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Literatur : Spieler Handke

Manchmal fliegt es ihn an: Handke Bild: AFP

Peter Handke gibt immer wieder Interviews, um durch Provokationen und absichtsvoll geäußerten Unfug Aufmerksamkeit zu erregen. So auch diesmal - mit Bemerkungen über Milosevics vermeintliche Unschuld und die serbische Mafia.

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          Als vor Jahren der Krach zwischen den deutschen Tennisgrößen Boris Becker und Michael Stich seinen Höhepunkt erreicht hatte, nannte Becker den Rivalen nur noch „den Spieler Stich“. Ähnliches muss, unbemerkt von der deutschen Öffentlichkeit, einem bekannten Schriftsteller widerfahren sein, dem „Schriftsteller Handke“ nämlich. Wie sonst wären die Worte zu erklären, mit denen Peter Handke jetzt in der „Frankfurter Rundschau“ erklärt hat: „Ich bin kein Schriftsteller, sondern ich schreibe, ich habe geschrieben, ich werde geschrieben haben“?

          Darauf ist der Spieler Stich natürlich nicht gekommen, einfach zu sagen, er sei gar kein Spieler, sondern er spiele, er habe gespielt und er würde gespielt haben. Dem Spieler Handke hingegen fällt so etwas natürlich sofort ein, oder besser gesagt, es fliegt ihm sogar zu. Und so wird in diesem Interview gleich mehrfach beschrieben, wie Sätze durch die Lüfte fliegen, immer unterwegs in Handke-Richtung, zum Beispiel der Satz „Der ewige Friede ist möglich“ oder der Satz, alle Menschen, die ihm frühmorgens auf einer Wiener Straße entgegenkamen, hätten schöne Augen. „Das war genau so ein Stuss wie der Satz über den ewigen Frieden. Aber es hat mich angeflogen. Nur dieser Anflug zählt in der Literatur. Alles andere ist bloß Laune.“

          Die andersgelben Nudeln

          Überflüssig zu bemerken, dass auch dieser Satz Handke im Anflug erwischt haben muss, also gleichsam unbeabsichtigt geäußert wurde. Sehr gezielt hingegen, kalkuliert und absichtsvoll erschienen andere Sätze in diesem Interview. Etwa jener, in dem die serbische Dramatikerin Biljana Srbljanovic als „Westhure“ beschimpft wird. Andere Attacken gelten Marcel Reich-Ranicki, dem „Spiegel“, dieser Zeitung, Joschka Fischer, den Grünen und so weiter, also vor allen jenen, die wie Biljana Srbljanovic kritisiert haben, dass Handke nicht aufhören kann, den Kriegsverbrecher Milosevic reinzuwaschen. Dass der Erfinder der „andersgelben“ serbischen Nudeln seine Farbenblindheit bekennt, ist ebenso eine Kuriosität am Rande dieses Gesprächs wie die Bemerkung, er habe seine Informationen über Milosevics vermeintliche Unschuld von der serbischen Mafia erhalten. Es ist die Bemerkung eines Spielers.

          Darf man Peter Handke als Spieler bezeichnen? Nein: „Sowie Sie ein Hauptwort auf mich anwenden, ist es schon falsch, Sogar das Wort ,Schriftsteller' oder ,Autor' können Sie streichen.“ Aber auch das Wort Spieler ist ein Hauptwort. Reden wir also von Peter Handke, wie er sich uns seit Jahren immer wieder in Interviews vorführt, um durch seine Provokationen und seinen absichtsvoll geäußerten Unfug Aufmerksamkeit zu erregen, um des lieben Friedens willen als von einem, der spielt, der gespielt hat und der gespielt haben wird.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

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