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Literaturdozent : Berliner Gastgeberprofessur: Feridun Zaimoglu lädt ein

  • -Aktualisiert am

Muß mit akademischen Ehren jederzeit rechnen: Feridun Zaimoglu Bild: dpa

Feridun Zaimoglu ist längst zum viel gelobten Autor gereift und zum Gastprofessor ernannt worden. Zur Zeit lädt er an der FU Berlin prominente Bücherfreunde zum Gespräch. So auch den Außenminister.

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          Dreimal sind die Herren vom BKA dagewesen, um das Gelände zu sichten und zu sichern, zuerst vor zwei Wochen, dann am Montag morgen um neun und schließlich am Nachmittag noch einmal. Die Freie Universität hat zusätzliche Security-Leute aufgeboten, die mit Gelassenheit vermittelnden Bewegungen das Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft umstreifen. Am Eingang des Seminargebäudes fiepen die Metalldetektoren, Taschen werden durchsucht. Die Männer in den dunklen Anzügen werden dafür bezahlt, daß sie ihre Pupillen ruhelos umherwandern lassen. Einer von ihnen hält die gedrängt sitzenden Studenten fast ohne Wimpernschlag im Blick und trommelt unterdessen mit den Fingern auf die Lehne des Stuhles, auf dem Joschka Fischer sitzen wird.

          Der Außenminister ist heute Stargast bei Professor Zaimoglu. Längst ist der "Malcolm X der Deutschtürken" zum Autor gereift, der für hochliterarische Brillanz gelobt wird und mit akademischen Ehren jederzeit rechnen muß. In diesem Semester ist ihm die Samuel-Fischer-Gastprofessur für Literatur angetragen worden, die seit 1998 von der FU Berlin vergeben wird; Nobelpreisträger Kenzaburo Oe war bisher der renommierteste Gast.

          Die Talk-Show als spektakuläre Form

          Feridun Zaimoglu, dem der Ruf erheblicher Schlitzohrigkeit anhaftet, hat sich auf medienwirksame Weise mit der akademischen Verpflichtung arrangiert. Statt der Mühen intellektueller Substanz bietet er seit zwei Monaten Prominenz - Telefonanruf bei Freunden genügt. Jeden Montagabend lädt er unter dem Motto "Literatur to go" einen Gast ins Institut, um nach lockerer Anmoderation über Bücher oder sonst etwas "Geiles" zu diskutieren. Die Sache mit dem Stargast erinnert ein wenig an gewisse Leseanimationen im Fernsehen, aber den "Feridun Heidenreich" wolle er nicht geben, stellte Zaimoglu gleich anfangs klar. Was insofern stimmt, als Frau Heidenreich keine Seminararbeiten korrigieren muß.

          In der Universität gilt die Talk-Show offenbar noch als spektakuläre Form. Natürlich freuen sich die Studenten, ein paar bekannte Gesichter zu sehen, ob Maxim Biller oder Benjamin von Stuckrad-Barre. Irgend etwas Geschriebenes sollten die Eingeladenen allerdings schon vorzuweisen haben, auch wenn sie keine Berufsautoren sind. Maybritt Illner etwa brachte neulich ihr Buch "Ente auf Sendung" mit. Daß sie leider viel zuwenig zum Lesen komme - in diesem Bekenntnis bestand der literaturwissenschaftlich relevante Anteil ihres Auftritts. Neugierig war man vor allem darauf, wie die Prominenten mit den Studenten umgehen - dieser merkwürdigen Spezies junger Erwachsener, deren soziale Undefiniertheit durch das Veranstaltungsgebäude am Hüttenweg treffend symbolisiert wird: eine Baracke, aber mitten im Villenviertel Dahlem. Gezwungen-ungezwungen fiel Illner mit dem "ihr" über die Anwesenden her. Es bleibt den Gästen aber auch kaum etwas anderes übrig, da der Moderator die kumpelhafte Tonlage vorgibt. Nur daß es bei ihm eben völlig überzeugend klingt.

          Joschka läßt schön grüßen

          Ungeachtet der Hip-Hop-Optik seines schweren Schmucks ist Feridun Zaimoglu sogleich als Liebenswürdigkeit in Person zu erkennen. Er hat eine sokratische Art, Informationen aus den Gesprächspartnern herauszukitzeln: "Albert, wie zum Teufel machst du das?" wandte er sich an Albert Ostermaier, der ein wenig Lyrik vorgetragen hatte. "Die ganz doofe Frage: Wie schreibt man Gedichte?" Eine Gebärde oder eine flapsige Bemerkung genügt ihm, die Sympathie des Publikums in Form amüsierten Raunens abzurufen. Was er auch sagt, es kommt an. Wenn er dafür plädiert, alle Einwanderer zur Teilnahme an Deutschkursen zu verpflichten - der Staat müsse "entschlossen" handeln und Deutsch zur "Zwangsveranstaltung für Migranten" machen -, dann erntet er respektvolles Schweigen. Ein anderer würde hier mit solchen Sätzen anecken.

          Inzwischen ist es in der "Baracke" noch voller geworden. Auf einem Stuhl sitzen längst eineinhalb Studierende. Die Luft wird von Minute zu Minute gehaltvoller, aber der Sicherheitsdienst besteht darauf, daß die Fenster zu schließen seien. "Könnte ja eine Bombe reingereicht werden", scherzt ein Student. Fernsehkameras halten fest, wie Feridun Zaimoglu schließlich den Raum betritt. Aber der Mann neben ihm ist nicht der erwartete Gast, auch wenn eine gewisse habituelle Ähnlichkeit mit dem Fischer von 1979 nicht zu verkennen ist. Es handelt sich um Peter Siller vom Auswärtigen Amt, der nun etwas Wichtiges in Namen des Außenministers zu sagen hat: "Ihr Lieben, laßt euch herzlich von Joschka grüßen."

          Gastprofessur statt Gefängnis

          Fischer sei kurzfristig erkrankt. Alle Termine für diese Woche habe er absagen müssen, selbst das Treffen morgen mit Bob Geldof. Nach einem Anflug von Untröstlichkeit gibt Zaimoglu bekannt, daß er auf die Schnelle Ralf Fücks von der Heinrich-Böll-Stiftung als Ersatzmann habe gewinnen können. Eine Debatte wird vom Zaun gebrochen: über Islamismus und den Kampf der Kulturen, der keiner sein dürfe, sondern ein Gespräch. Sillers Manier des zerknautschten Dasitzens erinnert jetzt noch mehr an den Fischer vor der Wandlung zum Staatsmännischen; auch seine erst müde losstolpernden, dann an rhetorischer Fahrt gewinnenden Beiträge verraten das Vorbild.

          Am Ende klopft er sogar energisch auf den Tisch und weist allzu fundamentale Kritik am Westen in die Schranken. Und hat ein anschauliches Beispiel parat: In Ländern wie dem Irak würde ein Feridun Zaimoglu im Gefängnis sitzen, hier bekomme er eine Gastprofessur. Zaimoglu lächelt, das Publikum lacht. Das war doch mal eine Einsicht.

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