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Literatur : Zopfgeburten: Günter Grass als Medienfigur

  • -Aktualisiert am

Tagung in Bremen: Grass als Zuhörer Bild: dpa

Die Debatte über Günter Grass' Mitgliedschaft in der Waffen-SS hat seiner Autobiographie zumindest kurzfristig Leser weggenommen. In China hingegen ist man begeistert von ihm, und auch in der muslimischen Welt wird er gefeiert: Erkenntnisse auf einer Tagung in Bremen.

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          Eine Grass-Stadt war Bremen nicht immer. Hier befand sich sogar einmal ein hartnäckiges Widerstandsnest. Siebenundvierzig Jahre ist es her, dass Günter Grass der Bremer Literaturpreis zu- und wieder abgesprochen wurde. Der Bremer Senat hatte in der „Blechtrommel“ jugendgefährdende Passagen entdeckt und von seinem Veto-Recht Gebrauch gemacht. Es war der Literaturskandal des Jahres 1960.

          In den letzten Jahren aber ist die Stadt zu einem Schwerpunkt der Grass-Forschung geworden. Die Stiftung Bremen hat ein Medienarchiv eingerichtet, in dem sämtliche Fernseh- und Hörfunkdokumente der größten deutschen Autorenkarriere seit Thomas Mann verfügbar gemacht werden. Jetzt hat das Archiv eine Tagung organisiert, die auf dem Campus der Jacobs-University stattfand, wo die meisten der Dokumente derzeit eingelagert sind. Grass in den Medien - das Thema war zunächst einmal als Einladung zur Medienschelte gedacht. Zumal die Philologie eine nachtragende Wissenschaft ist. Historisch gewordene Literaturdebatten bereitet sie noch einmal auf und entscheidet sie mit Vorliebe zugunsten des Autors. Grass' Verdikte über die sekundäre Welt (etwa: Die Kritiker müssten sich selbst zerfleischen, gäbe ihnen der gütige Autor nicht immer wieder Arbeit) sorgen für zuverlässiges Gelächter unter seinen Exegeten.

          Bedauernswerte Opfer

          Ein Mitarbeiter des Deutschen Literaturfonds leitete seinen Vortrag über die „Kampagnen“ gegen Grass, Walser und Handke mit einem Rückblick auf Höhepunkte der deutschen Medienkritik ein. Zum Beleg, dass es um die Seriosität der Journalisten seit je nicht zum Besten bestellt sei, zitierte Gunter Nickel ausgerechnet Goethes markigen Vers über den totzuschlagenden Rezensenten. Dann stellte er die drei Meister der öffentlichkeitswirksamen Selbstinszenierung als bedauernswerte Opfer eines Journalismus dar, der zur Kompensation seines schwindenden Einflusses auf den Skandal setze.

          Grass als Redner

          Was immer man von Handkes donquijotesker Solidarität mit dem Serbien des Slobodan Milosevic halten mag - dass der Autor, so Nickel, „niemals serbische Verbrechen verharmlost habe“, wird der Gutwilligste nicht behaupten können. Auch die Walser-Apologie geriet ähnlich undifferenziert. Erwartungsgemäß wollte Nickel den Roman „Tod eines Kritikers“ von jedem Antisemitismusverdacht freisprechen, übersah dabei aber, dass die Beschäftigung mit antisemitischen Stereotypen ins Aufgabengebiet der Literaturwissenschaft fällt. Die Studie „Auschwitz drängt uns auf einen Fleck“ des Germanisten Matthias N. Lorenz, die in Nickels Vortrag nicht vorkam, hat das ganze Werk Walsers auf das Spiel mit dem antisemitischen Klischee hin untersucht.

          Medialer Sturm, selbst mitentfacht

          Was Grass betrifft, so ist dem Referenten immerhin nicht entgangen, dass der Autor durch die Selbstinszenierung seines autorisierten SS-„Geständnisses“ („Das musste endlich raus“) den medialen Sturm, der seinen Namen ein weiteres Mal um die ganze Welt geblasen hat, mitentfacht hat. Trotzdem verstieg sich Nickel zur Bemerkung, angesichts der genannten „Kampagnen“ sei der grundgesetzliche Schutz der Meinungsfreiheit neu zu überdenken.

          Offenbar hat die Debatte über Grass' jugendliche Mitgliedschaft in der Waffen-SS seiner „Zwiebel“-Autobiographie zumindest kurzfristig Leser weggenommen. Der Steidl-Verlag sei auf der zweiten Auflage bisher sitzengeblieben, berichtete der Lektor Dieter Stolz. Gut möglich, dass der Überdruss, in den das Interesse nach Wochen der Daueraufmerksamkeit naturgemäß umschlägt, dafür verantwortlich ist. Gerade die Bremer Tagung zeigte jedoch in vielen erhellenden Beiträgen über Grass' internationale Wirkung, dass ihm die Debatte im globalen Kontext keineswegs überall geschadet hat. Sie hat seinen weltweiten Bekanntheitsgrad bewiesen und womöglich noch gesteigert.

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