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Literatur : Ist der Nobelpreis gut für die Seele, Herr Pamuk?

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„Ost und West haben Tausende von Jahren in Harmonie gelebt und werden es wieder tun” Bild: Illustration Burkhard Neie/xix

Am Sonntag wird der türkische Schriftsteller Orhan Pamuk mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. Jordan Mejias traf den glänzend aufgelegten Autor in seinem völlig überheizten Büro in der Columbia University, New York.

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          Am Sonntag wird der türkische Schriftsteller Orhan Pamuk mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. Die Reise nach Stockholm tritt er von New York aus an, wo er die letzten Monate verbracht hat. Beim Treffen in seinem völlig überheizten Büro in der Columbia University ist der Autor glänzend aufgelegt und lacht viel.

          Bei der Nobelpreisverleihung gilt eine strenge Kleiderordnung. Liegt Ihr Frack schon parat?

          Ich habe mir das Ding in New York besorgt, mit Schwänzen und allem Drum und dran. Mal sehen, wie es sich trägt.

          Die Nachricht, daß Ihnen die Auszeichnung verliehen wird, erreichte Sie Anfang Oktober hier in New York. Wie haben Sie die Zeit seither erlebt?

          In New York hat der Preis mir einen außerordentlich angenehmen Aufenthalt beschert. Ursprünglich wollte ich zwei Tage in der Woche an der Universität verbringen und fünf Tage für mich allein haben. Statt dessen konnte ich mich vor Einladungen kaum retten. An einem Abend habe ich beim Universitätspräsidenten mit Václav Havel gespeist, am nächsten mit Gore Vidal. Ich habe eine Lesung mit Salman Rushdie bestritten, ich habe die Nobelpreisträger Toni Morrison, Gao Xingjian und Elie Wiesel kennengelernt. Was soll ich sagen? Es ist ein angenehmes Leben. Obwohl ich vor zwanzig Jahren schon einmal in New York war, wurde ich jetzt wie ein Newcomer behandelt. Für mich ist es eine Art Alice-im-Wunderland-Spaß. Wenn es die ganze Zeit so weiterginge, wäre das wahrscheinlich nicht gesund, aber einstweilen freue ich mich darüber.

          Was hat Sie die letzten Monate in New York gehalten?

          Ich habe einen Fünfjahresvertrag mit der Columbia University und verbringe nun jedes Jahr ein Semester hier. Zum einen bin ich Fellow im Committee on Global Thought, in einem Seminar, in dem es um Demokratie, Säkularismus und Diversität geht, also auch um Politik, Religion, freie Meinungsäußerung. Zum anderen halte ich einen Kurs ab für Studenten, die Creative Writing belegt haben.

          Was haben Sie mit den Studenten gemacht?

          Zunächst einmal habe ich sie Thomas Manns „Tonio Kröger“ lesen lassen, denn ich dachte, so könnte ich mich gut diesen jungen Amerikanern und angehenden Autoren vorstellen und ihnen über meine ersten Schritte als Schriftsteller erzählen. Kurz nach meiner Ankunft in New York bekam ich dann den Nobelpreis zugesprochen, und das hat etwas Verwirrung gestiftet. Da hatte ich statt zwanzig Studenten plötzlich achtzig. Ich konnte darum keinen normalen Unterricht geben, sondern war auf einmal der prominente Autor, der eine Vorlesung hält. Damit hatte ich nicht gerechnet, und ich bekam sogar Angst vorm Reden. Es ging jedoch alles gut, am Ende haben alle geklatscht. Wegen der Vorlesung? Wegen mir? Wegen des Nobelpreises? Keine Ahnung. Ich habe aber begriffen: Der Nobelpreis hilft dir, deine Lebensprobleme zu lösen.

          Was haben Ihre Studenten von Ihnen über Tonio Kröger erfahren?

          Wir haben darüber geredet, warum die Novelle ein deutscher Klassiker geworden, warum es die Geschichte aller Schriftsteller und Möchtegernschriftsteller ist und warum Lesen und Schreiben außergewöhnliche Beschäftigungen sind. Zur Sprache kam das nietzscheanische Konzept des Künstlers als Einzelgänger, als eines Menschen, der im täglichen Leben linkisch sein kann und wie Tonio Kröger beim Tanzen hinfallen mag, aber aus diesem Versagen seine schriftstellerische Bedeutung erwachsen läßt. Wir haben die Geschichte zunächst ganz naiv interpretiert, also: Ja, klar, wir mögen Tonio Kröger, wir identifizieren uns mit ihm. Am Ende aber werden darin unsere Wunden und unsere Traurigkeit auf eine Weise gefeiert, daß wir aus unserem Mißerfolg Freude beziehen. Es ist eine Art Legitimation für unser Anderssein. Dann habe ich den Studenten zu lesen gegeben, was Marcel Reich-Ranicki darüber schrieb, und ich habe ihnen erzählt, warum diese Geschichte mich so geprägt hat. Auch ich war Tonio Kröger.

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