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Literatur : Zopfgeburten: Günter Grass als Medienfigur

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Moralische Instanz in China

Das gilt etwa für China. Dort hat man Grass erst jüngst als moralische Instanz entdeckt, wie die Sinologin Irmgard Schweiger ausführte. Zuvor wurde er eher formalästhetisch rezipiert, im Kontext der verspätet angekommenen westlichen Moderne, die in China seit den achtziger Jahren eine neue Autonomie der Literatur legitimieren half - gegen den sowjetrussischen Realismusbegriff. 1990 erschien in China die erste Auflage der „Blechtrommel“. Sie wurde als Pendant zu „Hundert Jahre Einsamkeit“ gelesen und war sofort vergriffen. Die Erregungswogen der SS-Debatte schwappten dann auch durch die chinesische Intellektuellenszene. Dabei wurde entschieden für Grass Partei ergriffen. Man ist begeistert von dem Mann, der „die Wahrheit sagt“; eine neue Offenheit in der Aufarbeitung gesellschaftlicher oder privater Dunkelzonen verbindet sich in China nun emblematisch mit seinem Namen.

So wurde das spektakuläre Geständnis des Popstars und Massenidols Liu Dehua - „Auch ich habe Hepatitis“ - sogleich mit dem grassschen Bekenntnismut in Verbindung gebracht. Der Autor wird zum Paradebeispiel des „konfuzianischen Literatenbeamten“, der die Obrigkeit ermahnt und das Volk erzieht. Mag der pädagogische Blechtrommler mit seiner Selbstinszenierung als Gewissen der Nation hierzulande auch als Anachronismus empfunden werden, in anderen Regionen der Welt - vor allem in solchen Länder, die selbst erst mit der Aufarbeitung ihrer martialischen Historie beginnen - billigt man ihm nach wie vor Vorbildcharakter zu.

„Urheber der mutigsten Ideen“

Die allergrößte Nachsicht gegenüber seiner SS-Mitgliedschaft herrscht verständlicherweise in den arabischen Ländern, wie der Vortrag von Maggy Rashid zeigte. Hier ist man entzückt über die Kritik an Israel und den Vereinigten Staaten, die Grass auch und gerade nach dem 11. September äußerte. Jedes Statement gegen den Irakkrieg und die „heuchlerische“ Bush-Politik wird auf islamischen Websites gefeiert. Seit seiner Parteinahme im Karikaturen-Streit gegen die Meinungsfreiheit gilt Grass als „eine der bedeutendsten europäischen Persönlichkeiten auf Seiten der Muslime“; sein Vorschlag, eine Lübecker Kirche in eine Moschee umzuwidmen, hat ihm den Ruf als „Urheber der mutigsten Ideen“ eingebracht.

Es wäre indes wenig sinnvoll, von Grass zu verlangen, er möge doch bitte mitbedenken, welchen missbräuchlichen und oft krass antisemitischen Widerhall seine Äußerungen in der arabischen Welt finden. Auf seinen Reisen dorthin hat er im Übrigen Mut zum Widerspruch bewiesen und sich von Staatsoberhäuptern, die ihm schon am Flughafen einen Orden an die Brust heften wollten, durchaus nicht den Mund verbieten lassen.

In der abschließenden Podiumsdiskussion betonte Jutta Limbach noch einmal, wie befreiend Grass' „moralinfreie“ Darstellung von Pubertät und Sexualität um 1960 auf die junge Generation gewirkt habe. Das Fazit dieser Runde, auch das SS-Geständnis habe den Autor seinem Publikum nicht entfremdet, war zumindest für diese Tagung richtig, wie sich zeigte, als Grass im zerknitterten Cordanzug die Bühne betrat und Gedichte vortrug.

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