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Literatur : Zuschauer der Schiffbrüche: Nagib Machfus ist tot

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Nagib Machfus, 1911 - 2006 Bild: AP

Nagib Machfus war derjenige arabische Autor unserer Zeit, der sich am nachdrücklichsten in die Weltliteratur hineingeschrieben hat. Zum Tod des Schriftstellers, der als einziger Araber den Literaturnobelpreis erhalten hat.

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          Nagib Machfus war derjenige arabische Autor unserer Zeit, der sich im Lauf seines langen Lebens am nachdrücklichsten in die Weltliteratur hineingeschrieben hat. Von den dreißiger Jahren bis weit in die neunziger des vergangenen Jahrhunderts war er als Autor tätig, rund fünfzig teils ausgesprochen umfangreiche Werke hat er publiziert, überwiegend Romane und Erzählungen. Die arabische Literatur kennt keinen größeren Zeitzeugen und zugleich Chronisten des Wandels in dieser Epoche, die für die arabische Welt die unruhigste seit dem Mittelalter war, voller Revolutionen, Kriege, Umstürze und geprägt von einer alles verschlingenden Modernisierung. Die Schiffbrüche der ägyptischen Gesellschaft und ihr Zuschauer: das ist Nagib Machfus mit seinen Romanen.

          Wer sein Gesamtwerk oder auch „nur“ die zwanzig Bände gelesen hat, die von ihm mittlerweile auf deutsch vorliegen, darf behaupten, den ägyptischen Mittelstand besser zu kennen als seine Nachbarn - beginnend bei denen, die allmählich in die Armut abdriften, bis hin zu jenen, die sich anschicken, darüber hinauszuwachsen. Obwohl dieses Kleinbürgertum zweifellos den Mittelpunkt von Machfus' OEuvre darstellt - wo nicht im Thema, da in Mentalität oder Perspektive -, weist sein Werk dennoch eine verblüffende Vielfalt an Formen und Themen auf. Realistische Gesellschaftsromane reihen sich an märchenhafte Fortschreibungen von „Tausendundeiner Nacht“ oder an legendäre Reiseberichte wie „Die Reise des Ibn Fattuma“, historische Romane stehen neben Theaterstücken, Drehbüchern und autobiographischen Skizzen. Ohne Übertreibung kann man behaupten, daß sich bei diesem Autor Literatur für jeden Geschmack, jede Bildungsstufe und jedes Alter findet.

          Philosoph und Beamter

          Nagib Machfus wurde 1911 als jüngstes von sieben Kindern in eine kleinbürgerliche Familie in der Altstadt Kairos geboren, wo zahlreiche seiner Romane spielen. Der Vater war ein kleiner Angestellter im Staatsdienst. Machfus profitierte vom jungen staatlichen Bildungssystem in Ägypten und konnte die Oberschule besuchen und studierte danach Philosophie. Nach Abschluß des Studiums schlug er die Beamtenlaufbahn ein, die zwar nicht sehr aufregend war und keine sonderlichen Aufstiegsmöglichkeiten bot, dem angehenden Autor jedoch viel Zeit zum Schreiben ließ. Seine ersten Romane über das antike Ägypten folgten der Mode historisierender Erbauungsliteratur mit nationalistischer Tendenz.

          Machfus im Jahr 1988: Gerade hat er erfahren, daß er den Nobelpreis bekommt
          Machfus im Jahr 1988: Gerade hat er erfahren, daß er den Nobelpreis bekommt : Bild: dpa

          Diese „pharaonische“ Werkphase fällt in die Zeit nationaler Erweckung und verstärkter Unabhängigkeitsbestrebungen in Ägypten, das offiziell zwar eine Monarchie war, de facto aber unter britischer Herrschaft stand. Zu den einschneidenden frühen Erlebnissen von Machfus zählen die als „Revolution“ bezeichneten großen Demonstrationszüge, die 1919 aufgrund der Unzufriedenheit mit der von den Westmächten festgelegten Nachkriegsordnung die britische Herrschaft ins Wanken brachten und deren Zeuge Machfus als Kind wurde. Die Ereignisse von 1919 bilden auch den zeithistorischen Ausgangspunkt seiner wohl berühmtesten Romane, der „Trilogie“ (1956 bis 1957), einer gerne mit den „Buddenbrooks“ verglichenen Familiensaga.

          Kritik an den Religionen im Westen

          Ein zweites, für das Werk von Machfus einschneidendes zeitgeschichtliches Ereignis war die Revolution der sogenannten freien Offiziere um den charismatischen Gamal Abdel Nasser im Jahr 1952, welche Ägypten die lang ersehnte, faktische Unabhängigkeit eintrug. Das Regime Nasser entpuppte sich jedoch bald als sozialistische Militärdiktatur, deren oberste Anliegen die Industrialisierung des Landes und die Verstaatlichung des Großgrundbesitzes waren. Obwohl erst einige Jahre später veröffentlicht, hatte Machfus die „Trilogie“ bereits 1952, noch vor der Revolution, abgeschlossen. Im selben Jahr heiratete Machfus, und dann schrieb er mehrere Jahre zunächst nichts, bis er mit dem allegorischen Roman „Die Kinder unseres Viertels“, der aufgrund seiner Kritik an den monotheistischen Religionen im Westen sehr bekannt wurde, 1959 erneut die literarische Bühne betrat.

          Die Welt, die er in seinen realistischen Romanen geschildert hat, befand sich nach den fieberhaften Modernisierungsschüben unter Nasser in der Auflösung. Jetzt begann daher eine neue Phase seines Werks, in der eines seiner bekanntesten Bücher entstand, „Das Hausboot am Nil“, das in der Bibliothek Suhrkamp unlängst neu aufgelegt wurde. Es schildert die dekadente Stimmung unter den Intellektuellen in Ägypten vor dem Sechs-Tage-Krieg von 1967. Machfus, der Ägypten kaum je verließ, war Mitte der sechziger Jahre offensichtlich über die Themen und Diskussionen der westlichen Literatur bestens informiert. Sartre, Camus und Beckett finden ausdrücklich Erwähnung, die endlosen Diskussionen der Hausbootbesucher pendeln zwischen einer schon nicht mehr glaubwürdigen litterature engagee und einer schon als dekadent empfundenen l'art pour l'art. Das Hausboot selbst stellt dabei eine Art experimenteller Raum dar, in dem die Figuren, losgelöst von ihren alltäglichen Zwängen, sozialen Bindungen und traditionellen Verhaltensweisen Kultur, alternative Lebensentwürfe proben können, ohne damit freilich zu einem Ziel zu kommen - eine allegorische Konstellation, die für das erzählerische Verfahren von Machfus typisch ist.

          Auf der Höhe seiner Zeit

          Wirklich entdeckt wurde Machfus in Europa jedoch erst dank des Literaturnobelpreises, den er 1988 als erster und bis heute einziger arabischer Autor erhielt. Derzeit ist Machfus der mit Abstand meistübersetzte und meistgelesene auf arabisch schreibende Autor der Gegenwart. Bis weit in die siebziger Jahre ist er in Themenwahl und Darstellungsart auf der Höhe seiner Zeit gewesen. Danach haben auch die arabischen Schriftsteller experimentellere und radikalere Wege genommen, auf denen ihnen Machfus nicht mehr zu folgen bereit war. Er schrieb weiter wie zuvor, manchmal sogar noch besser, etwa das wunderbar weise Alterswerk „Die Nacht der Tausend Nächte“ (1982; dt. 1998), eine Fortschreibung von „Tausendundeine Nacht“, welche die moralischen Fragen, die seinen Erzählkosmos durchziehen, auf märchenhafte Weise noch einmal durchdeklinieren.

          Die kleinbürgerlich-konservative Grundhaltung der meisten seiner Romane macht die Größe und die relative Beschränkung des Werks von Machfus gleichermaßen aus. Aber zeit seines Lebens ist Machfus auch in politischer Hinsicht immer ein umsichtiger, moderater Geist gewesen, der allen ideologischen Versuchungen widerstanden hat, ohne deswegen auf ein klares Engagement zu verzichten. Seine lesenswerte Nobelpreisrede, die in einen flammenden Appell an die Erste Welt mündet, endlich ihrer Verantwortung gegenüber der Dritten gerecht zu werden, zeugt davon. In aufgeregten Zeiten wirkt sein Credo, das persönliche ebenso wie gesellschaftliche Verantwortung betont, auf Konsens bedacht ist und radikal individuellen Lebensentwürfen ebenso eine Absage erteilt wie dem politischen Fanatismus, wenig spektakulär. Doch es zeugt von einem Humanismus, den nicht nur die arabische Welt heute dringend benötigt. An diesem Mittwoch starb Nagib Machfus im Alter von 94 Jahren in Kairo.

          Zu den bekanntesten Romanen von Nagib Machfus gehören:

          - „Radubis“, 1943 (deutsch 2006)

          - „Die Midaq-Gasse“, 1947 (1985)

          - Kairo-Trilogie, 1956/57 (1992/94); bestehend aus „Zwischen den Palästen“, „Palast der Sehnsucht“, „Das Zuckergäßchen“

          - „Die Kinder unseres Viertels„, 1959 (1990)

          - „Der Dieb und die Hunde„, 1961 (1980)

          - „Das Lied der Bettler“, 1965 (1995)

          - „Das Hausboot am Nil“, 1966 (1982)

          - „Miramar“, 1967 (1989)

          In Interviews und Kommentaren hat sich Machfus pointiert geäußert:

          Über das Leben:

          „Ob ein Mensch klug ist, erkennt man an seinen Antworten. Ob ein Mensch weise ist, erkennt man an seinen Fragen.“ (undatiert) „Der kleine Mann wird mit großen Worten gefüttert.“ (undatiert)

          „Frauen haben einen Instinkt, der, wenn's um persönliche Dinge geht, ihnen glatt den Verstand erspart.“ (undatiert) „Ich bin nur der Erzähler, die Helden kann man überall finden, jeder erkennt sich wieder.“ (undatiert)

          „Jetzt sehne ich mich nur noch nach Ruhe. Ich hätte nie gedacht, dass es so anstrengend würde.“ (1989 im dpa-Gespräch über die Nobelpreisverleihung ein Jahr zuvor)

          Über Politik:

          „Unsere Lage erfordert volle Demokratie sofort, und nicht in kleinen Schritten.“ (1987 in einem dpa-Gespräch über Ägypten)

          „Ich glaube an die Meinungsfreiheit... Und ein Gedanke kann nur durch einen anderen berichtigt werden.“ (1989 im „Kulturweltspiegel“ zum Fall Salman Rushdie über den iranischen Revolutionsführer Ajatollah Khomeini)

          „Wenn jemand zum Verbrechen aufruft und dafür eine Belohnung verspricht, ist das wie bei der viel geschmähten Mafia. Das ist Terrorismus. Keine Religion und keine Politik lassen so etwas zu.“ (dito) „Sprechen Sie bitte nicht von islamischen Terroristen, das bringt den Islam ungerechtfertigt in Verruf.“ (1994 in einem „Spiegel“- Interview nach dem Messerattentat eines muslimischen Fanatikers, bei dem Machfus schwer verletzt wurde)

          „Die uneingeschränkte Meinungsfreiheit und der Respekt vor der Ansicht des anderen sind und bleiben meine Maximen. (...) Allein Demokratie ist die Lösung.“ (Im Februar 2006 in einem „Spiegel“- Interview)

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