier Lesungen, Theaterstücke, Performances, Konzerte und Ausstellungen alle Winkel der Fabrikhallen eroberten, wie aus den Tiefen plötzlich bekannte Stimmen wie die Christian Krachts, Uwe Tellkamps, Marcel Beyers oder Anne Webers hervortönten, wie Theken, Lichter, Blumen, Installationen und Liegestühle das Gelände überzogen und Pathologisches kurzerhand in Amönes umdefinierten, da war es tatsächlich, als würde sich der große Vogel noch einmal des Mythos erinnern und seine Schwingen spreizen.

          Auf der Lyrik-Schaukel: Eine Besucherin versenkt sich in Ron Winklers Gedichte

          Ein ganzes Areal mit schier unerschöpflicher Energie in ein vibrierendes Kulturzentrum zu verwandeln, der jungen deutschen Literatur einen solchen utopischen Ort geschaffen zu haben, das ist so staunens- wie bewundernswert: Hans-Josef Ortheil, der die Hildesheimer Professur für Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus innehat und keine Gelegenheit auslässt, die Vorzüge einer italienisch-opulenten Festkultur zu beschwören, dürfte, in dieser Hinsicht, mehr als zufrieden sein. Wer immer bukolische Dionysien plant, sollte die um die Zeitschrift „Bella triste“ organisierte Truppe engagieren.

          West-östliche Meditationsübungen

          Nun studiert man aber in Hildesheim nicht (zumindest nicht nur) Event-Marketing, sondern eben kreatives Schreiben. Um dem Festival eine handfeste poetologische Basis zu geben, wurden vorab zehn Jungautoren von „Bella triste“ ein Wochenende lang in eine Villa gesperrt, damit sie sich Gedanken über ihre Poetik machten: Jörg Albrecht, Ann Cotten, Daniela Danz, Florian Kessler, Harriet Köhler, Jagoda Marinic, Thomas Pletzinger, Steffen Popp, Lennart Sarkowsky und Thomas von Steinaecker. Eine Castingshow also. Die Ergebnisse hat man vorschnell publiziert unter dem leicht vermessenen Titel „Poetiken der Gegenwart“. Als tiefschürfende Erkundungen des Schreibvorgangs dürfen die Selbsterfahrungstexte ohne jede Verortung in der Tradition aber kaum gelten. Schreiben erscheint schlicht als Meditation über die Dinge, die durch Benennung zum Sein erweckt werden.

          „Mich gibt es vielleicht gar nicht, (. . .) aber das Geschriebene gibt es“, befindet Ann Cotten. Sie sei keine Buddhistin, lässt Harriet Köhler wissen, sondern „staunende Betrachterin“, aber sie hat doch große Sympathien dafür, wie die Einsicht im Meditierenden aufleuchtet. Und Jagoda Marinic assistiert mit dem Satz: „Man muss nicht praktizierender Buddhist sein, um zu bemerken, dass diese Auffassung der östlichen näher liegt als der westlichen.“

          Es hat mit Begeisterung zu tun

          Einigkeit besteht unter den zehn Autoren, die eine Poetik suchen, darin, dass Dichtung im eigenen Erleben wurzelt und mit Begeisterung zu tun hat. Einige gutherzige Bemerkungen über den eigentlich ja verbündeten Markt schließen sich an, ansonsten vor allem brachialindividualistischer Leerlauf, nichts Neues, Visionäres, Verstörendes, provokant Regelpoetisches. Die Angst vor einem Manifest erklärt sich daher, dass Poetik als Konfession verstanden wurde.

          Nun mussten die Diskussionen auch nicht unbedingt Hauptseminarsniveau erreichen, schließlich sollten sie ja auf dem Festival selbst diskutiert werden. Hier aber setzte sich das Problem in symptomatischer Weise fort. Die zugehörigen Sektionen hatten - und das ist gewiss kein Lob - Talkshowformat. Inhaltlich reflektiert wurde nicht einmal im Ansatz. Man verlas einige der nun ihrerseits mit dem Nimbus des Poetischen verbrämten Texte, auch in der zentralen Veranstaltung, in der in Abendmahlschoreographie dreizehn Personen auf der Bühne saßen: große Optik, kleiner Ertrag. Einzig Ann Cotten - überhaupt eine der interessantesten jüngeren Stimmen - stemmte sich gegen die simulierte Autarkie der Hildesheimer Gegenwelt, forderte literaturwissenschaftliches Grundwissen ein und bestand darauf, die Marktlogik missachten zu dürfen.

          Gemeinschaft als Manko?

          Das Kollektiv, aus dem Prosanova seine Kraft schöpft, ist zugleich das größte Hindernis für Autorenkarrieren. Keinesfalls wollten die zehn Poetologen daher als „Generation Bella triste“ erscheinen, auch wenn Ijoma Mangolds scherzhafte, aber durchaus treffende Bezeichnung plötzlich im Raum stand. So könnte ein Detail aus Ortheils Eröffnungsrede in das Gegenteil des Intendierten umschlagen: Als er in Hildesheim angeheuert habe, 1979, da habe es noch keine junge deutsche Literatur im heutigen, gemeinschaftlichen Sinn gegeben. War das vielleicht gar kein Manko?

          Auch die geladenen Gastautoren blieben leider unterfordert, wurden nicht in produktive Auseinandersetzungen verwickelt. So lasen Kracht, Tellkamp und Beyer einfach aus ihren Werken und beantworteten brav die Frage, wie autobiographisch das nun alles sei. Tellkamps Vorlage, dass ihn die heutige gesellschaftliche Orientierungslosigkeit an die Agonie der untergehenden DDR erinnere, wurde so wenig aufgenommen wie Beyers Andeutung, man müsse das Politische neu denken: „Das Abfackeln einer Dönerbude ist ja eine politische Äußerung.“ Die Kulturwissenschaftlerin Mercedes Bunz kam mit kläglichen Auslassungen darüber durch, dass Blogs irgendwie auch und doch wieder nicht Literatur sind.

          Angreifen mochte man niemanden, dazu war hier alles viel zu schön. Dann gab es noch lieblich deskriptive Nachwuchsliteratur in einem traumhaften Villengarten zu goutieren, ein anekdotisches Gespräch Ortheils mit dem Lyriker Ulf Stolterfoht über Heslach, Theateraufführungen und Gedichtaufsagungen. Alles sehr charmant; aber wo nichts brennt, nicht einmal Dönerbuden, entsteht keine Asche - und wie soll sich da der Phönix Literatur erheben?

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Die Demokratin Nancy Pelosi gerät im Weißen Haus mit Präsident Donald Trump aneinander.

          Trump gegen Pelosi : Da oben ist was nicht in Ordnung

          Syrien, Ukraine – und die eigene Partei: Donald Trump kämpft an mehreren Fronten. Das geht an die Substanz des amerikanischen Präsidenten. Das zeigt auch der heftige Streit mit Nancy Pelosi. Unterdessen verschärft sich die Konfrontation mit dem Kongress.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.