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Literatur : Neues Deutschland

  • -Aktualisiert am

Die Tellkamp-Faust: Bachmann-Wettbewerb 2004 Bild: AP

Die Sehnsucht nach Pathos und heiligem Ernst: Der Schriftsteller Uwe Tellkamp will keinen Spaß verstehen. Doch der Bachmann-Preisträger ist nur ein blasser Luftrevolutionär, der Klischees und Worthülsen verbreitet.

          Wie haben sie alle auf diesen Mann gewartet. Seit Jahren sehnen sich die Feuilletons, die Literaturzeitschriften, die Kritiker nach einem neuen Geist. Dem Geist der neuen Ernsthaftigkeit.

          Seitdem in Amerika die Türme stürzten, seit der großen Wirtschaftskrise, seit Rekordarbeitslosigkeit und immer weiter anschwellenden Reformstauklagen wird er beschworen, und je mehr er beschworen wird, um so größer wird der Ärger, daß trotzdem überall immer noch die Witzchen sprießen, daß die neuen Bücher den neuen Geist partout nicht aufnehmen wollen, daß die Ironie ironisch bleibt und siegt und siegt und siegt.

          Und dann ist also, im letzten Sommer in Klagenfurt, dieser Mann erschienen, und neulich hat er seinen ersten Roman veröffentlicht, einen Roman, wie man ihn lange nicht gelesen hat. Uwe Tellkamp, Jahrgang 1968, Panzerfahrer in Dresden 1989, der den Befehl verweigerte, als es galt, auszurücken gegen die Demonstranten, und der nicht ausrückte, weil er wußte, daß sein kleiner Bruder unter den Demonstranten war. Der daraufhin inhaftiert wurde für zwei Wochen, die Schulterklappen abgeben mußte und kurze Zeit später auch den Studienplatz in Medizin.

          Der Lichteinfall auf die Rose

          Der von sich selbst erzählt, daß er am 16. Oktober 1985, fasziniert vom flutenden Sonnenlicht im elterlichen Garten und dem Lichteinfall auf eine Rose, sein erstes Gedicht geschrieben habe. Der heute als Chirurg arbeitet, jedes Jahr innerhalb von zwei Augustwochen 500 bis 600 Verse eines Seefahrerepos in der Nachfolge Homers schreibt und zwischendurch immer wieder Prosatexte auf Treppenstufen und im Keller.

          Der sich selbst als „Librettisten Wagners“ bezeichnet. Der Ausschnitte aus seinem Riesengedicht gerne mit geschlossenen Augen und energischem Pathos deklamiert und der, als er im letzten Sommer in Klagenfurt im Trachtenjanker den Bachmann-Preis gewann, die Siegerfaust in die Höhe riß und seiner Ehefrau dankte, während die Juryvorsitzende jubelte: „Ich glaube, wir haben einen großen Autor entdeckt.“

          Begeisterung und Entsetzen

          Und vor einem Monat ist also sein neues Buch erschienen. „Der Eisvogel“. Einige Kritiker waren begeistert. Einige entsetzt. Einige sagten: Was für ein großartiger Autor und was für ein schauderhaftes Buch.

          Es ist ein Revolutionsroman von rechts. Ein Buch voller Pathos. Und Ernsthaftigkeit. Und ohne Ironie. Ein Buch, in dem es um alles geht. Um einen Mord unter Freunden. Um das Deutschland von heute. Um eine radikale gesellschaftliche Wende, um das Ende der Demokratie. Um die Sehnsucht nach einer neuen Elite. Sehnsucht nach einem Krieg. Sehnsucht nach einer neuen Kunst. Nach Pathos. Nach einer neuen Literatur. Nach einem ganz neuen Leben.

          Zwei junge Männer stehen im Zentrum des Romans. Der arbeitslose Philosoph Wiggo Ritter, voller Ressentiments gegen einen Professor, der ihn wegen rechter Tendenzen vom Institut geworfen hat, und gegen die Gesellschaft, die ihn nicht braucht. Er sagt: „Ich hasse meine Zeit. Ich hasse sie, weil sie Leute wie mich haßt. Vielleicht greife ich, pathetisch, wie ich bin, viel zu hoch; vielleicht sind Leute wie ich ihr einfach nur gleichgültig. Ich habe das Gefühl, nicht mehr atmen zu können. Ich bin ein musischer Mensch. Ich glaube, es ist kein Platz mehr für musische Menschen.“

          Sich selbst bedauernd und betrauernd

          So würde er sein Leben lang dahintrauern, mit blassem Gesicht und großen Worten die Welt zerdenken, von seinem Vater, dem lebensmächtigen, reichen Banker und Frauenfreund, von Herzen verachtet, sich selbst bedauernd und betrauernd. Ein trauriges Leben. Einsam. Doch da kommt der gleichaltrige Mauritz Kaltmeister ins Spiel. Mauritz verachtet die deutsche Gegenwart ebenso wie Wiggo.

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