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Literatur : Ein Hauch von Ewigkeit

  • -Aktualisiert am

Klassisches Weiß: Der aktuelle Suhrkamp-Katalog Bild: Christian Thiel

Aus einem unendlichen Dschungel von Mythen, Meinungen und Mutmaßungen heraus macht Suhrkamp nur eines: einfach weiter. Wo steht der Verlag? Die Wahrheit liegt in der aktuellen Verlagsvorschau II/2006. Volker Weidermann hat sie sich angeschaut.

          Wer ist jetzt schon wieder entlassen worden? Wer bekämpft gerade wen? Welcher Autor muß gehen? Wer ist der Liebling des Monats? Was plant die Witwe? Was sagt die Kristallkugel? Wer wird Thronfolger? Das sind so die ewigen Suhrkamp-Fragen, und wenn es sie nicht geben würde und genug Leute, die sich für die Antworten darauf interessierten - die deutschen Feuilletons wären in den letzten Jahren, in den Jahren nach Siegfried Unselds Tod, aber eigentlich auch schon in der Zeit, als er noch lebte, mächtig leer gewesen. Und langweilig.

          Denn wir lieben unsere Suhrkamps. Sie sind die Königsfamilie des deutschen Geisteslebens. Und während alle über die Abschaffung dieser Monarchie diskutieren, ja viele sie schon für vollzogen halten, weil der Verlag selbst sich durch die Dürre des eigenen Programms, durch den unendlichen Personalverschleiß, durch eine Endloskette falscher Entscheidungen um das Thronrecht gebracht habe, macht Suhrkamp einfach weiter. Und weiter. Und weiter. Und was? Was machen sie weiter?

          Dschungel von Mythen

          Es scheint schwer, durch den unendlichen Dschungel von Mythen, Meinungen und Mutmaßungen einen Blick auf das Wesentliche zu gewinnen. Dabei ist es ganz einfach. Das Wesentliche ist für das Auge sichtbar. Das Wesentliche ist das Programm des Verlags, das sind die neuen Bücher, die das Haus für das zweite Halbjahr 2006 plant. Und das ist kein Geheimnis, sondern kann nachgelesen werden, im Suhrkamp-Katalog II/2006. Buchhandlungen, Buchkritiker und andere professionelle Buchbeschäftigte erhalten zweimal im Jahr per Post die Kataloge der Verlage, in denen sie auf ihre neuen Werke hinweisen. Wer eine Weile im Geschäft ist, bekommt zweimal im Jahr etwa dreihundert solcher Kataloge zugeschickt. Ein wahrer Berg türmt sich im Büro, nein, drei, vier Berge voller Buchversprechen.

          Siegfried Unseld (1994)

          Alle Kataloge haben das gleiche Format, die einen sind grellbunt und dick, die anderen zurückhaltend und ruhig und schmal. Einer ist immer weiß. Einer leuchtet heraus, schon von weitem. Der Klassiker. Der Suhrkamp-Katalog. Groß, am Fuß des oberen Drittels, steht der Name des Verlags in klassischer Type, erster und letzter Buchstabe des Namens sind leicht angeschnitten, alles immer gleich, nur die Farbe der Schrift wechselt von Halbjahr zu Halbjahr. Links am Rand, von oben bis unten aufgereiht, stehen die Namen der Protagonisten des Katalogs. Die Namen der Autoren, von denen im kommenden Halbjahr neue Bücher erscheinen werden. Diesmal sind es vierundfünfzig.

          Eine Aura der Großzügigkeit

          Ein erstes Durchblättern verstärkt den Eindruck des Klassischen. Fast alle Autoren sind gesetzten Alters, die Aufnahmen fast alle schwarz-weiß, meist zeigt der Verlag den Autor groß, sein neues Buch klein, nur bei wenigen ist es umgekehrt, da ist das Buch die Botschaft, und der Autor schaut uns aus einem Paßbild an. Es gibt viel Weiß auf den Seiten. Viel Leere, Luft. Eine Aura der Großzügigkeit. Der Rhythmus der Seitenfolge ist dynamisch. Die ersten wichtigen Bücher werden jeweils prächtig auf zwei Seiten angekündigt, dann beschleunigt es sich, mit einem Buch pro Seite, wird nach dem ersten Viertel kurz rasant, mit zwei Büchern pro Seite, doch dann folgt schon der neue Vargas Llosa, der wieder zwei Seiten bekommt, und die neue Allende sogar vier.

          Im Zentrum des sechsundachtzigseitigen Werkes aber steht ein großes Bild, das die Welt als Geldstück auf einer großen Aufklappseite zeigt. Das Bild verweist auf „Das meistverkaufte Buch über die Zukunft der Gegenwart“, auf Thomas L. Friedmans Werk „Die Welt ist flach“, mit dem bescheidenen Untertitel: „Eine kurze Geschichte des 21. Jahrhunderts“. Neben dem kleinen Bild des schnauzbärtigen Autors, das ihn vor dem Weißen Haus zeigt, heißt es: „Der gegenwärtig wichtigste Kolumnist Amerikas“. Und als Quelle: „The New York Times“. Da Friedman bei eben jener „New York Times“ Kolumnist ist, was auch die Kurzbiographie direkt darüber vermerkt, wirkt das ein wenig unseriös.

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