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Literatur : Neues Deutschland

  • -Aktualisiert am

Auf der Leipziger Buchmesse sitzt er vor einer grünen Wand auf einem Podium und erklärt, wie nah ihm diese Figur Wiggo beim Schreiben gewesen sei. Beunruhigend nah. Und ihm immer näher kam und er sich distanzieren mußte, innerlich. Er sagt: „Was mich interessiert, ist Politik.“ Er lese häufig Parlamentsdebatten nach. „Ich lese das exzessiv.“ Er spricht von Pathos und daß ein Roman ohne Melodramatik eine Totgeburt sei und daß allen Ironikern ihre Ironie vergehen würde, wenn sie einmal in einer Notaufnahme im Krankenhaus arbeiten müßten, und es kämen drei Schwerstverletzte, und sie müßten sich entscheiden, wen sie retten. „Da vergeht ihnen die Ironie.“

Rings um uns brennt es

Er spricht von „schmelzenden Gewißheiten“, von „Kriechströmen“, die er wahrnehme auf Partys, auf der Straße. Daß es einen großen Unterschied gebe zwischen der öffentlichen und der veröffentlichten Meinung. Er sagt: „Ich sehe, daß es rings um uns brennt“, er fragt: „Wie soll das hier weitergehen?“ und sagt über das Thema seines Romans: „Ich hatte das Gefühl, das treibt alle um, die jungen Leute.“ - „Und diese Terrororganisation, die ist doch aber ausgedacht?“ fragt der Moderator etwas beunruhigt. „Ich wünschte, das wäre so“, sagt Uwe Tellkamp und senkt den Blick auf den Tisch vor sich.

Später am Abend sitzt Tellkamp auf einem anderen Podium in einem großen, weißen Saal. Der Moderator neben ihm hatte am selben Tag eine hymnische Kritik auf den „Eisvogel“ in der „Süddeutschen Zeitung“ veröffentlicht, in der er schrieb, es handele sich „um einen politischen Zeitroman, der wirklich ein Bild dessen erkennen lässt, was man eine Zeit lang die ,Berliner Republik' genannt hat“, und das hier gezeichnete „Gesellschaftspanorama“ sei gleichzeitig „großartig halluziniert und glaubwürdig gezeichnet“, und besonders schön finde er, daß Tellkamp „auf meisterliche Art nationale Mythologie aufzurufen“ verstehe, daß er den „identitätsstiftenden Charakter von Landschaften revitalisiere“, und er, Tellkamp, solle doch bitte diese Stelle, diese Landschaftsstelle vorlesen.

Ein Teppich aus Hummeln

Und Tellkamp liest: „Wir folgten der Nagold, aßen Kornäpfel und saugten den Honig aus Taubnesselblüten, die an den Feldrainen so dicht standen, daß die Hummeln darüber in der Entfernung wie ein träge dünender Teppich wirkten.“ Und dann sagt der Moderator entzückt, daß da etwas aufgerufen würde, was zu unserer nationalen Gedächtniskultur dazugehöre. Leider wird nicht dazugesagt, daß jener goldgeschmückte, aufgeblasene Wortunsinn nicht unbedingt zum bewahrenswerten Teil der nationalen Gedächtniskultur gehört.

Dieses Nebeneinander von Naturmystik, Führersehnsucht und Eliteglauben erinnert an die Romane des Autors Gerd Gaiser, aus den ersten Jahren der Bundesrepublik, an „Schlußball“ und „Die sterbende Jagd“. Als noch überhaupt nicht klar war, in welche Richtung dieses Land sich entwickeln würde und Marcel Reich-Ranicki über Gerd Gaiser schrieb: „Aus der Realität macht er einen Mythos. Er stellt sich nicht den Problemen, er entstellt sie, indem er sie poetisiert. Sein Werk dient nicht der Wahrheit.“

Tellkamps Roman dient nicht der Wahrheit.

Viel Wille zum Pathos und sehr wenig zu sagen. Viele Ressentiments gegen die Gesellschaft und nichts entgegenzusetzen als Klischees und scheinwertvolle Worthülsen. Heiliger Ernst für ein kleines Empfinden. Großer, tief empfundener Wille zu einer rechten Revolution und nur kleine Knallerbsen zu verteilen.

Ein blasser Luftrevolutionär

Der selbsternannte Librettist Wagners, der in Diskussionen aber auch gern die Meinung vertritt, daß der Nationalsozialismus eine in die Wirklichkeit überführte Wagner-Oper sei, ist ein blasser Luftrevolutionär, der alles wagt und nichts gewinnt. Er spielt mit einer Konservativen Revolution, die in Deutschland zuletzt vor gut zehn Jahren ein eifriger Immobilienmakler wiederbeleben wollte. Er sagt: „Ein Leben ohne Utopie ist nicht möglich.“ Und danach: „Welche, versuche ich noch rauszukriegen.“

Wenn es mit neuer Ernsthaftigkeit und nationaler Erneuerung wirklich so unernst, luftig und beliebig steht, dann wollen wir doch lieber die gute, alte, weise Ironie behalten.

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