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Literatur und KI : Vernunft ist auch eine Herzenssache

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Bild: Kat Menschik

Dichtende Computerprogramme sind inzwischen so gut, dass sie es inkognito in Lyrik-Publikationen schaffen. Wird der Autor überflüssig? Einige Gedanken zum Verhältnis von Künstlicher Intelligenz und Literatur.

          Folgt man dem Axiom, dass die Sprache den Menschen macht, dann begann mit der Schrift die Virtualisierung des Menschen. Der Mensch musste nicht mehr zugegen sein, wo er seine schriftliche Spur hinterließ. Das schriftliche Wort machte ihn zum körperlosen Zeichen. Nach Jahrtausenden folgte dann der Schrift die Übertragung der menschlichen Stimme in dauerhaften Klang und ihre klangliche Konservierung; Suggestion realer Gegenwart des Sprechers. Heute begegnen wir schriftlicher Sprache meist in gedruckter Form, sei es auf Papier oder am Bildschirm. Im März vergangenen Jahres, am „Welttag der Poesie“, schickte mir ein Kollege ein Gedicht zu, per Mail, klar, mit der Frage, wie ich das denn finde: „Sonnenblicke auf der Flucht“.

          Na ja, dachte ich. Ich kenne ähnliche Texte, die sich um Sinnaufbau durch Sinnabbau bemühen, zur Genüge und zitiere gern James Joyce: „Ich habe in meine Werke so viele Rätsel und Geheimnisse hineingebracht, dass es die Professoren jahrhundertelang beschäftigen wird, zu diskutieren, was ich meinte, und das ist der einzige Weg, sich der Unsterblichkeit zu versichern.“

          Am nächsten Morgen dann die nächste Mail: ein Schock. Mit Hilfe der Wiener Digitalkreativagentur Tunnel23 hatte dieser „Autor“ mittels einer von Algorithmen gespeisten Programmiersprache das gesamte Dichtwerk von Goethe und Schiller verschlungen, sich dergestalt gerüstet an dem Gedichtwettbewerb der Brentano-Gesellschaft beteiligt und es bis in deren Anthologie gebracht.

          Nach „Sonnenblicke auf der Flucht“ trieb es mich um: Gab es mehr derartiger Computer-Konkurrenten, bestrebt, uns Menschengeistern das Dichterhandwerk zu legen? Formen der KI begegnen uns in mannigfacher Weise längst im Alltag: Durch Robotik könnten Millionen Arbeitsplätze entfallen, heißt es; andere meinen, endlich käme Ludwig Erhards „Wohlstand für alle“ in Sicht. Fest steht: Mit Hilfe von Programmiersprachen, einer Künstlichen Intelligenz (KI) oder Artificial Intelligence (AI) wird unsere Gesellschaft weltweit so radikal umgebaut werden wie vor Jahrtausenden durch die Erfindung der Schrift.

          Ist ein Künstler noch notwendig?

          Zurück zu „Sonnenblicke auf der Flucht“. Fragen über Fragen warfen sich auf. Ist der Autor, oder allgemein gesprochen, der Künstler, überhaupt noch notwendig, um Literatur, Bilder, Musik zu schaffen? Zurzeit tourt ein von einer KI geschaffener „originaler“ Rembrandt durch die Museen der Welt, an dessen Fälschungsnachweis sich die Experten abarbeiten. Eine KI namens Iamus komponiert Musik, die nach Schönberg klingt und schon vom London Symphony Orchestra gespielt wurde. Was kann der menschliche Künstler, was die Maschine nicht kann – oder können wird?

          Bevor ich diese Fragen für den Literaturbereich zu beantworten versuche, möchte ich eine wichtige Unterscheidung voranstellen: „Literatur im Netz“ und „Netzliteratur“. „Literatur im Netz“ kann sowohl auf dem Bildschirm wie im Buch gelesen werden. Prominentestes Beispiel ist das Project Gutenberg. Dazu kommen Lyrikplattformen wie Lyrikline.org, Fixpoetry oder poetenladen. „Literatur im Netz“ hält sich also vorwiegend an gewohnte Strukturen und ist auf Sinnvermittlung angelegt.

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