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Literatur : Wer einmal mit dem Blechnapf warf

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Übung in Ausdruckslosigkeit: Szene aus Haußmanns Film Bild: Delphi

Es wird wieder rumgebrüllt in der deutschen Literatur. Jungs werden zusammengestaucht, gedrillt, gehetzt, zu Männern gemacht. Autoren entdecken ihre Militärzeit. Leander Haußmann hat gleich einen Roman darüber geschrieben.

          Es wird wieder rumgebrüllt in der deutschen Literatur. Jungs werden zusammengestaucht, gedrillt, gehetzt, geschoren, zu Männern gemacht. Sie kriechen durch Schlamm, schießen auf Scheiben, folgen unsinnigen Befehlen, wiederholen bis zum Umfallen Begrüßungsfloskeln und sehnen sich nach einem Leben in Freiheit.

          Sven Regener, Jahrgang 1961, beschrieb im vergangenen Jahr in „Neue Vahr Süd“, wie der junge Frank Lehmann zum Bund muß, weil er zu blöd war, den Dienst zu verweigern, und wie er, hin und her gerissen zwischen Kaserne, Elternhaus und WG, schließlich doch verweigert, weil er sich nicht andauernd rechtfertigen möchte, warum er nicht verweigert hat. Johannes Jansen, Jahrgang 1966, veröffentlichte unter dem Titel „Liebling, mach Lack!“ seine eindrucksvollen geheimen Aufzeichnungen und Skizzen aus der Militärzeit, Jens Bisky, Jahrgang 1966, in „Geboren am 13. August“ seine Memoiren als homosexueller Unterleutnant. Und nun erscheint, gleichzeitig mit dem Film „NVA“, der gleichnamige Roman des als Regisseur von „Sonnenallee“ und „Herr Lehmann“ bekanntgewordenen Leander Haußmann, Jahrgang 1959.

          Vermintes Gelände

          Warum gerade jetzt dieses Thema? Die Wiederkehr des Verdrängten? Oder ist es ganz einfach die normale Prozedur des literarischen Erinnerns, wie sie Wilhelm Genazino beschrieben hat: „Das besondere Kennzeichen von Literatur ist ihre Nachträglichkeit. Immer wieder wird Vergangenheit mit gehörigem zeitlichem Abstand bearbeitet, denn nur Abstand bringt Distanz und Reflexion hervor. Literatur ist eben ein Modus der Geschichtsverarbeitung.“

          Leander Haußmann leistete seinen Wehrdienst in der Nationalen Volksarmee vom 1. November 1978 bis zum 30. April 1980 ab. Vor fünf Jahren schrie er Thomas Brussig die drei magischen Buchstaben „n, v, a“ auf den Anrufbeantworter: „Nur du kannst das schreiben.“ Was ihn nicht davon abgehalten hat, den Mikrokosmos NVA selbst dramatisch und literarisch auszuschlachten. Vom Westen aus betrachtet, von den Aussichtsplattformen an der innerdeutschen Grenze, erschien die DDR immer wie ein gigantischer Kasernenhof: Selbstschußanlagen, Panzersperren, Stacheldraht, vermintes Gelände, Militärfahrzeuge, Wachtürme und dazwischen uniformierte, schwerbewaffnete Sozialisten. Und irgendwo hinter diesem sogenannten „antifaschistischen Schutzwall“ mußte die nationale Grundausbildung stattfinden, die totale Mobilmachung eines Volkes.

          Anfang einer Dienstfahrt

          Im Mittelpunkt von „NVA“ steht der junge Henrik Heidler, „dieser zu jeder Soldatentätigkeit unfähige Bubi“. Er versucht, so normal wie möglich zu sein, sich anzupassen, nicht aufzufallen, um die achtzehn Monate möglichst reibungslos hinter sich zu bringen. Im Gegensatz zu Sven Regeners Herrn Lehmann hat er nicht verweigern können. Die einzige Möglichkeit, dem Dienst an der Waffe auszuweichen, hätte darin bestanden, Dienst am Spaten zu leisten. Und das wollte er nicht. Also muß er sich mit Oberst Kalt, Hauptmann Stummel, Hauptfeldwebel Futterknecht und seinem Schicksal als einfacher Soldat arrangieren.

          Das Militär ist immer ein großartiges Milieu für die Literatur, voller emotional gepanzerter und darum schwer durchschaubarer Charaktere, voller aufgestauter Aggressionen, unterdrückter Gefühle, verschobener Pläne. Es ist reich an Konflikten und Kämpfen in einer streng hierarchisch gestuften Struktur aus Überwachen und Strafen. Und es ist Teil einer kollektiven Erfahrung.

          Einst ein Genre für Revisionisten

          Seit Mitte der fünfziger Jahre durchlief in Ost- und Westdeutschland der männliche Teil mehrerer Generationen diese geschlossene Parallelwelt. Angesichts der vielen Autoren, die ihren Dienst in der Bundeswehr oder der Nationalen Volksarmee geleistet haben, ist es erstaunlich, daß das Militär in der Literatur beider deutscher Staaten bisher kaum eine Rolle gespielt hat. Heinrich Böll ließ 1966 in „Ende einer Dienstfahrt“ einen Kübelwagen der Bundeswehr in Flammen aufgehen, Hanns-Josef Ortheils „Fermer“ kehrte 1979 nicht mehr in die Kaserne zurück, und im gleichen Jahr beschrieb Jochen Schimmang in „Der schöne Vogel Phönix“, wie ein Mann namens Murnau in einer Garnisonsstadt am Jadebusen, fernab von West-Berlin, den Aufbruch der 68er verpaßt. Mehr war da nicht.

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