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Literatur : Peng, das sitzt!

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Hier wird debattiert: „Bella Triste” Bild: Bella Triste

Abschied von der lyrischen Beliebigkeit: Nach der Phase des Aufbruchs folgt nun die Positionsbestimmung. In der Literaturzeitschrift „Bella triste“ streiten junge Dichter um den richtigen Begriff von Avantgarde.

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          Es ist an der Zeit, dass über Literatur wieder mehr gestritten wird. Nicht über Nebensächliches an ihr, über Betrieb, Netzwerke, Verkaufszahlen und Preise, sondern darüber, wie man sie machen soll. Oder, noch grundlegender: darüber, mit welcher Haltung der Autor an ihre Verfertigung geht. Denn aus dieser Haltung ist alles Weitere abzuleiten: Welche technischen Mittel sind nötig? Welche Stoffe sind literaturfähig? An wen richtet sich Literatur überhaupt? Welche Art und Intensität von Wirkung soll das Werk in der Vorstellung seines Urhebers begleiten? Kurz: Wozu ist Literatur überhaupt gut? In der Lyrik ist genau diese Diskussion gerade in vollem Gange. Dieses Genre, einst Königsdisziplin der Genieästhetik, inzwischen lange aus dem Focus öffentlicher Aufmerksamkeit geraten, ist hier endlich einmal wieder Vorreiter. Früher nannte man das „Avantgarde“.

          Die Literaturzeitschrift „Bella triste“ hat sich im Frühjahr mit einer Sonderausgabe zur deutschsprachigen Lyrik (Heft Nr. 17) zum Forum einer poetologischen Debatte gemacht. Man druckte viel junge Lyrik ab, ließ diese wiederum von anderen Dichtern kommentieren, so dass deutlich wird, welche Dimensionen die neue Blüte junger deutscher Dichtung hat - in Quantität wie Qualität, aber auch in der Variationsbreite dichterischer Ansätze. Man hat vom „Pfingstwunder“ der deutschen Lyrik in den achtziger Jahren gesprochen, dessen erster Evangelist im Rückblick wohl Thomas Kling gewesen ist. Eine ähnliche, höchst inspirierte Bewegung ist heute auszumachen. Aber wer von diesen vielen Zungen überdauern wird, ist noch kaum abzusehen. Nach der Phase des Aufbruchs kommt jetzt die Zeit der Positionsbestimmung. Nicht alles wird bleiben.

          Was ist also ein Gedicht

          Im Essayteil des Sonderheftes findet sich ein Text der jungen, aus Iowa stammenden, aber in Wien aufgewachsenen Dichterin Ann Cotten. Und da ist plötzlich ein anderer, ein dringlicher und drängender Ton: „Was ist also ein Gedicht. Warum schreibt man so etwas und was kann das.“ Und ohne nun eine Definition zu liefern, die man getrost nach Hause tragen könnte, macht Cotten mit ätzender Polemik klar, was jedenfalls kein Gedicht ist: „Es grassiert eine Lyrik, da kann ich mir manchmal den Gedanken nicht verkneifen an das Aquarellieren von respektablen Töchtern vergangener Jahrhunderte, nur dass es vielleicht heute eher sensible junge Herren sind, die damit bei depressiven Mädchen ankommen wollen, und vice versa. Man lasse sie doch klampfen, aber man hüte sich das ernst zu nehmen.“

          Peng, das sitzt, und ohne dass hier Namen genannt werden, sitzt plötzlich die in den letzten Jahren wiedergekehrte Natur- und Stimmungslyrik auf der Anklagebank. Es bestehe „keine notwendigere Kopplung zwischen Gefühlen und Lyrik als zwischen Gefühlen und Prosa“. Das Schreiben könne man zwar nicht „vom Gefühlshaushalt abkoppeln“, aber das Gedicht sei zuallererst ein nach bestimmten Regeln gefertigtes Sprachgebilde. Für ein Grundübel hält sie den Metapherngebrauch, „in weiten Teilen der Lyrikproduktion“ würden „einfach nur Metaphern vorgeführt und nachvollzogen“, das sei „nicht mehr als eine nette Gesellschaftsunterhaltung“.

          Dichtung als Sprachspiel

          Ausgehend von der sprachphilosophischen Einsicht, dass jedes Denken per se metaphorisch ist, entwickelt sie dann, freilich eher tastend als zugreifend, ihre eigene Poetik. Deren praktische Resultate sind in ihrem bei Suhrkamp erschienenen Debütband „Fremdwörterbuchsonette“ nachzulesen, in denen die eingängige, klassische Form mit einem experimentell-linguistischen Ansatz auf verblüffende Weise verbunden wird: Dichtung als Sprachspiel, dessen Sinn im Vorführen und Durchexerzieren von Strukturen liegt und nicht im hypersensiblen Abtuschen einer äußeren oder inneren Landschaft.

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