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Literatur : Zuschauer der Schiffbrüche: Nagib Machfus ist tot

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Ein zweites, für das Werk von Machfus einschneidendes zeitgeschichtliches Ereignis war die Revolution der sogenannten freien Offiziere um den charismatischen Gamal Abdel Nasser im Jahr 1952, welche Ägypten die lang ersehnte, faktische Unabhängigkeit eintrug. Das Regime Nasser entpuppte sich jedoch bald als sozialistische Militärdiktatur, deren oberste Anliegen die Industrialisierung des Landes und die Verstaatlichung des Großgrundbesitzes waren. Obwohl erst einige Jahre später veröffentlicht, hatte Machfus die „Trilogie“ bereits 1952, noch vor der Revolution, abgeschlossen. Im selben Jahr heiratete Machfus, und dann schrieb er mehrere Jahre zunächst nichts, bis er mit dem allegorischen Roman „Die Kinder unseres Viertels“, der aufgrund seiner Kritik an den monotheistischen Religionen im Westen sehr bekannt wurde, 1959 erneut die literarische Bühne betrat.

Die Welt, die er in seinen realistischen Romanen geschildert hat, befand sich nach den fieberhaften Modernisierungsschüben unter Nasser in der Auflösung. Jetzt begann daher eine neue Phase seines Werks, in der eines seiner bekanntesten Bücher entstand, „Das Hausboot am Nil“, das in der Bibliothek Suhrkamp unlängst neu aufgelegt wurde. Es schildert die dekadente Stimmung unter den Intellektuellen in Ägypten vor dem Sechs-Tage-Krieg von 1967. Machfus, der Ägypten kaum je verließ, war Mitte der sechziger Jahre offensichtlich über die Themen und Diskussionen der westlichen Literatur bestens informiert. Sartre, Camus und Beckett finden ausdrücklich Erwähnung, die endlosen Diskussionen der Hausbootbesucher pendeln zwischen einer schon nicht mehr glaubwürdigen litterature engagee und einer schon als dekadent empfundenen l'art pour l'art. Das Hausboot selbst stellt dabei eine Art experimenteller Raum dar, in dem die Figuren, losgelöst von ihren alltäglichen Zwängen, sozialen Bindungen und traditionellen Verhaltensweisen Kultur, alternative Lebensentwürfe proben können, ohne damit freilich zu einem Ziel zu kommen - eine allegorische Konstellation, die für das erzählerische Verfahren von Machfus typisch ist.

Auf der Höhe seiner Zeit

Wirklich entdeckt wurde Machfus in Europa jedoch erst dank des Literaturnobelpreises, den er 1988 als erster und bis heute einziger arabischer Autor erhielt. Derzeit ist Machfus der mit Abstand meistübersetzte und meistgelesene auf arabisch schreibende Autor der Gegenwart. Bis weit in die siebziger Jahre ist er in Themenwahl und Darstellungsart auf der Höhe seiner Zeit gewesen. Danach haben auch die arabischen Schriftsteller experimentellere und radikalere Wege genommen, auf denen ihnen Machfus nicht mehr zu folgen bereit war. Er schrieb weiter wie zuvor, manchmal sogar noch besser, etwa das wunderbar weise Alterswerk „Die Nacht der Tausend Nächte“ (1982; dt. 1998), eine Fortschreibung von „Tausendundeine Nacht“, welche die moralischen Fragen, die seinen Erzählkosmos durchziehen, auf märchenhafte Weise noch einmal durchdeklinieren.

Die kleinbürgerlich-konservative Grundhaltung der meisten seiner Romane macht die Größe und die relative Beschränkung des Werks von Machfus gleichermaßen aus. Aber zeit seines Lebens ist Machfus auch in politischer Hinsicht immer ein umsichtiger, moderater Geist gewesen, der allen ideologischen Versuchungen widerstanden hat, ohne deswegen auf ein klares Engagement zu verzichten. Seine lesenswerte Nobelpreisrede, die in einen flammenden Appell an die Erste Welt mündet, endlich ihrer Verantwortung gegenüber der Dritten gerecht zu werden, zeugt davon. In aufgeregten Zeiten wirkt sein Credo, das persönliche ebenso wie gesellschaftliche Verantwortung betont, auf Konsens bedacht ist und radikal individuellen Lebensentwürfen ebenso eine Absage erteilt wie dem politischen Fanatismus, wenig spektakulär. Doch es zeugt von einem Humanismus, den nicht nur die arabische Welt heute dringend benötigt. An diesem Mittwoch starb Nagib Machfus im Alter von 94 Jahren in Kairo.

Zu den bekanntesten Romanen von Nagib Machfus gehören:

- „Radubis“, 1943 (deutsch 2006)

- „Die Midaq-Gasse“, 1947 (1985)

- Kairo-Trilogie, 1956/57 (1992/94); bestehend aus „Zwischen den Palästen“, „Palast der Sehnsucht“, „Das Zuckergäßchen“

- „Die Kinder unseres Viertels„, 1959 (1990)

- „Der Dieb und die Hunde„, 1961 (1980)

- „Das Lied der Bettler“, 1965 (1995)

- „Das Hausboot am Nil“, 1966 (1982)

- „Miramar“, 1967 (1989)

In Interviews und Kommentaren hat sich Machfus pointiert geäußert:

Über das Leben:

„Ob ein Mensch klug ist, erkennt man an seinen Antworten. Ob ein Mensch weise ist, erkennt man an seinen Fragen.“ (undatiert) „Der kleine Mann wird mit großen Worten gefüttert.“ (undatiert)

„Frauen haben einen Instinkt, der, wenn's um persönliche Dinge geht, ihnen glatt den Verstand erspart.“ (undatiert) „Ich bin nur der Erzähler, die Helden kann man überall finden, jeder erkennt sich wieder.“ (undatiert)

„Jetzt sehne ich mich nur noch nach Ruhe. Ich hätte nie gedacht, dass es so anstrengend würde.“ (1989 im dpa-Gespräch über die Nobelpreisverleihung ein Jahr zuvor)

Über Politik:

„Unsere Lage erfordert volle Demokratie sofort, und nicht in kleinen Schritten.“ (1987 in einem dpa-Gespräch über Ägypten)

„Ich glaube an die Meinungsfreiheit... Und ein Gedanke kann nur durch einen anderen berichtigt werden.“ (1989 im „Kulturweltspiegel“ zum Fall Salman Rushdie über den iranischen Revolutionsführer Ajatollah Khomeini)

„Wenn jemand zum Verbrechen aufruft und dafür eine Belohnung verspricht, ist das wie bei der viel geschmähten Mafia. Das ist Terrorismus. Keine Religion und keine Politik lassen so etwas zu.“ (dito) „Sprechen Sie bitte nicht von islamischen Terroristen, das bringt den Islam ungerechtfertigt in Verruf.“ (1994 in einem „Spiegel“- Interview nach dem Messerattentat eines muslimischen Fanatikers, bei dem Machfus schwer verletzt wurde)

„Die uneingeschränkte Meinungsfreiheit und der Respekt vor der Ansicht des anderen sind und bleiben meine Maximen. (...) Allein Demokratie ist die Lösung.“ (Im Februar 2006 in einem „Spiegel“- Interview)

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