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Literaturfestival Prosanova : Keine Asche für Phönix

  • -Aktualisiert am

Stillleben mit Jungautoren: Steffen Popp und seine Verlegerin Daniela Seel Bild: Archiv

Das Hildesheimer Prosanova-Festival schafft in Werkshallen ein vibrierendes Kulturzentrum und bietet jungen Autoren die Geborgenheit eines großen Kollektivs. Das wäre schön und gut, meint Oliver Jungen, wenn nur nicht die Reflexion der Autoren aufs eigene Schaffen so dürftig ausfiele.

          Die Schwerkraft, weiß man seit Peter Licht, ist überbewertet. Eigentlich wusste man aber schon vorher, dass poetische Geister Schwerelosigkeit bevorzugen. Seit der Abkoppelung der Dichtung von der Rhetorik hat die Gravitation sogar wenig zu lachen, ist sie in eine Antinomie zur Kreativität geraten. Schreiben heißt heute oft: schweben. Doch was schwebt, das sind vor allem Ballons voller heißer Luft.

          Dem an der Hildesheimer Universität das Schreibschweben erlernenden Autorennachwuchs ist gleichwohl eine Sensation gelungen. Die achtzig Studenten haben aus dem Fest ihres Studiengangs ein Festival gemacht, wie es kein zweites in Deutschland gibt und das auch auf arrivierte Autoren so magisch wie magnetisch wirkt: Prosanova (schon der Name, die Marke, ein Volltreffer). Im Jahre 2005 fand das erste Prosanova-Festival für junge Literatur statt: Damals wurde eine leerstehende Möbelfabrik zum Leben erweckt.

          Dionysos erwacht

          Nach vier Tagen und Nächten ging in Hildesheim soeben die zweite Auflage des Festivals zu Ende, diesmal auf zahlreichen Ebenen das vor dem Abriss stehende Werksgelände der ehemaligen Gummiwarenfabrik Phoenix bespielend. Und wie hier Lesungen, Theaterstücke, Performances, Konzerte und Ausstellungen alle Winkel der Fabrikhallen eroberten, wie aus den Tiefen plötzlich bekannte Stimmen wie die Christian Krachts, Uwe Tellkamps, Marcel Beyers oder Anne Webers hervortönten, wie Theken, Lichter, Blumen, Installationen und Liegestühle das Gelände überzogen und Pathologisches kurzerhand in Amönes umdefinierten, da war es tatsächlich, als würde sich der große Vogel noch einmal des Mythos erinnern und seine Schwingen spreizen.

          Auf der Lyrik-Schaukel: Eine Besucherin versenkt sich in Ron Winklers Gedichte

          Ein ganzes Areal mit schier unerschöpflicher Energie in ein vibrierendes Kulturzentrum zu verwandeln, der jungen deutschen Literatur einen solchen utopischen Ort geschaffen zu haben, das ist so staunens- wie bewundernswert: Hans-Josef Ortheil, der die Hildesheimer Professur für Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus innehat und keine Gelegenheit auslässt, die Vorzüge einer italienisch-opulenten Festkultur zu beschwören, dürfte, in dieser Hinsicht, mehr als zufrieden sein. Wer immer bukolische Dionysien plant, sollte die um die Zeitschrift „Bella triste“ organisierte Truppe engagieren.

          West-östliche Meditationsübungen

          Nun studiert man aber in Hildesheim nicht (zumindest nicht nur) Event-Marketing, sondern eben kreatives Schreiben. Um dem Festival eine handfeste poetologische Basis zu geben, wurden vorab zehn Jungautoren von „Bella triste“ ein Wochenende lang in eine Villa gesperrt, damit sie sich Gedanken über ihre Poetik machten: Jörg Albrecht, Ann Cotten, Daniela Danz, Florian Kessler, Harriet Köhler, Jagoda Marinic, Thomas Pletzinger, Steffen Popp, Lennart Sarkowsky und Thomas von Steinaecker. Eine Castingshow also. Die Ergebnisse hat man vorschnell publiziert unter dem leicht vermessenen Titel „Poetiken der Gegenwart“. Als tiefschürfende Erkundungen des Schreibvorgangs dürfen die Selbsterfahrungstexte ohne jede Verortung in der Tradition aber kaum gelten. Schreiben erscheint schlicht als Meditation über die Dinge, die durch Benennung zum Sein erweckt werden.

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