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Literatur : J.K. Rowling verändert die Welt

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Glaubt an die revolutionäre Kraft der Literatur: Salman Rushdie

Glaubt an die revolutionäre Kraft der Literatur: Salman Rushdie Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Wie bringt J.K. Rowling junge Menschen dazu, den Harry-Potter-Romanen entgegenzufiebern? Bücher haben immer noch die überraschende Fähigkeit, die Gesellschaft zu verändern. Salman Rushdie über die revolutionäre Kraft der Literatur.

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          In Indien schlägt ein Schmetterling mit den Flügeln, und in New York spüren wir den Lufthauch auf der Wange. In Afrika räuspert sich jemand, und in Kalifornien hustet einer. Alles, was passiert, hat Auswirkungen. Bücher kommen in die Welt, und die Welt ist nicht mehr, was sie war, bevor diese Bücher in die Welt kamen. Dasselbe gilt für Babys oder Krankheiten.

          Bücher kommen in die Welt und verändern das Leben ihrer Autoren, zum Guten oder Schlechten. Manchmal verändern sie auch das Leben ihrer Leser. Diese Veränderung ist selten. Die Bücher, die wir lesen, legen wir meistens beiseite oder werfen sie in die Ecke, um uns anderen Dingen zuzuwenden. Doch manchmal bleibt etwas zurück. Das liegt an der unerwarteten, unvorhersehbaren Intervention jenes seltenen und unberechenbaren Phänomens Liebe. Manchmal liest man ein Buch, es gefällt einem, oder man bewundert oder respektiert es und bleibt doch völlig unberührt, aber unbemerkt schleicht sich die Liebe ein und setzt etwas in Bewegung, wie das ihre Art ist. Verliebt man sich in ein Buch, hinterläßt es seine Essenz wie radioaktiver Fallout in einem Acker, so daß gewisse Früchte dann nicht mehr im Leser gedeihen, doch gelegentlich entstehen andere Gewächse, merkwürdigere, phantastischere. Wir lieben wenige Bücher, und diese Bücher prägen uns, durch sie sehen wir unser Leben, ihre Beschreibung der inneren und äußeren Welt vermischt sich mit der unseren.

          Ein Buch zu hassen bedeutet, sich selbst zu bestätigen

          Das macht die Liebe, nicht der Haß. Ein Buch zu hassen bedeutet nur, sich selbst zu bestätigen, was man schon weiß oder zu wissen glaubt. Daß Bücher Liebe und Haß erzeugen können, beweist jedoch, daß sie fähig sind, auf Vorhandenes einzuwirken.

          Schreiben heißt, der Welt einen Namen geben, und die Macht des Beschreibens sollte nicht unterschätzt werden. Literatur entsinnt sich ihres religiösen Ursprungs, und einige jener ersten Geschichten von Himmels- und Meeresgöttern waren nicht nur die Quelle unzähliger anderer Geschichten, die aus ihnen hervorgingen, sie dienten auch als Fundament der Welt, in die sie, die Mythen, hineingeboren wurden. Ohne Götter hätte es in Lateinamerika oder im alten Griechenland kaum Blutopfer gegeben. Iphigenie hätte gelebt, Klytämnestra hätte Agamemnon nicht töten müssen, und die Geschichte der Atriden wäre völlig anders verlaufen. Schlecht für die Geschichte des Theaters, gewiß, aber in mancherlei Hinsicht gut für die betroffene Familie.

          Millionen Kinder fiebern 800-Seiten-Romanen entgegen

          Schreibend wurden die Götter erfunden, das Schreiben war ein Spiel, das die Götter selbst spielten, und die Auswirkungen dieses Schreibens machen sich noch heute bemerkbar - was nur beweist, daß der fiktionale Charakter der Literatur ihre Macht nicht schmälert, zumal wenn man sie als Wahrheit bezeichnet. Doch das Schreiben brach mit den Göttern und büßte dabei einen Großteil seiner Macht ein.

          Trotz allem bewahrt sich die Literatur die überraschende Fähigkeit, gesellschaftliche Veränderungen herbeizuführen. Man denke nur an die Sklavin Eliza, die vor Simon Legree wegläuft. An Wackford Squeers, den hartherzigen Direktor von Dotheboys Hall. An Oliver Twist, der um eine zweite Portion bittet. An einen jungen Zauberer mit einem Blitzmal auf der Stirn, der Bücher in das Leben einer ganzen Generation bringt, die das Lesen zu verlernen schien. "Onkel Toms Hütte" veränderte die Einstellung zur Sklaverei, Dickens' Schilderungen von Kinderarmut führten zu Gesetzesreformen, und J.K. Rowling läßt Millionen von Jungen und Mädchen Achthundert-Seiten-Romanen entgegenfiebern. Der Direktor von Gimbel's Department Store schwor sich nach der Premiere von Millers "Tod eines Handlungsreisenden", seinen eigenen Willy Lomans nicht zu entlassen.

          Tyrannen fürchten die Wahrheit von Büchern

          Heute, da wir mit Informationen überschwemmt werden, bringt die Literatur weiterhin Nachrichten von Menschen, Nachrichten, die Herz und Verstand berühren. Die Gedichte von Milosz und Herbert und Szymborska und Zagajewski haben das Bewußtsein, wenn nicht das Gewissen der Epoche dieser großen Dichter geprägt. Dasselbe gilt für Heaney, Brodsky, Walcott. Nuruddin Farah, der seit langem im Exil lebt, hat Somalia in all diesen Jahren im Herzen getragen und schreibend seine Heimat aufbewahrt, hat der Welt jenes Somalia vor Augen geführt, das die Welt sonst nicht wahrgenommen hätte. Aus China, aus Japan, aus Kuba, aus Iran bringt die Literatur Informationen, das unedle Metall Information, das in goldene Kunst verwandelt wird, und durch diese alchimistischen Transformationen verändert sich unser Wissen von der Welt stets aufs neue.

          Die alte Vorstellung vom Intellektuellen als demjenigen, der den Mächtigen die Wahrheit sagt, ist keineswegs überholt. Tyrannen fürchten die Wahrheit von Büchern, weil sie niemandem verpflichtet ist. Sie fürchten sie aber vor allem, weil sie unvollständig ist, weil sie beim Lesen vervollständigt wird, so daß die Wahrheit des Buches für jeden Leser ein wenig anders aussieht. Eben darin steckt die wahre revolutionäre Kraft der Literatur, in diesen unsichtbaren, intimen Gesprächen zwischen Fremden, in diesen kleinen Revolutionen in der Phantasie des Lesers. Die Feinde der Phantasie, all die Politbüros, Ajatollahs, die Schlägertrupps von Göttern und Machthabern, wollen diese Revolutionen ein für allemal unterbinden, doch das gelingt ihnen nicht. Der Autor weiß selbst nicht, welche Auswirkungen sein Buch haben wird, aber gute Bücher haben Auswirkungen, manchmal sogar enorme, die zum Glück nicht vorhersehbar sind. Denn die Literatur ist ein eigenwilliges Geschütz.

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