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Literatur : Die Frauen in Iwanowo

Er ist zurück: Sascha Anderson Bild: Franz Bischof

Lange Zeit war Sascha Anderson nur noch der enttarnte Stasi-Spitzel. Doch die Kritik hat bemerkt, dass man an der poetischen Gabe dieses Mannes nicht vorbeigehen kann. Nun las Anderson in Frankfurt.

          Sascha Anderson liest in der Frankfurter „Romanfabrik“. Er begleitet seinen Vortrag, der mit einem Zyklus neuer, noch unveröffentlichter Gedichte beginnt, anfangs mit einer Computerprojektion von Verszeilen, die sich bewegen, versetzt werden, die sich in reine grau-graphische Blöcke verwandeln, dann wieder lesbar werden. Dazu läuft im Hintergrund eine unaufdringliche Ambient-Musik. Schon immer gehörte Anderson zu den Dichtern, für die die visuelle Erscheinung des Gedichts auf der Seite, die Typographie, die Illustration, ja die ganze Buchgestalt einen wesentlichen Teil der Gabe der Musen oder, schlichter, des Handwerks ausmachen. Er war Verleger, er war Musiker, er ist ein Dichter.

          Lorenz Jäger

          Freier Autor im Feuilleton.

          Anderson liest mit großer Intensität, eine zurückhaltende Choreographie der Hände gehört dazu. Auch die Prosa klingt wie ein Gedicht, mit ihren ausschweifend langen Sätzen, es sind Passagen aus der vor einem Jahr veröffentlichten Novelle „Totenhaus“. Unter den Motti des Buches findet man eines von Novalis, Andersons Haupt-Hausgenius: „Kurz, man verliert die Lust am Mannigfaltigen, je mehr man Sinn für die Unendlichkeit des Einzelnen bekömmt.“ Damit ist der Stil sehr gut beschrieben. Es geht in der Novelle um ein Haus, Anderson muss sich über die Jahre ein besonderes Wissen um Bau- und Ausstattungsdetails angeeignet haben, ganz offensichtlich liebt er das technische Können.

          Kunst. Und ein Tod

          Die Zeit: Spätphase der DDR; Ausreisewillige hier, ein Mitarbeiter der Hauptverwaltung Aufklärung dort. Der Schauplatz: Ost-Berlin, dann das Elbtal. Konspiration und Doppel-Konspiration. Kunst. Und ein Tod. Die Sätze sind bis zum Bersten gefüllt mit Einzelheiten, mit Gedanken oder Gedankensplittern. Avantgarde-Tradition also, nur dass die Menschen zum Beispiel „Erdmannsdorff“ heißen wie der klassizistische Architekt. Aber die Hauptfigur, Friedrich Weisz, trägt einen Namen, in dessen Schreibweise man neben der deutschen Herrschergeschichte ein Fremdheitssignal erkennt.

          Es gab eine Zeit, da niemand, jedenfalls im organisierten Kulturbetrieb, etwas von dem enttarnten Stasi-Spitzel annahm. Diese Zeit ist vorbei. Die Kritik hat bemerkt, dass man an der poetischen Gabe dieses Mannes nicht vorbeigehen kann. Den Schluss der Lesung machen Gedichte aus dem gleichfalls vor einem Jahr veröffentlichten Band „Crime Sites. Nach Heraklit“. Und am Ende spricht Anderson das vielleicht schönste, jedenfalls unmittelbar zugänglichste, das von den Frauen in Iwanowo, einer Stadt der sowjetischen Textilindustrie, in der in den siebziger Jahren mehr als zwei Drittel der Bevölkerung weiblich war: „Sie trug ihr Kleid, wie alle tausend Rosen des Abends ihre Kleider auch. Ich weiß / Der Tag zieht aus, er macht sie nackt und stellt sie in die Vase, allein, die Dunkelheit verhüllt die Nacht. Nur umgekehrt / wird nichts daraus.“

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