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Literatur : Fritze, flink geschrieben

Brüderchen, komm schreib mit mir: Heinrich (l.) und Thomas Mann Bild: AP

Einen Roman über Friedrich den Großen, verfaßt vom Brüderpaar Heinrich und Thomas Mann: Mit Verve und Schneid hat Thorsten Becker die Geschichte dieses ungeschriebenen Buches für seinen neuen Roman „Fritz“ erfunden.

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          Dieses Buch ist ein toller Streich: ein historischer Roman, der von der Entstehung eines historischen Romans über Friedrich den Großen erzählt; eine Geschichte der Geschichte, ein Buch über Preußen und Deutschland! Und in den Hauptrollen: die Brüder Mann, Heinrich und Thomas, das Doppelgestirn der deutschen Literatur! Ist Thorsten Becker wirklich der erste Autor, dem diese Idee zuflog? Er ist es. Und mit demselben Schneid, den er schon in seinen früheren Büchern gezeigt hat, geht er auch in „Fritz“ auf sein Thema los.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Heinrich Mann, soviel wissen wir, ist am 12. März 1950 in Santa Monica gestorben, mitten in den Vorbereitungen zur Abreise in die damalige DDR. Bei Becker aber lebt er weiter, fährt über den Atlantik nach Berlin, wo er zum Akademiepräsidenten ernannt worden ist, und schreibt von unterwegs an seinen Bruder in Kalifornien. „Gib acht, lieber Tommy: Wollen wir nicht am Ende eines langen, langen Weges unsere schwindenden Kräfte zusammenpacken und dem, was wir in früher Jugend geträumt, Wirklichkeit geben? Ahnst Du, wovon ich spreche? Laß uns gemeinsam einen Roman schreiben. Den Friedrich-Roman.“

          Es hätte ihn geben können

          Diesen Friedrich-Roman hat es in Wirklichkeit nicht gegeben, aber es hätte ihn geben können. Thomas Mann hat 1915 einen berühmt-berüchtigten Essay über „Friedrich und die große Koalition“ verfaßt, Heinrich hinterließ bei seinem Tod ein szenisches Fragment unter dem Titel „Die traurige Geschichte von Friedrich dem Großen“. Beides weiß Becker, dessen vorletzter Roman „Der Untertan steigt auf den Zauberberg“ den Betriebsgeheimnissen der Familie Mann hinterherphantasierte, natürlich genau. Deshalb diktiert er seinen beiden Helden nicht nur die ersten acht Kapitel eines gemeinschaftlichen Friedrich-Buchs in die Feder, sondern streut auch Bruchstücke aus einer in Knittelversen geschriebenen Familientragödie namens „Katte“ ein. Deren Verfasser bleibt absichtsvoll ungenannt; Beckers fiktiver Thomas Mann sucht ihn bei „Mackie Messer und seiner Bande“, also im Umkreis Brechts.

          Seit das Potsdamer Hans-Otto-Theater im letzten September mit eben jenem „Katte“ wiedereröffnet wurde, ist der Schöpfer des Versdramas über die grausame Jugend des Kronprinzen Friedrich aber bekannt: Es ist Thorsten Becker. So gibt es in „Fritz“ buchstäblich nichts, das nicht von Becker stammt. Die vielen literarisch-historischen Spiegel, die in dieser Geschichte hintereinander gehängt sind, zeigen am Ende immer das Bild des Autors selbst. Sie zeigen ihn als Kenner der Weltlage um 1950, als fleißigen Rechercheur preußisch-fritzischer Kuriosa, als furchtlosen Stimmenimitator Thomas und Heinrich Manns und als tapferen, aber holprigen Knittelreimer („Was ich noch tun kann, bis der Vorhang fällt, / Nicht in meine Wahl war, ist das gestellt“). Was die Spiegel nicht zeigen und auch nicht zeigen wollen, ist ein stichhaltiges Zeitbild, sei es aus dem Barock oder dem Kalten Krieg. Flott, aber im Ganzen ziellos dreht sich dieser Roman immer um die eigene Achse, bis seinem kunstreichen Spiel die Puste ausgeht.

          Des Preußenkönigs wunde Seele

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