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Literatur : Die Invasion der Blogger

Energieschub für einen Bestseller - Neil Gaimans „American Gods”
          4 Min.

          Das amerikanische Internet-Magazin Wired.com, nicht unbedingt für seine Zurückhaltung im Ausrufen von Trends bekannt, begriff das Phänomen wieder einmal als erstes in seinem ganzen Ausmaß: Wie nämlich der Fantasy-Autor Neil Gaiman, der sich durch seine Comic-Serie "Sandman" schon eine treue Fangemeinde erarbeitet hatte, im Internet seinen Roman "American Gods" bewarb, das werde "Auswirkungen haben, wie Bücher in Zukunft promoted werden".

          Harald Staun
          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Keine Frage, es war schon außergewöhnlich, was Gaiman da auf seiner Website veranstaltete: Monate vor dem Erscheinungstermin seines Buches begann er mit der Veröffentlichung eines "Journals", in dem er Einblicke in die Produktionsbedingungen gewährte, ironisch seine Verhandlungen mit dem Verlag beschrieb, konzeptuelle Überlegungen verriet oder auch nur kurz von seinen Reisen berichtete. Über 56.000 Nutzer besuchten die Seite vor der Veröffentlichung des Buches und diskutierten in froher Erwartung darüber an anderer Stelle im Netz. Und sicherlich trug auch diese besondere Form der Leserbindung dazu bei, daß "American Gods" zum Bestseller wurde und sein Autor heute den Beinamen "der neue Stephen King" trägt.

          Sprachlos im Internet?

          Allerdings: So richtig durchgesetzt hat sich die neue Art der Buchpromotion bisher noch nicht. Zwar hat es die Form des digitalen Journals unter der gräßlichen Bezeichnung "Blog" zum Internet-Hype der vergangenen zwei Jahre geschafft, aber gerade angesichts der unüberschaubaren Schar gelegentlich bemerkenswert talentfreier Chronisten scheint es den professionellen Autoren im Netz die Sprache zu verschlagen. Es sieht fast so aus, als ob hierzulande Rainald Goetz' Internet-Tagebuch "Abfall für alle" bereits 1998 Maßstäbe gesetzt hat, die sich niemand mehr zu erreichen traut.

          Ein halbes Jahrzehnt und unzählige Diskussionen um das Genre der "Netzliteratur" später haben sich die Literaten nahezu komplett wieder zwischen ihre Buchdeckel zurückgezogen, in jenes Medium also, dem übermütige Visionäre wie William Mitchell vom Massachusetts Institute of Technology schon damals prophezeit hatten, es werde nur noch Menschen interessieren, die "von in toter Kuh eingeschlagenen Baumschnipseln" abhängig sind. Derartige Fetischisten allerdings halten sich hartnäckig, auf der Seite der Produzenten wie der Konsumenten.

          Verzeichnisse wundervoller Dinge
          Solange man mit einem gedruckten Buch selbst in Kleinstauflage immer noch mehr Eindruck machen kann als mit einer wie gut auch immer besuchten Website, so lange müssen die Verlage keine größeren Abwanderungsströme ins Netz befürchten. Und umgekehrt hoffen wohl selbst die Chef-Ideologen unter den Bloggern, trotz ihrer Manifeste gegen Gleichförmigkeit und Unzeitgemäßheit klassisch publizierter Werke, insgeheim auf die E-Mail eines interessierten Literaturagenten. Um so bemerkenswerter ist es, daß die Präsenz von Autoren im Netz in letzter Zeit in neuer Form wieder aufzuleben scheint - nicht als Ersatz für die papierne Ausgabe, sondern als Verlängerung der gedruckten Fassung mit anderen Mitteln: das Blog zum Buch wird immer beliebter.

          Auch diese Form findet ihre Pioniere natürlich in Amerika. Der Science-fiction-Autor Cory Doctorow etwa hat sich in der Blogger-Gemeinde längst einen Namen als Betreiber des Weblogs "Boing Boing" gemacht, dem "Verzeichnis wundervoller Dinge". Chuck Palahniuk ("Fight Club") sprach für die Seite "The Cult" (www.chuckpalahniuk.net) Kurzberichte über seine Leserreise auf einen Anrufbeantworter, die dann im "AudioBlog" abgehört werden konnten, und Neal Stephenson strickte gar ein "Metaweb" um seinen Wissenschaftsroman "Quicksilver", in dem Figuren des Buches auftauchen, Anmerkungen vertieft und offene Fragen beantwortet werden sollen (www.metaweb.com).

          Mehr als literarischer Kundendienst

          Als sei es die ureigene Aufgabe eines Schriftstellers, Verständnisschwierigkeiten bei der Lektüre persönlich auszuräumen, schreibt Stephenson in der Einführung zu seiner Seite: "Wenn Sie in der Hoffnung hierhergekommen sind, eine Erklärung für etwas zu bekommen, das Sie an ,Quicksilver' verwirrt, dann sollte diese Seite das Ziel erfüllen. Wenn Sie keinen bereits bestehenden Kommentar finden, der Ihre Frage beantwortet, können Sie mich oder jemand anderen auffordern, einen zu schreiben und ins Netz zu stellen."

          Natürlich geht es dabei weniger um eine Art literarischen Kundendienst als vielmehr darum, den Kosmos, den ein gutes Buch eröffnet, eben noch ein wenig auszubauen. Bei Stephenson kann man ohnehin davon ausgehen, daß ihm bewußt ist, daß zwei Buchdeckel nur sehr vorläufige Grenzen eines Werks markieren. Schließlich handelt es sich bei "Quicksilver" gleichermaßen um eine Fortsetzung von "Cryptonomicon" wie um den Auftakt zum dreiteiligen "Barockzyklus".

          Nicht nur Stephensons ambitioniertes Projekt wirft weit interessantere Fragen auf als diejenige, wie gut es als Marketinginstrument für sein Buch funktioniert. Selbst hartnäckigen Kritikern postmoderner Literaturtheorien dürfte auffallen, wie sich dabei die klassische Trennung zwischen dem Werk und seiner Rezeption auflöst. Als könne sich der Autor nicht von seinem Text trennen, wird der Moment verwischt, in dem er ihn der Öffentlichkeit übergibt; als Moderator des Diskurses über seinen eigenen Gedanken steht er dem Publikum weiter zur Verfügung. Auch für den Verfasser steht das Buch damit nicht mehr als Ergebnis am Ende einer Periode kreativer Arbeit, sondern am Anfang seiner Wirkungsgeschichte.

          Kritik der Kritik

          Jüngstes Beispiel in der deutschen Literatur ist das Weblog zu Ingo Niermanns Protokoll-Buch "Minusvisionen" (www.minusvisionen.de). Schon allein die Tatsache, daß die meisten Einträge auf der Seite von Jens Thiel stammen, einem der im Buch interviewten gescheiterten Unternehmer, ist ein literaturgeschichtlich ungewöhnliches Ereignis: Es ist das Buch, das hier spricht, nicht der Autor. Und obwohl sich auch Niermann selbst gelegentlich zu Wort meldet, sind es in erster Linie die Protagonisten aus "Minusvisionen", die antreten, um das Buch gegen seine Kritiker zu verteidigen. Denn "unser mikroökonomisches Feuilleton", so der Untertitel der Seite, dient nicht nur als Forum für blog-typische Fundstücke über die Banalitäten des Alltags und literarische Miniaturen, sondern vor allem als erste Anlaufstelle für Rezensionen des Buches und deren Erwiderung. Und wer weiß: Vielleicht schließt sich der Kreis, wenn irgendwann alle Kritiker kritisiert worden sind und aus den Diskussionen unter den Hauptfiguren genug Ideen für ein neues Buch hervorgegangen sind.

          Neil Gaiman übrigens führt ungeachtet seines Bestseller-Erfolgs sein Tagebuch brav weiter fort. Und wenn es einmal nichts zu berichten gibt, dann ist auch das einen Eintrag wert. "Heute war in keinerlei Hinsicht ein besonders bemerkenswerter Tag", ließ er seine Gemeinde am letzten Freitag wissen. "Die Höhepunkte waren ein Besuch beim Zahnarzt und ein Haarschnitt." Noch Fragen?

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