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Große neue Romane : Die Vergangenheit als Infekt

Nicht nur die Romanfiguren, wir alle sind dieser Niemand, wie er da hilflos und achselzuckend rechts vorne steht: Ausschnitt aus Werner Tübkes Bauernkriegspanorama im thüringischen Frankenhausen. Bild: Dieter Leistner

Die deutsche Literatur hat in diesem Herbst ein Leitmotiv: die Gewalterfahrungen des zwanzigsten Jahrhunderts. Vier große neue Romane erzählen Zeitgeschichte auf je ganz eigene Weise.

          Am kommenden Montag erscheint ein 820 Seiten starker Roman des Leidens. Nicht des Leidens für den Leser, dem steht vielmehr eine faszinierende Lektüre bevor. Aber „Schermanns Augen“ lässt seine Protagonisten leiden: während des Zweiten Weltkriegs im GULag, den jungen deutschen Kommunisten Otto Haferkorn, der den Säuberungen unter den vor Hitler nach Moskau geflohenen deutschen Genossen zum Opfer gefallen ist, und den Titelhelden Rafael Schermann, einen schon älteren polnischen Juden, der im ersten Drittel des zwanzigsten Jahrhunderts Furore als Hellseher gemacht hat, nun aber durch die widrigen Zeitläufte in sowjetische Gefangenschaft gelangt. Es ist spät im Jahr 1940, es herrscht die bizarre Zwischenzeit des Hitler-Stalin-Pakts mit all ihren politischen Unsicherheiten. Dass ein Häftling, dem nachgesagt wird, die Zukunft voraussagen zu können, nicht nur im Lager Begehrlichkeiten weckt, kann man sich denken. Kaum aber, was Schermann und dessen neuem Protegé Haferkorn im Archangelsker Gebiet, hoch in der Tundra, in dem knappen Jahr der Haupthandlung widerfährt.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Steffen Mensching, geboren 1958 und seit zehn Jahren Intendant des Theaters im thüringischen Rudolstadt, hat jahrelang für diesen zeithistorischen Roman recherchiert, und was er aus Archiven und Augenzeugenberichten über den GULag zusammengetragen hat, ist noch einmal neu – trotz Solschenizyns oder Schalamows erschütternden Büchern. Neu, weil es die Perfidie der Lagerleitung mit der der Häftlingshierarchie konfrontiert: einem weiteren Ausbeutungssystem neben der Zwangsarbeit in der Eishölle des langen Winters und der Insektenplage des kurzen Sommers im russischen Norden. Haferkorn gilt als Niemand im Lager; als Deutscher und Kommunist ist er doppeltes Gespött für die Kriminellen, die das große Wort unter den Häftlingen führen. Erst als Schermann ihn zu seinem Vertrauten macht, sieht Haferkorn eine Chance zu überleben. Und wider besseres Wissen hofft man mit ihm.

          Steffen Mensching

          „Schermanns Augen“ ist nur einer von gleich vier voluminösen deutschsprachigen Romanen, die in diesem Literaturherbst für Aufsehen sorgen werden, weil sie die zentrale Erfahrung des zwanzigsten Jahrhunderts, die totalitäre Gewalt, jeweils so zur Sprache bringen, dass es einem den Atem verschlägt. Die anderen drei sind Ursula Krechels „Geisterbahn“, Nino Haratischwilis „Die Katze und der General“ und „Schattenfroh“ von Michael Lentz. Zusammen sind das mehr als dreitausend Seiten, von denen nicht wenige kaum erträglich sind, weil es den vier Autoren jeweils gelingt, die Machtlosigkeit des Einzelnen vor dem strukturellen Terror in Bilder zu fassen, die an Anschaulichkeit des Schreckens nichts zu fürchten übrig lassen. Das aber jeweils mit ganz unterschiedlichen Methoden.

          „Ästhetik des Widerstands“

          Mensching orientiert sich klar erkennbar am Vorbild von Peter Weiss’ dreibändiger „Ästhetik des Widerstands“. Wie dieses mittlerweile rund vierzig Jahre alte Romanepos ist „Schermanns Augen“ in langen, durch keinen Absatz unterbrochenen Kapiteln verfasst; die wörtliche Rede der Protagonisten bleibt ungekennzeichnet, ständig ist man bei der Lektüre auf der Suche nach Anzeichen, wer was wann erzählt, zumal die Romanhandlung immer wieder auch weit zurückführt, wenn sie die Geschichte von Schermann erzählt, der überhaupt erst nach hundert Seiten zur zweiten zentralen Figur wird. Seine Geschichte ist eine im Kern wahre; man kann alles, was Mensching über Rafael Schermanns Hellseherkarriere erzählt, nachprüfen, während Otto Haferkorn als idealtypische Stellvertreterfigur für eine kommunistische Generationenerfahrung der Zwischenkriegs- und Kriegszeit konzipiert ist – genau wie der namenlose Ich-Erzähler bei Peter Weiss. Und wie in der „Ästhetik des Widerstands“ wird darum herum ein ganzes Panoptikum realer Akteure auf der Grundlage penibler Quellenrecherche in zeitgenössischen Konstellationen vorgeführt, die in ihrer Unmenschlichkeit für ein später geborenes Publikum wohl nur noch in einem Roman nachvollziehbar sind.

          Das Wissen um dieses Bedürfnis nach erzählerischer Vermittlung von Geschehnissen, gegen deren Verständnis sich der Verstand sperrt, ist auch der Hauptantrieb für Ursula Krechels Roman „Geisterbahn“. Seit „Shanghai fern von wo“, ihrem 2008 erschienenen und ähnlich wie Menschings Buch konzipierten Roman über die deutschen Exilanten während des Zweiten Weltkriegs in Fernost, hat das Thema der Rückkehr der von Hitler Verfolgten in ihre Heimat die heute siebzigjährige Autorin nicht mehr losgelassen. In „Landgericht“ schilderte sie 2012 das Einzelschicksal eines 1933 aus dem Amt gejagten jüdischen Richters in der Bundesrepublik und erhielt dafür den Deutschen Buchpreis. Jetzt, sechs Jahre danach, erweitert Ursula Krechel ihre Perspektive, obwohl es wieder um dieselbe Zeit geht: „Geisterbahn“ kommt Anfang September bei Jung und Jung heraus und erzählt von drei Familien, die zunächst einmal nur über ihre geographische Herkunft verbunden scheinen: Trier, die Heimatstadt auch von Ursula Krechel. Doch im Laufe der mehr als vierzig Jahre von der NS-Zeit bis in die westdeutschen Siebziger werden die Familien Dorn (Sinti aus dem Schaustellergewerbe, daher – aber natürlich nicht nur daher – der Romantitel „Geisterbahn“), Torgau (Arbeiter mit fester linker Überzeugung) und Blank (Beamte mit entsprechend jeweils staatstreuer Gesinnung durch die wechselnden Systeme) miteinander verbunden durch ihre Kinder, die in der Nachkriegszeit auf dieselbe Trierer Schule gehen. Dadurch entsteht eine zwiespältige Perspektive: Es kommt eine spezifisch kindliche Unschuld ins Spiel, die just jene Unheimlichkeit vermittelt, die der Titel beschwört. Der Ich-Erzähler Bernhard Blank etwa ist der Sohn eines Polizisten, dessen Rolle immer obskurer wird.

          Ursula Krechel

          Ursula Krechel hat ebenfalls jahrelanges Aktenstudium betrieben, vor allem aber Zeitzeugen befragt und daraus dann einen Roman gemacht, der in weiten Teilen auch eine Chronik Triers im mittleren zwanzigsten Jahrhundert ist. Damit zieht die Stadt und ihre Umgebung im Karl-Marx-Jahr nun in die deutsche Literaturgeschichte ein: als exemplarischer Ort der NS- und Nachkriegszeit, nämlich als Grenzstadt, was sie für die Zeit des „Dritten Reichs“ besonders interessant macht, und später dann als Kasernenstandort für die Truppen der Siegermächte. Die Nähe zu Luxemburg sorgt dafür, dass die hierzulande weitgehend unbekannte Leidensgeschichte des Fürstentums unter deutscher Besatzung einen wichtigen Seitenstrang von Krechels Roman ausmacht. Doch die zahlreichen Passagen zum großen politischen Geschehen – Adenauer etwa ist ein Wiedergänger in den Kapiteln – kehren immer wieder zurück zu den nur scheinbar kleinen individuellen Schicksalen. Die Dorns erdulden Haft, Folter, Mord und Verstümmelung, die Torgaus kommen etwas weniger schlimm davon, aber wirkliche Verzweiflung tritt bei der Lektüre in der zweiten Hälfte der sechshundert Seiten ein, nach 1945: angesichts der Fassungslosigkeit über die Gleichgültigkeit gegenüber den NS-Opfern in der Bundesrepublik. „Sätze wie Messer“ werden im Buch einer Figur bescheinigt. Das gilt auch für „Geisterbahn“ selbst. Die Dorns und die Torgaus werden ebenfalls als Niemand angesehen, hier aber nicht von Verbrechern, sondern von ihrer friedlichen und selbstzufriedenen Umgebung, weil die Erinnerung an die Untaten der NS-Zeit Frieden und Zufriedenheit nur stören würden.

          Ein epischer Klagegesang über die Conditio humana

          Und dann ist da in der Trierer Region ein soziales Phänomen, dem Krechels besondere Aufmerksamkeit gilt, wenn es um den Opportunismus geht: „wir alle im Kokon des Katholizismus“, heißt es einmal. Derart eingesponnen, also mitgefangen im katholischen Milieu, ist durch seine Familie auch der Ich-Erzähler in „Schattenfroh“ (Ende August bei S.Fischer), einem tausendseitigen Buch von Michael Lentz, in gewisser Weise die ungleich umfangreichere und literarisch noch komplexere Fortsetzung des bewegenden autobiographischen Textes „Muttersterben“ von 2001, der damals unter dem Eindruck des Todes der Mutter des Schriftstellers entstanden war. Das neue Buch trägt als Gattungsbezeichnung „Ein Requiem“. Nun ist der 2014 gestorbene Vater die Bezugsperson von Lentz’ Schreiben und über die Unteilbarkeit von Vater und Sohn in der christlichen Gottesvorstellung, kommt der Opfertod ins Spiel. Aber im Gegensatz zu „Muttersterben“ ist „Schattenfroh“ kein wie auch immer essayistisch oder poetologisch angereicherter Erfahrungsbericht, ja nicht einmal vorrangig eine persönliche Erinnerung, sondern ein einziger epischer Klagegesang über die Conditio humana. Der Erzähler selbst nennt sich hier „Niemand“, doch es gibt zahllose anagrammatische Anspielungen auf den Namen Michael Lentz, und das Geschehen ist stets rückgebunden an die Familie des Schriftstellers und an Düren, seine rheinische Heimatstadt.

          Michael Lentz

          Dass dabei deren fast vollständige Zerstörung durch alliiertes Bombardement im November 1944 zu einem zentralen Ereignis wird, ist wenig überraschend, aber dass Lentz es vor allem dadurch thematisiert, dass er mehr als siebzig Seiten seines Buchs mit einer handschriftlich reproduzierten eigenen Namensliste der damals erfassten 3100 Toten füllt, ist ein erster verstörend inszenierter Fremdkörper im üblicherweise makellosen Erscheinungsbild eines gedruckten Buchs. Er macht das Grundprinzip des in „Schattenfroh“ waltenden Erzählens deutlich: den Bruch, auch typographisch. Später verblassen Absätze, Schrift wird kleiner, steht Kopf, ist codiert – alles, was Schreiben auch materiell sein kann, wird hier vorgeführt. Vorbild solcher Gestaltungstricks ist für Lentz eindeutig Laurence Sternes Schelmenroman „Tristram Shandy“, aber der deutsche Autor macht daraus das bitterböse Porträt des Teuflischen im Menschen.

          Phantastische Elemente sind in „Schattenfroh“ ebenso vertreten wie dokumentarische: Für einen langen Teil der Handlung tritt der Ich-Erzähler durch einen Wandteppich in die Vergangenheit ein und besucht Düren zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Hunderte Seiten später wiederum imaginiert er sich in die Szenerie nach der 1525 geschlagenen Schlacht bei Frankenhausen, die aber hier von Thüringen in die Eifel verlegt wird, nach Prüm, einem weiteren für Lentz autobiographisch wichtigen Ort. Es geht für diese Schilderung mitten hinein ins für Frankenhausen gemalte riesige Bauernkriegspanorama von Werner Tübke, in dem an prominenter Stelle, nämlich vor einem Galgen, ein Alter Ego des Künstlers auftritt – auch von Tübke „Niemand“ genannt. In „Schattenfroh“ ist die Zahl der ästhetischen Einflüsse kaum auszuloten.

          Wer sich allerdings realistisches Erzählen erwartet, ist mit dem Buch verloren. Es führt stattdessen meisterlich vor, was Assoziationsreichtum in der Literatur bewirken kann. Das Gegenstück dazu liefert Nino Haratischwili mit „Die Katze und der General“ (Ende August bei der Frankfurter Verlagsanstalt). Verglichen mit dem vor vier Jahren erschienenen gefeierten Roman „Das achte Leben (für Brilka)“ ist der Nachfolger nur noch halb so lang geworden (immer noch mehr als siebenhundert Seiten), setzt jedoch die multiperspektivische Erzählweise fort. Drei Protagonisten wechseln sich dabei ab, zwei von ihnen sind die Titelfiguren „General“ und „Katze“: ein im Tschetschenien-Krieg der neunziger Jahre an einem Exzessmord beteiligter russischer Soldat, der später zum reichen Oligarchen wird, und eine georgischstämmige in Deutschland lebende junge Schauspielerin. Hinzu kommt als Dritter ein Ich-Erzähler, ein deutscher Journalist, der beruflich wie privat auf Kriegsfuß mit dem „General“ steht. Trotzdem tun sich beide zusammen, um mit der Hilfe der Schauspielerin eine Art reenactment der dunklen Vergangenheit des Generals zu inszenieren, mit dem sich dieser an jenen rächen will, die ihm ehedem seine kindliche Unschuld genommen hatten.

          Mit Verleger Joachim Unseld im Frankfurter Sinkkasten: Für „Das achte Leben (für Brilka)“ erhielt Nino Haratischwili 2011 den Hotlist-Preis der unabhängigen Verlage.

          Ehe die Grundkonstellation des Romans klar wird, erzählt Nino Haratischwili parallel zueinander, nicht nur im steten Wechsel der Perspektiven, sondern auch der Handlungszeiten und -orte. Die Verknüpfungen werden spät klar, und dann verliert das Buch mit der Rätselhaftigkeit auch an Spannung. Zudem sind die drei Hauptfiguren eher Typen als psychologisch derart genau sezierte Charaktere, wie es im „Achten Leben“ der Fall war. Was „Die Katze und der General“ aber leistet, ist ein gnadenlos exakter Blick auf Russland in der Umbruchzeit der neunziger Jahre, als die kommunistische Entindividualisierung umschlug in eine Raubtiergesellschaft, die noch auf den alten Strukturen basierte und dadurch umso grässlichere Hierarchien schuf: Fast alle wurden dabei zu Niemanden. Am Beispiel der Armee macht Nino Haratischwili das viel deutlicher als im von ihr eher beiläufig behandelten ökonomischen Aufstieg des „Generals“, aber was sie ihn einmal denken lässt, verbindet alle Protagonisten der vier bislang erwähnten Romane miteinander: „Seine Vergangenheit war ein Infekt, gegen den keiner immun war.“

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          Was bleibt uns da als literarisches Antibiotikum? Ein ganz schmales, gegenwärtiges Buch, als Lektüre in diesem heißen Sommer wie aus der Zeit gefallen, aber in mehrerlei Hinsicht heilsam. Zsuzsa Bánk hat für die Edition Chrismon eine Weihnachtsgeschichte geschrieben, die am 1. September erscheinen wird: „Weihnachtshaus“ heißt sie, und auf wenig mehr als hundert Seiten bietet diese Auftragsarbeit das bewegende Porträt einer Familie, deren Vater jung gestorben ist, worüber die Mutter nicht hinwegzukommen scheint. Bis eine Freundin mit ihr gemeinsam ein baufälliges Haus im Odenwald erwirbt, das aber erst einmal noch für Jahre unberührt bleibt: als bloße Hoffnung auf einen Neuanfang. Warum es dann dazu kommt und wie die Infektion mit den Schrecken der Vergangenheit geheilt werden kann, das findet hier Ausdruck in den Topoi – Schnee und Lieder und Freundlichkeit – eines Genres, das gerne abgefertigt wird als Literatur nach Reißbrettschema. Aber auch Weihnachtserzählungen und ganz besonders diese von Zsuzsa Bánk erfüllen den Publikumswunsch nach Auskunft darüber, was unsere Welt ausmacht. Und das ist nicht zuletzt das Glück.

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