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Literatur : Haben Sie ein Gespür für Gott, Herr Høeg?

  • -Aktualisiert am

Rückkehrer: Peter Høeg Bild: F.A.Z.-Burkhard Neie

Der Roman „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“ machte ihn berühmt. Doch dann, 1996, verschwand Peter Høeg plötzlich. Nun ist er wieder da: ein Gespräch über den Schriftsteller als Bergführer und Høegs neuen Roman „Das stille Mädchen“.

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          Der Roman „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“ machte ihn berühmt. Doch dann, 1996, verschwand Peter Høeg plötzlich. Gerüchte von Séancen auf Jütland machten die Runde. Bis der Däne sich im letzten Herbst zurückmeldete - mit einem Roman. In wenigen Tagen erscheint „Das stille Mädchen“ in deutscher Übersetzung. Wir treffen uns in einem Münchner Hotel. Peter Høeg trägt beige Cargohose und grauen Pulli und besteht darauf, deutsch zu sprechen. Außerdem möchte er geduzt werden.

          Du warst zehn Jahre verschwunden; selbst dein dänischer Verleger soll zeitweise nicht gewusst haben, wo du warst. Als du weggegangen bist aus Kopenhagen, wusstest du da, ob du je wieder ein Buch schreiben würdest?

          Ich wusste, dass ich dieses Buch schreiben musste. Ich hatte nicht das Gefühl, eine Wahl zu haben. Der Prozess hat lediglich sehr lange gedauert.

          Woran lag das?

          Ich glaube, dass dieses Buch als Projekt groß ist, ganz egal, ob man es mag oder nicht. Und für eine lange Reise braucht man einfach mehr Zeit als für eine kurze. Das könnte ein Grund sein. Und: Ich habe selbst das Gefühl, dass ich in meinen früheren Büchern ein bisschen in Spirale, in Kreisbewegungen geschrieben habe, ohne wirklich voranzukommen. Eine vertikale Veränderung zu erreichen dauert länger, es ist viel einfacher, horizontal voranzuschreiten.

          Es ist leichter, in die Breite zu gehen als in die Tiefe?

          Ja, genau.

          Wie äußert sich das im Buch?

          Kaspar Krone, die Hauptperson, ist im Dialog mit dem Weiblichen. Ich glaube, wir möchten alle ganze Menschen sein, und für mich heißt es, dass man Kontakt mit dem anderen Geschlecht in sich selbst hat, ebenso wie man auch als Erwachsener mit dem Kind in sich die Verbindung suchen sollte. Das versuche ich in meinen Büchern. Vielleicht hat es auch mit meinem Alter zu tun. Ich bin jetzt fast fünfzig. Als junger Mensch fällt es einem schwer, die volle Kompliziertheit der Welt zuzulassen, und wenn man sich mit großen Fragen beschäftigt, dem Verhältnis zwischen den Geschlechtern, Gott, der Möglichkeit von Transzendenz, Erwachsen- und Kindsein, dann gibt es in diesen Fragen viel Energie, und dann zerfällt die Welt allzu leicht in das Gute und das Böse. Hier eine Balance zu finden, diese Polarisierung auszuhalten, das hat mindestens für mich länger gedauert.

          Wo hast du den Roman geschrieben? Du hast ja schon in vielen Ländern gelebt, auch in Afrika. Wo warst du denn nun in den letzten zehn Jahren?

          Ich war viel in Jütland, aber nicht nur. Ich wohne auf dem Land, zwanzig Kilometer außerhalb von Kopenhagen. Zwar verbringe ich jedes Jahr eine gewisse Zeit zurückgezogen, in einem Retreat. Dort sind auch große Teile des Buches entstanden. Aber meine Basis war immer mein Haus mit meinen Kindern, meiner Familie, bei Kopenhagen.

          Warum hieß es dann, du seist verschollen gewesen? Es schien ja so, als seist du zu einer deiner eigenen Figuren geworden, Zentrum einer fast kriminalistischen Geschichte . . .

          Die Mythologisierung von Personen ist ein medialer Vorgang, gegen den man machtlos ist. Wenn ein normaler Mensch beschließt, sich für einige Jahre ins Privatleben zurückzuziehen und sich seiner Familie zu widmen, regt das niemanden auf. Ich hatte einfach das Gefühl, ich will Zeit mit meinen Kindern verbringen und ich will dieses Buch schreiben, und ich will keinen Kontakt mit der Öffentlichkeit haben, weil das ja sehr anstrengend ist. Was ich getan habe, war ganz natürlich.

          Wobei es hieß, du hättest 1996 auch deiner Familie den Rücken gekehrt. Als wäre damals ein Bruch erfolgt mit allem, was du vorher warst.

          Das ist Blödsinn. Das hat mit der Wahrheit nichts zu tun.

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