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Literatur : Stephen Kings Lob der Ehe: „Love“

Liebe als Kraftzentrum: Tabhita und Stephen King Bild: AP

Stephen King und seine Ehefrau Tabitha King sind seit 1971 verheiratet - Kings Weltruhm als Autor scheint der Verbindung nichts anhaben zu können. Sein neuer Roman „Love“, der an diesem Dienstag weltweit erscheint, setzt ihr nun ein Denkmal.

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          „Es ist eine Liebesgeschichte mit Monstern. Einige davon sind Menschen.“ Wenn ein alles andere als maulfauler Schriftsteller wie Stephen King eine Lesung unveröffentlichter Romanpassagen so wortkarg ankündigt, darf man sich auf einen Text gefaßt machen, an dem selbst für die Verhältnisse dieses notorisch arbeitswütigen Menschen außergewöhnlich ernsthaft gefeilt worden ist.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Als King im Juni letzten Jahres auf einer Wohltätigkeitsveranstaltung zugunsten des von seinem Freund John Irving und dessen Frau gegründeten „Maple Street School“-Projekts in Manchester, Vermont, nach dieser nüchternen Ankündigung aus „Lisey's Story“ las, fiel Kennern im Publikum auf, daß da ein Tonfall wiedergefunden war, den man, was immer King als Schriftsteller seither sonst an Kunstfertigkeit und Reife dazugewonnen haben mochte, seit „The Shining“ (1977) von ihm so nicht mehr hat erleben dürfen: dicht, vorsichtig, als ob jemand mit ruhiger Hand langsam ein Tuch von etwas wegzieht, von dem man nicht weiß, ob man bereit ist, es anzusehen oder gar zu berühren. „Zu wissen, daß es gleich nebenan eine weitere Welt gibt . . . und daß die Trennwand so dünn ist . . .“

          Opfer eines Familienunheils

          „Lisey's Story“, der Roman, der an diesem Dienstag unter dem Titel „Love“ auf deutsch bei Heyne erscheint, erzählt von Lisey, der Witwe des hochproduktiven, vielseitigen und sehr erfolgreichen Schriftstellers Scott Landon. Sie weiß, was sonst niemand ahnt: Seine Kindheit durchlitt Scott als Opfer eines Familienunheils, das unter anderem seinen geliebten älteren Bruder und den psychotischen Vater getötet hat. In manischen Schüben haben nahe Angehörige dem späteren Autor sowohl buchstäbliche wie seelische Verletzungen zugefügt, von denen er nie genesen ist. Er hat diese Wunden mit in die Ehe genommen: „Finanziell werden wir ein ziemlich reiches Ehepaar sein, glaube ich, aber emotional bleibe ich bestimmt mein Leben lang bettelarm. Ich habe eine Menge Geld zu erwarten, aber was den Rest betrifft, besitze ich so gerade eben genug für dich, und das werde ich nie durch Lügen beschmutzen oder verwässern.“

          Ein Buch „für Tabby”

          Als Scott starb, hat er das, was ihn beschädigt und geschaffen hat, seiner Frau gleichsam vererbt; jetzt muß sie damit zurechtkommen, ebenso wie mit den Nachlaßjägern. Ein unberechenbarer Irrer macht das Anliegen eines blasierten Gelehrten - Scott Landons unveröffentlichte Arbeiten müssen seiner Witwe irgendwie entwunden werden - zu seiner heiligen Rächerpflicht. Der Rest ist Terror.

          Kein Objekt von Furcht und Mitleid

          Die grellen Schrecken, die daraus folgen, schildert King aus der Sicht der Frau, die man gleichwohl nicht „Opfer“ nennen kann. Denn ihr Kampf mit dem mal gestaltlosen, mal in banalsten Alltagsgegenständen und -erfahrungen punktförmig aufglühenden Schmerz, aber auch ihr Trotz und ihr Mut, kurz: der ganze Resonanzreichtum dieser Figur läßt sich nicht unters Regiment eines polizeilichen und moralischen Begriffs zwingen, der ihr die bloße passive Rolle eines Objekts von Furcht und Mitleid zuweist.

          Lisey wehrt sich, gegen das Greifbare und das Unbegriffliche. Dabei helfen ihr die Lebenden - vor allem ihre Schwestern - und die Toten. Daß letztere in dieser Lage manchmal mehr ausrichten als erstere, verrät viel von Kings Wissen darüber, wie Trauer entsteht - und über das, was sie überwindet.

          „Lisey“ ist nicht „Tabby“

          Scott Landon ist nicht Stephen King, auch wenn die literarischen Vorlieben, Auszeichnungen und sonstigen Lebensumstände der beiden einander in vielem berühren, ja sich decken. Lisa „Lisey“ Landon, geborene Debusher, ist nicht Tabitha „Tabby“ King, geborene Spruce, auch wenn ihre seinerzeit breit publizierte gefährliche Begegnung mit einem durchgeknallten Bewunderer ihres Mannes im gemeinsamen Haus 1991 bis ins Detail der Bedrohungskonstellation von „Love“ entspricht.

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