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Literatur : Wissen Sie, wovon Ihr Werk handelt, Mister Amis?

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Martin Amis: „Die Satire ist tot.” Bild:

Martin Amis ist Schriftsteller, Literaturredakteur und Universitätsprofessor. Im Interview spricht er über seinen neuen Roman „Haus der Begegnungen“, den Zusammenhang von Terror und Langeweile und die Sozialgeschichte seiner Generation.

          Martin Amis trägt Jeans, ein gebügeltes Hemd und Stiefeletten, als er das Wohnzimmer seines Hauses am Londoner Regent Park betritt, in jeder Hand eine Tasse. Der Kaffee ist stärker als der Händedruck des Schriftstellers.

          Sie sehen müde aus. Geht es Ihnen gut?

          Ich bin nur ein wenig abgespannt. Aber ich sollte mich vielleicht schon im Voraus entschuldigen: Meine Frau und ich sind erst gestern aus New York zurückgekehrt, und ich habe seitdem noch nicht mal Zeit für den Jetlag gehabt. Ehrlich gesagt, ich warte noch auf ihn.

          Lassen Sie uns doch derweil über Ihre jüngsten Bücher reden. Sind Sie eigentlich anfällig für Stumpfsinn und Langeweile?

          Interessant, dass Sie mich danach fragen, weil ich meine Ansichten über die Langeweile in den letzten Jahren tatsächlich sehr verfeinert habe. Ich dachte immer, dass gar nichts langweilig sei: dass sogar etwas, was mir langweilig erschien, aus genau diesem Grund bereits wieder interessant war. Diese Auffassung ist ein Privileg der Jugend. Wenn man älter wird, erlebt man Langeweile fast wie einen körperlichen Angriff. Mein Vater, der ein großer Experte in Sachen Langeweile war und sie zeitlebens verabscheute, sprach immer von der „leidenschaftlichen Aufrichtigkeit der Langeweile“, und früher habe ich ihn nie verstanden. Aber heute erscheint mir Langeweile als unerträgliche Folter. Als ich letztes Jahr im Irak war, dachte ich: Wenn ich entführt werden sollte, braucht man keine komplizierten Werkzeuge aufzubieten. Es genügt schon, mich zum Treffen eines Lehrer- und Elternverbands zu schicken, und ich würde alles sagen, was meine Entführer hören wollen.

          In „Haus der Begegnungen“, Ihrem soeben in deutscher Übersetzung erschienenen Roman über zwei Brüder, die im stalinistischen Russland auf unterschiedliche Weise die Schrecken des GULag erleben, bezeichnet der Erzähler die Langeweile als zweite Säule des Systems neben dem Terror.

          Ja, ich glaube, dass ein totalitärer Staat immer auch mit Langeweile operiert. Stellen Sie sich vor, wie erschreckt ich war, als ich nach Fertigstellung des Romans entdeckte, dass Saul Bellow in „Humboldts Vermächtnis“ gleich mehrere Seiten über das Verhältnis zwischen Terror und Langeweile geschrieben hat. Das hatte ich vollkommen vergessen.

          „Langeweile“, so Bellow, „ist ein Werkzeug der sozialen Kontrolle.“ Gibt es einen Zusammenhang zwischen diesem Gedanken und „The Second Plane“, Ihrem Buch über die Anschläge vom 11. September? Darin mutmaßen Sie, dass das „Zeitalter des Terrors auch als Zeitalter der Langeweile“ in Erinnerung bleiben wird.

          Wenn Sie auf die Frage hinauswollen, ob „Haus der Begegnungen“ als Kommentar auf die Welt nach dem 11. September gelesen werden kann, muss ich Sie enttäuschen. Der Roman war eher ein Urlaub von der Beschäftigung mit diesem Thema. Ich habe mich vorher an einem autobiographischen Roman versucht, der um den 11. September kreist, aber irgendwie gelang es mir nicht, das Autobiographische mit der Problematik des Islamismus zusammenzubringen. Es ist schwierig, über einen historischen Zeitraum zu schreiben, während man ihn noch durchlebt. Man ist zwar erfüllt von unmittelbaren Eindrücken, aber die Phantasie, wie Norman Mailer richtig sagte, kann auf diese Eindrücke nicht schnell genug reagieren. Also ließ ich die Arbeit an dem anderen Buch ruhen und schrieb „Haus der Begegnungen“, das auf den Recherchen basiert, die ich für „Koba der Schreckliche“, meinem Sachbuch über Stalin, unternommen habe.

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