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Literatur : Schriftsteller Oskar Pastior ist tot

  • Aktualisiert am

Oskar Pastior, 1927 - 2006 Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Der Schriftsteller und Georg-Büchner-Preisträger Oskar Pastior ist tot. Der 78jährige, der ein großer Sprachkünstler und Experimentaldichter war, starb in der Nacht zum Donnerstag in Frankfurt, wo er die Buchmesse besuchen wollte.

          Der Schriftsteller und Georg-Büchner-Preisträger Oskar Pastior ist tot. Wie eine Sprecherin des Hanser Verlags auf der Frankfurter Buchmesse bestätigte, starb der 78jährige Pastior in der Nacht zum Donnerstag in Frankfurt. Der in Rumänien geborene und in Berlin lebende Pastior war wegen der Buchmesse in Frankfurt. Dort wollte er unter anderem zusammen mit der Schriftstellerin Herta Müller Texte über die Deportation von Rumäniendeutschen in die Ukraine vortragen.

          Pastior, der auch als Petrarca-Übersetzer Anerkennung fand, wurde vor allem für seine vom Dadaismus geprägte experimentellen Lyrik und Prosa, seine „Lautmalereien“, bekannt. Mit dem musikalischen Lautgedicht und seiner Wortakrobatik erwarb er sich höchste Anerkennung in der Lyrikszene. Pastior wurde am 20. Oktober 1927 als Angehöriger der deutschen Minderheit im rumänischen Hermannstadt (Siebenbürgen) geboren, wo er inzwischen zum Ehrendoktor ernannt wurde. Nach Zwangsarbeit in sowjetischen Arbeitslagern kehrte er 1949 in seine Heimat zurück, holte während des Militärdienstes das Abitur nach und studierte Germanistik an der Universität Bukarest.

          Von Bukarest über Wien nach Berlin

          Danach war er zunächst Rundfunkredakteur für deutsprachige Sendungen in Bukarest, ehe er literarische Erfolge mit seinem ersten Lyrikband „Offne Worte“ (1964) und „Gedichte“ (1966) feiern konnte. Dem renommierten Literaturpreis der Zeitschrift „Neue Literatur“ folgte 1965 die Aufnahme in den „Schriftstellerverband der Sozialistischen Republik Rumänien“. Während eines mehrwöchigen Studienaufenthaltes in Wien flüchtete Pastior 1968 dann in die Bundesrepublik und ließ sich nach einer Zwischenstation in München in West-Berlin nieder.

          Sein literarisches Debüt in Deutschland feierte er 1969 mit der Gedichtsammlung „Vom Sichersten ins Tausendste“. Fortan machte er sich als Sprachkünstler und Wortakrobat einen Namen und beschäftigte sich in seinen Texten häufig mit den Elementarbereichen der Sprache - etwa mit Palindromen, also Wortfolgen, die vorwärts wie rückwärts gelesen Sinn ergeben, Lautgedichten, aber auch Lyrik-Übersetzungen. Pastior arbeitete zuletzt zusammen mit Herta Müller an einem autobiografischen Text über seine Zeit im sowjetischen Arbeitslager. Das Buch sollte im kommenden Jahr im Hanser Verlag erscheinen, der auch die meisten anderen Werke Pastiors herausgegeben hat.

          Reisender im Buchstabenall

          Im Mai dieses Jahres hatte Pastior den wichtigsten deutschen Literaturpreis zugesprochen bekommen, den Georg-Büchner-Preis. Am 21. Oktober in Darmstadt hätte er den mit 40.000 Euro dotierten Preis entgegennehmen sollen. Der Preis werde nun posthum verliehen, sagte der Generalsekretär der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung (Darmstadt), Bernd Busch.

          In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 14. Mai 2006 porträtierte Volker Weidermann Pastior als „Wortentdecker, eifrigen Aufdecker immer neuer Sprachmöglichkeiten, Reisenden im Buchstabenall, Experimentaldichter, Avantgardisten, Traditionsdichter, Traditionsbewahrer, Formenkünstler, Vorausdichter, der aus einem einzigen Wort immer neue, immer erstaunlichere Klänge und Bedeutungen herauszupoetisieren vermag“ (siehe: Oskar Pastior: Der Dichter).

          Für seinen Dichterkollegen Michael Lentz war Pastior schlicht ein „Genie“. In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung schrieb Lentz: „Als Formkünstler ist er Wiederentdecker und Erfinder. Villanelle, Vokalise, Gimpelstift, Palindrom, Anagramm und Sestine sind nicht mehr ohne Pastior zu denken. Hier muß es heißen: Schlag nach bei Pastior.“ (Siehe: Michael Lentz über Oskar Pastior).

          Sanftmütiger Klarblick

          Pastior sei ein Dichter gewesen, der zu denen gehörte, „die mit Sprache versuchend umgehen“, sagte der Präsident der Berliner Akademie der Künste, Klaus Staeck. „Die Stadt Berlin, das literarische Leben und unsere Akademie durften stolz darauf sein, daß der Dichter hier, wenn man das sagen kann, zu Hause war“, sagte der ungarische Schriftsteller und frühere Akademie-Präsident György Konrad.

          Konrad, der mit Pastior befreundet war, erinnerte sich vor allem an das „gewinnende Lächeln“ sowie den „spielerischen und sanftmütigen Klarblick“ Pastiors. „Aufgewachsen in der Diaspora, auf einer Sprachinsel, am Kreuzweg verschiedensten Verletztseins und Grolls, in Gefangenschaft und allen möglichen unbequemen Situationen hat es ihn vor allem in seinen Bann gezogen, wenn er sich auf dem ihm nicht zu raubenden Besitz tummelte, sich in der geerbten Sprache vergnügte... Sie konnten ihn hinschleppen, wohin sie wollten, er konnte weggehen, wohin er wollte, überall und jederzeit war es die Sprache, an die er sich klammern konnte.“

          Oskar Pastior hat sich vor allem mit sprachspielerischer Lyrik und Übersetzungen einen Namen gemacht. Außerdem verfaßte er Hörspiele. Eine Auswahl wichtiger Werke:

          1964: „Offene Worte“
          1966: „Gedichte“
          1969: „Vom Sichersten ins Tausendste“
          1971: „Reise um den Münd in achtzig Feldern“ (Hörspiel)
          1975: „Höricht. Sechzig Übertragungen aus einem Frequenzbereich“
          1976: „Fleischeslust“
          „An die neue Aubergine. Zeichen und Plunder.“
          „Die Sauna von Samarkand“ (Hörspiel)
          1978: „Ein Tangopoem und andere Texte“
          1978 und 1985: „Der krimgotische Fächer. Lieder und Balladen“
          1983: „33 Gedichte“ (Petrarca-Übersetzungen)
          1985: „Anagrammgedichte“
          1987: „Jalousien aufgemacht. Ein Lesebuch“
          1990: „Kopfnuß Januskopf. Gedichte in Palindromen“
          „Neununddreißig Gimpelstifte. Gedichte.“
          1992: „Vokalisen & Gimpelstifte“
          1994: „Eine kleine Kunstmaschine. 34 Sestinen“
          „NOCHMAL DEN TEXT EIN ANDERER. Von Gertrude Stein.“ (Hörspiel)
          1997: „Das Hören des Genitivs. Gedichte“
          „Gimpelschneise in die Winterreise-Texte von Wilhelm Müller“
          2000: „Villanella & Pantum. Gedichte“
          2002: „o du roher iasim. 43 intonationen zu „harmonie du soir“ von charles baudelaire“

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