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Literatur : Proust-Lesung endet nach sechseinhalb Jahren

Ausdauernde Freunde: Marcel Proust Bild: Ullstein

An zwei Dienstagen im Monat haben zwei Männer sechseinhalb Jahre lang die vollständige „Suche nach der verlorenen Zeit“ von Marcel Proust vorgelesen. Für die, die dabei waren, war die Zeit nicht verloren.

          Lange Zeit waren Kölns Proustianer nicht mehr früh schlafen gegangen. Zumindest nicht an jenen zwei Dienstagen im Monat, an denen sechseinhalb Jahre lang die vollständige "Suche nach der verlorenen Zeit" von Marcel Proust vorgelesen wurde (F.A.Z. vom 4. Mai 2001).

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Am Dienstag versammelten sich zum letztenmal jene etwa 120 Zuhörer, die mit Müh und Not in die beiden kleinen Verkaufsräume der Lengfeld'schen Buchhandlung gequetscht werden können, und der Schauspieler Bernt Hahn hob an, um die abschließenden dreißig Seiten aus dem siebten Buch "Die wiedergefundene Zeit" vorzutragen. Die leicht verspätete Edition dieses Bandes in der von Luzius Keller revidierten Werkausgabe hatte vor Jahresfrist die einzige - moderate - Verzögerung im Ablauf der Mammut-Lesung bewirkt, und mit dem siebten Band wurde auch das ungewöhnliche Konzept einer dialogischen Lesung aufgegeben. Denn im März 1997 hatte Hahn den Lesezyklus mit seinem Kollegen Peter Lieck gemeinsam begonnen.

          Dramaturgisch geschickt

          Was den Veranstaltern zunächst als bloße Absicherung für den Krankheitsfall galt, entpuppte sich bald als eigentliche Stärke des Projekts, denn Lieck und Hahn teilten sich die Aufgabe dramaturgisch geschickt, setzten durch den Sprecherwechsel in laufender Lesung wichtige Akzente und wuchsen teilweise in spezielle Rollen hinein - ein akustisches Vergnügen, das auch auf den bisher veröffentlichten Mitschnitten der Lesungen zu spüren ist, die die ersten beiden Bände umfassen. Doch die Struktur des siebten Bandes, der fortgesetzte innere Monolog des Erzählers und die lang ausholenden Gedankengänge im Prozeß der Heraufbeschwörung der Vergangenheit ließen die gemeinsame Lesung nicht mehr zu, so daß Lieck und Hahn sich fortan von Abend zu Abend abwechselten.

          Die Zuhörer störten sich nicht daran; sie bleiben "Betonhörer", wie Hahn es in seinem Dank ans Publikum wenig zärtlich, doch hochachtungsvoll beschrieb - eine solch treu-verschworene Gemeinschaft entstand aus den Lesungen, daß die Vorleser alle Anwesenden zum Abschied mit Rosen beschenkten. Und so pathetisch diese ungewöhnliche Hommage geriet, so passend war sie, denn erst die Intimität der Veranstaltungen, die sich auf die beiden Leser derart übertrug, daß man sich selbst in die Salons und Gärten von Prousts Welt versetzt glaubte, machte den Lesemarathon zum fortgesetzten Lesefest.

          Eines, das über die Abende hinausgriff, das sich bemühte, Proust gerecht zu werden, der die Struktur des Lebens auf den letzten Seiten seines Romanwerks so beschrieben hat: "Es ist aber in der Tat und Wahrheit so, daß es auch unaufhörlich zwischen den Personen, zwischen den Ereignissen neue Fäden spinnt, daß es sie kreuzt, daß es sie verdoppelt, um das Gewebe zu verstärken, so daß zwischen dem unbedeutendsten Punkt unserer Vergangenheit und allen anderen ein dichtes Netz von Erinnerungen uns nur die Wahl der Verbindungswege läßt." Der Kölner Verbindungs- erwies sich als Königsweg. Längst hat er Nachfolger inspiriert; in Tübingen wird gar mit von Abend zu Abend wechselnder Laienbesetzung Proust vorgelesen. Nun wird also nachgeholt, was Proust versäumte - neben seinen Personifikationen der Künste, mögen sie Berma heißen, Bergotte, Elstir oder Vinteuil, auch die Kunst des Lesens zu feiern. Ein Paradox triumphierte: Man ging mit Proust auf die Suche, doch in Köln hatte sechseinhalb Jahre lang seine Zeit ihren Platz gefunden.

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